von Karin Althaus.

1. Murnau (Friedrich Wilhelm) in Murnau (Oberbayern), bearbeitet von Brigitte Salmen, Ausstellungskatalog Schlossmuseum Murnau 2003 (erhältlich im Schlossmuseum Murnau und in der Buchhandlung des Lenbachhauses)

Wenn man in München den Namen Murnau hört, denkt man nicht unbedingt als erstes an den Regisseur, sondern eher an den oberbayerischen Ort gleichen Namens. Und das ist durchaus nicht falsch, denn Murnau heißt Murnau wegen Murnau.
Friedrich Wilhelm Murnau wurde 1888 als Friedrich Wilhelm Plumpe in Bielefeld geboren. In Berlin und Heidelberg studierte er Literatur und Kunstgeschichte und lernte den Dichter Hans Ehrenbaum-Degele kennen, der zum engsten Freund seines Lebens wurde. Ehrenbaum-Degeles Familie akzeptierte Murnau als zweiten Sohn. Gemeinsam reisten sie zusammen in das oberbayerische Murnau, ein wichtiger Ort für die zeitgenössische Kunstszene, zu der auch die Mitglieder des späteren »Blauen Reiter« gehörten.
Im Jahr 2003 hat das Schlossmuseum Murnau dem Regisseur eine Ausstellung gewidmet. Im zugehörigen Katalog sind Brigitte Salmen und Elisabeth Tworek ausführlichst den erhaltenen Spuren nachgegangen. Auch wenn alle Indizien auf einen wunderbaren Sommer im Jahr 1910 deuten, und Murnau spätestens Weihnachten 1910 seinen neuen Namen nutzte – genaues lässt sich nicht nachweisen, niemand weiß, was wann geschehen ist. Wohl gab der Theaterregisseur Max Reinhardt damals im Garten der Villa des Architekten Emanuel Seidl Shakespeares »Sommernachtstraum« als Naturtheater. Und kurz danach wurde Murnau in Berlin ein Mitglied von Max Reinhardts Bühne. Durchaus hatte sich die Kunstszene der Moderne in Oberbayern versammelt. Murnau selbst war mit Else Lasker-Schüler eng befreundet; doch vom Kreis des »Blauen Reiter« hat er nachweislich nur Franz und Maria Marc persönlich gekannt.

2. Jim Shepard, Nosferatu In Love. London: Faber and Faber, 1998

Der amerikanische Autor Jim Shepard verlegt das zentrale Liebeserlebnis Friedrich Wilhelm Plumpes in Murnau in die Wintermonate. Auch wenn seine Interpretation der Ereignisse in diesem Detail von der unseren abweicht, basiert sein Murnau gewidmeter Roman auf gründlichen Recherchen. Auf Grundlage der Fakten verzahnt er die Biographie aufs Engste mit der künstlerischen Arbeit und bringt uns die zurückhaltende Persönlichkeit Murnaus und seine Arbeit näher, als es die historischen Quellen vermögen. Die essayistisch gehaltene Roman-Biographie ist ein Lesevergnügen, liegt aber leider nur auf Englisch vor.

3. Die Friedrich Wilhelm Murnau-Box: Schloß Vogelöd, Nosferatu, Faust. Herausgegeben von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Wiesbaden. 3 DVDs, restaurierte Fassungen und umfangreiches Bonusmaterial

Aber eigentlich wollten wir uns ja vor allem mit Murnaus Filmen beschäftigen, nicht mit seiner Biografie. Die Ausstellung im Lenbachhaus ist als Hommage konzipiert, die Film mit Film zeigt. Dafür haben wir zeitgenössische Filmemacher eingeladen, sich in Filmessays und Kurzfilmen mit 
Friedrich Wilhelm Murnau zu beschäftigen. Murnaus eigene Filme zeigt das Münchner Filmmuseum im Januar und Februar 2017 in besten Kopien und begleitet von renommierten Stummfilmmusikern. Wer es nicht schafft, zur Retrospektive ins Filmmuseum zu gehen, kann sich mit diversen DVD-Editionen behelfen. Mit der Deluxe-Murnau-Box wird hier ein bisschen geschummelt: dieser eine Posten umfasst drei Filme (statt »GIB MIR FÜNF« geben wir Ihnen also sogar acht!). Die Murnau-Stiftung auch hat auch weitere wichtige Filme herausgegeben, darunter Murnaus letzten Film »Tabu«, den er in der Südsee gedreht hat.

4. Alexander Kluge, Geschichten vom Kino, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007

Auf Anregung des Lenbachhauses hat der Autor und Filmemacher Alexander Kluge einen Kurzfilm zu Friedrich Wilhelm Murnaus FAUST (1926) geschaffen. Er trägt den Titel »Hommage für F. W. Murnau: Notizen zu Faust. Eine deutsche Volkssage«.
Von Alexander Kluge könnte man nun sehr viele verschiedene Publikationen und Filmeditionen empfehlen, am Nächstliegenden für unser Thema sind aber sicherlich seine »Geschichten vom Kino«. Aus dem Vorwort: »Die Geschichten dieses Buches sind subjektiv. In einer Sache, mit der ich einen Teil meines Lebens verbracht habe, bin ich parteiisch. Ich möchte auch gleich klarstellen, daß es mir in diesen 120 Geschichten um das ‘Prinzip Kino’ geht. Ich halte dieses ‘Kino’ für unsterblich und für älter als die Filmkunst. Es beruht darauf, daß wir etwas, das uns ‘innerlich bewegt’, einander öffentlich mitteilen. Darin sind Film und Musik Verwandte. Beide gehen nicht unter. Auch wenn die Kinoprojektoren einmal nicht mehr rattern, wird es, das glaube ich fest, etwas geben, ‘das wie Kino funktioniert’.«
Die Texte sind chronologisch nach ihrem Gegenstand geordnet, so dass in den »Geschichten vom Kino« eine veritable »Kinogeschichte« steckt. Und auch bei diesem Posten handelt es sich um eine Mogelpackung: die Lektüre gibt einem eine lange Liste von Filmen und auch Büchern in die Hand, die unbedingt ganz bald und als nächstes gesehen und gelesen werden wollen.

5. Jörg Später, Siegfried Kracauer. Eine Biographie, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2016

Zur Kultur und Gesellschaft, und insbesondere zum Kino der Weimarer Republik hat Siegfried Kracauer vieles und viel Erhellendes, Anregendes und auch zum Widerspruch Herausforderndes geschrieben. Statt eine einzelne Publikation zu nennen, wie zum Beispiel die berühmte Abhandlung »Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films«, empfehle ich hier Jörg Späters gerade erschienene und von den Feuilletons enthusiastisch begrüßte Biografie. Kracauers eigene Texte haben ihre Längen und sind deshalb immer mal wieder zäh zu lesen. Jörg Späters Biographie scheint unter diesem Makel nicht zu leiden. Zwar bin ich erst auf Seite 61 angelangt, doch ist die Lektüre spannend und eröffnet neben Einblicken in Leben und Werk auch ein großes zeit- und kulturgeschichtliches Panorama.

Karin Althaus ist Sammlungsleiterin und Kuratorin am Lenbachhaus; sie hat die Ausstellung »FRIEDRICH WILHEILM MURNAU. Eine Hommage« kuratiert, die vom 25. Oktober 2016 bis zum 26. Februar 2017 im Lenbachhaus zu sehen ist.

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