von Barbara Soldner

»Zurück zur Wurzel des Schauens, des Sehens« führt ihn dieses Projekt, sagt Eric Schaefer über die Improvisation zu Murnaus »Nosferatu«. Keine einstudierte Partitur, keine aufgeräumten Musiker hinter Notenpulten, keine Routine. Ausgang der Unternehmung: ungewiss. Dauer: exakt 64 Minuten. Friedrich Wilhelm Murnau hat seine Dracula-Adaption eine »Symphonie des Grauens« genannt, die Erfindung des Horrorfilms im Rhythmus eines klassischen Dramas: Fünf Akte. Zwei Solisten. Ein Ensemble. Keine Noten. Die Partitur ist der Film, dessen musikalische Übersetzung aus dem Moment entsteht, aus der »Wurzel des Schauens«.
Die improvisierte Musik hat eine lange Tradition, im Kino wie im Jazz. Klassisch ausgebildete Orchestermusiker zur Improvisation zu bringen: nicht so einfach, sagt Geir Lysne, der seit einigen Jahren mit dem Norske Blåseensemble an verschiedenen Projekten unter dem Stichwort »Real Time Music« arbeitet – Neue Musik, bei der Improvisation wesentlicher Bestandteil des Ausdrucks ist. Seit 2015 hat das Bläserensemble in diesem Kontext wiederholt mit Michael Wollny (Piano) und Eric Schaefer (Schlagzeug) zusammengearbeitet.
»Real Time Music – Konzerte sind für das Publikum jedes Mal außergewöhnliche Erlebnisse: Die Musik, die dabei zu hören ist, wurde niemals vorher gespielt, der Live-Moment ist so nicht wiederholbar. Es gibt keine vorab festgelegten Arrangements, kein Notenmaterial, keine Absprachen darüber, in welche Richtung die Musik gehen wird.« (Det Norske Blåseensemble)
Lysne betont die Fähigkeit der Orchestermusiker, lange Pausen auszuhalten, »sie sind gewohnt, auch mal eine Viertelstunde zu warten, um dann zwei Töne zu spielen.« Und wirklich sind die Momente der Stille, die sich aus dem kunstvollen Geflecht der Improvisation erheben, überwältigend. Wie sich Orchester und Solisten intuitiv auf ein gemeinsames Schweigen verständigen, bleibt so rätselhaft und beeindruckend wie der erste, wieder einsetzende Ton. »Es wirkt, als hätten sie alle eine unsichtbare symphonische Partitur dabei, so genau greift das Ganze ineinander«, schreibt Alex Rühle in der Süddeutschen Zeitung.
Manchmal kratzt es auch, scheut sich, zittert. Um gleich darauf zu einem flüchtigen Gesamtkunstwerk zu verschmelzen, gerade erfundene Musik und hundert Jahre alte Bilder. »Es geht um offenen Räume. Kontrollabgabe. Damit spontan etwas geschehen kann« sagt Michael Wollny. Risikobereitschaft, Unmittelbarkeit, große Anziehungskraft liegen in diesem Abend.

FILMKONZERT
Nosferatu ̶ Eine Symphonie des Grauens
Michael Wollny & Eric Schaefer feat. Det Norske Blåseensemble
Fr, 24. Februar 2017, 19.30 Uhr
Foyer der Versicherungskammer Bayern
Warngauer Str. 30, München

Wenige Restkarten an der Abendkasse. Informationen unter www.versicherungskammer-kulturstiftung.de.
Eine Veranstaltung der Versicherungskammer Kulturstiftung in Kooperation mit dem Lenbachhaus.

Barbara Soldner ist Geschäftsführerin der Versicherungskammer Kulturstiftung. Sie verantwortet das Konzertprogramm und fürchtet sich vor gruseligen Filmen.

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