Von Jacqueline Falk

Der Infopoint für Museen und Schlösser in Bayern ruft vom 10. April bis 14. Mai zum »Perlen fischen« auf, doch welche der vielen Perlen der Sammlung im Lenbachhaus soll gehoben werden? Etwa ein Gemälde aus der neuen Sammlungspräsentation »Bildschön – Ansichten des 19. Jahrhunderts«, etwas vom »Blauen Reiter« oder doch ein unbekanntes Werk aus dem Depot? Wir haben uns entschieden eine zeitgenössische Perle aus der neuen Ausstellung »Mentales Gelb. Sonnenhöchststand« vorzustellen, die Werke der Sammlung KiCo präsentiert. Der Schwerpunkt dieser Sammlung lag zunächst auf Werken, die sich mit der Auflösung des Gegenständlichen in Licht und Farbe auseinandersetzen. Im Lauf von zwei Jahrzehnten hat sich die Sammlung auf ein weites Spektrum von Gegenwartskunst bis hin zu raumgreifenden Installationen ausgedehnt. Seit 1995 besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Bonn, der wenig später die Kooperation mit dem Lenbachhaus folgte und die durch die Gründung der KiCo Stiftung 2009 gefestigt wurde. Beide Museen präsentieren in der Ausstellung »Mentales Gelb. Sonnenhöchststand« bis 20. August (Bonn) bzw. 8. Oktober 2017 (Lenbachhaus) verschiedene Teile der Sammlung KiCo.

Drei Arbeiten der pakistanisch stämmigen Künstlerin Ceal Floyer verbinden sich im Erdgeschoss des Lenbachhauses in einem Raum. Eine Perle, weil man nicht alle Arbeiten auf den ersten Blick entdeckt, und weil sie wichtige Themen der Sammlung KiCo auf intelligente und humorvolle Weise vereint. Eine Glühbirne auf einem Tageslichtprojektor fällt dem Betrachter als erstes ins Auge. Der Projektor ist vielen aus der Schulzeit noch vertraut und ruft vermutlich eher gemischte Gefühle hervor. Sinnbildlich steht er für das Licht, ohne das Farbe nicht erfahren werden kann. Künstliches Licht zudem, dessen Entwicklung es Künstlerinnen und Künstlern erst erlaubte, unabhängig vom Tageslicht zu malen und somit die Geschichte der jüngeren Malerei, die 24 Stunden produziert, erst möglich machte. Stellvertretend für die Erfindung des künstlichen Lichts liegt auf dem Projektor eine Glühbirne, die darüber hinaus auch als Symbol für eine geistige Idee verstanden werden kann. Ceal Floyer projiziert sie hier als Abbild an die Wand, ein ironischer Verweis auf den Begriff des künstlerischen Genies und dessen Schöpfungskraft.

So manchen erinnert die Glühbirne vielleicht auch daran, wie man in der Schule so oft ohne Idee vorne am Projektor stand. Man wartet auf eine Eingebung und schaut sich um. Erst dann entdeckt man die kleine Videoprojektion in der oberen Ecke des Raumes über dem Türeingang: Zwei Hände, die Däumchen drehen. Sie stehen beispielhaft für das Warten als einen vorübergehenden Zustand, aus dem man nach einer gewissen Zeit (hoffentlich) erlöst wird. Floyer hingegen eliminiert in der filmischen Endlosschleife die Logik einer zeitlichen Abfolge und überführt das Warten als produktive Langeweile in einen unendlichen Dauerzustand. Mal für einen längeren Zeitraum nichts zu tun zu haben, sich Zeit zu nehmen zum Nachdenken und zur Kontemplation, das scheint in unserer heutigen, schnelllebigen Zeit immer wichtiger zu werden. Genau dazu laden noch weitere Werke in der Ausstellung ein. Um die feinen Nuancen der Farbmodulation in den monochromen Gemälden von Marcia Hafif, Rolf Rose oder Thomas Bechinger zu erfahren, braucht es Zeit. Karla Blacks ephemere Skulptur »Eventually Benign« (2017) aus Papier, Gipspulver und Pigmenten lädt ebenso zum Verweilen ein wie Olafur Eliassons »Round Rainbow« (2005). Andere Arbeiten thematisieren Zeit und deren Auswirkung auf Licht und Farbe ganz konkret, wie Inge Dicks »Sommer Weiß Licht« (2013).

Licht ist in der Arbeit von Ceal Floyer durch Projektor und Glühbirne präsent, doch Farbe scheint nahezu abwesend zu sein – bis man den Kassenbon an der Wand entdeckt. Bei Kaisers in Berlin wurden unter anderem Pilze, Rettich, Joghurt, Speisesalz und Servietten gekauft. Beim Lesen der eingekauften Waren entsteht ein virtuelles Stillleben, dessen Komposition durch die Reihenfolge bestimmt wurde, in der das Kassenpersonal die Waren eingescannt hat. Außerdem fällt auf, dass alle gelisteten Produkte weiß sind. Ohne ein Bild anzufertigen, thematisiert Floyer die Farbe Weiß und ruft eine Vorstellung vor dem inneren Auge des Betrachters auf. Sozusagen eine mental-weiße Perle.

Ein an der Wand angebrachter Kassenbon, eine Glühbirne auf einem Tageslichtprojektor – die von Ceal Floyer verwendeten Gegenstände erscheinen zunächst banal. Doch drückt sie dadurch eine ironische Haltung gegenüber dem konzeptkünstlerischen Dogma einer gänzlich entmaterialisierten Kunst aus und reflektiert die Präsentations- und Repräsentationsmodi von Kunst. Sie knüpft an andere Arbeiten der Sammlung KiCo an, etwa an die »Mailed Paintings« von Karin Sander, Liam Gillicks Wandarbeit »Glanced In The Midst of a Legislated Break« (2006) oder an Gerhard Richters »10 Scheiben« (2013). Eine vielschichtige, humorvolle und mental-weiße Perle also, die Sie bei Ihrem nächsten Besuch unbedingt auch für sich selbst bergen sollten!

Jacqueline Falk ist Mitarbeiterin des Lenbachhauses in der Abteilung für Kommunikation und u.a. zuständig für die Online-Redaktion.

Ein Gedanke zu “Eine mental-weiße Perle

  1. Liebe Jacqueline,
    wir möchten uns sehr herzlich für diese inspirierende mental-weiße Perle als Beitrag zu unserer Blogparade #perlenfischen bedanken!
    Viele Grüße
    Sabine, Anna & Jana (Redaktion Museumsperlen)

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