von Leo Heinik, Jonas Neumann, Martina Oberprantacher und Felicitas Sonvilla

Im Filmprojekt »Mit Biss« wollten wir durch die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Teilnehmergruppen in Erfahrung bringen, wie »zeitgenössisch« der bereits 1922 entstandene Vampirfilm »Nosferatu« von Friedrich Wilhelm Murnau für das heutige Publikum ist. Der Vampirfilm ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein populäres Filmgenre und daher von den Kinoleinwänden kaum weg zu denken. Aber was genau fasziniert uns an diesem Filmstoff? Welche sind seine visuellen Gestaltungselemente? Und was bedeutet es eigentlich, einen solchen Film selbst zu produzieren?

Durch die gemeinschaftliche Betrachtung und die Beschäftigung mit diesem Stummfilm fiel zunächst auf, dass Friedrich Wilhelm Murnau bereits vieles vorweg nahm, was unsere heutige Sehgewohnheiten und unseren Umgang mit Film stark beeinflusst: So entwickelte er für die damalige Zeit sehr schnelle Einstellungen, spielte mit der Geschwindigkeit der Kamera und verwendete bereits erste Tricktechniken, Animationen und eine Schattenästhetik, die sich im Laufe der Filmgeschichte weiter verfeinern sollten.

Wir wollten nun von den Teilnehmenden wissen, welche inhaltlichen Aspekte sie besonders berühren, auf welche Weise diese auf unsere Zeit übertragbar sind und welche Relevanz sie für unsere Gesellschaft besitzen. Dabei kam heraus, dass die Beschäftigung mit »Untoten« keine ausschließlich abendländische ist und die erotischen Komponenten im Film durchaus auch als homoerotische gelesen werden können, und somit als ein Verweis auf Murnaus Homosexualität. Besonders aktuell ist aber die Darstellung des Vampirs als Metapher für Depressionen, Weltschmerz, (Sehn-)Sucht, Einsamkeit und das Thema Angst. Denkt man Murnaus Vampirfigur weiter, so kann sich daraus eine Figur entwickeln, die nicht allein negativ konnotierte Elemente in sich vereint und der – zwar nicht unbedingt menschenrettende, aber – durchaus weltrettende Funktionen zugesprochenen werden können. Dies zeigt sich besonders eindrücklich in zeitgenössischen Filmen wie »A girl walks home alone at night« (2014) von Lily Amirpour oder »Only Lovers Left Alive« (2013) von Jim Jarmusch.

Neben der Betrachtung von »Nosferatu« sowie der Installation »Nosferatus not dead« in der Ausstellung »Friedrich Wilhelm Murnau. Eine Hommage« und neben der Beschäftigung mit der spezifischen Film – und Zeichensprache des Genres Vampirfilm wurde die eigenständige Ästhetik des Stummfilms diskutiert und auf diese Weise verschiedene Deutungsmöglichkeiten reflektiert. Im Anschluss wurden in Kleingruppen Drehbücher für die eigenen Kurzfilme geschrieben, Schminke, Kostüme und Requisiten vorbereitet sowie Dreharbeiten an ausgewählten Orten – von der Tiefgarage über die U-Bahn bis hin zum Friedhof – gemacht.

Es entstanden dabei acht Filmbeiträge in drei unabhängigen Filmprojekten mit unterschiedlichen Teilnehmergruppen. Einmal war es ein Gruppe von Jugendlichen, ein anderes Mal eine Gruppe von Erwachsenen oder von volljährigen Schülerinnen und Schüler der Städtischen Fachoberschule für Gestaltung. Dabei hat sich weniger – wie ursprünglich vorgesehen – ein »Remake« aus dem gemeinschaftlichen Filmemachen entwickelt, das sich in seinen Grundzügen an der historischen und originalen Vorlage orientiert, sondern vielmehr ein breites Beziehungsgeflecht von der Figur des Vampirs und des Films »Nosferatu« zu der Lebenswelt der Teilnehmenden und mit aktuellen sozialen Bezügen. So wird in unterschiedlichen Filmbeiträgen die Frage untersucht, was passiert, wenn eine Figur aus der ihr zugeschriebenen Rolle, wie z.B. die des Untoten, fällt und ausbricht. Genauso von Bedeutung war auch die Beschäftigung mit dem Thema eines isolierten Lebens in einer normativen und normierten Gesellschaft. So zeigt der Weg von der Reminiszenz hin zur kollektiven Filmcollage, der in diesem Filmprojekt gegangen wurde, die Vielfältigkeit wie die Aktualität »Nosferatus« auf.

Das Filmprojekt »Mit Biss« wurde von der Kunstvermittlung am Lenbachhaus im Rahmen der Ausstellung »Friedrich Wilhelm Murnau. Eine Hommage« und im Zeichen von Murnaus bekanntesten Films »Nosferatu« (1922) initiiert. Geleitet wurde das Projekt durch den Kunststudenten Leo Heinik und die beiden Filmstudent_innen Felicitas Sonvilla und Jonas Neumann und Dank der Unterstützung der Hochschule für Fernsehen und Film München ermöglicht.

Leo Heinik ist Student der Akademie der Bildenden Künste, München und als Teil des Teams der Kunstvermittlung am Lenbachhaus tätig.

Felicitas Sonvilla und Jonas Neumann sind Student_innen der Hochschule für Fernsehen und Film München und mit ihrem gemeinsamen Filmessay »Nosferatus not dead« in der Ausstellung »Friedrich Wilhelm Murnau. Eine Hommage« im Lenbachhaus vertreten.

Martina Oberprantacher leitet sei 2013 die Kunstvermittlung am Lenbachhaus.

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