von Estelle Vallender.

Kaum ein Mythos fasziniert die Menschen seit jeher so, wie der des lebenden Toten: Der Vampir, eine Ikone des Schreckens. Der wohl bekannteste seiner Art ist die von Bram Stoker erschaffene Romanfigur Graf Dracula, die das Bild des Blutsaugers maßgeblich geprägt hat und somit zur Hauptinspirationsquelle für folgende Erzählungen wurde. Einer der ersten Regisseure, der versucht hat, die literarische Vorlage auf die Filmleinwand zu bannen, war Friedrich Wilhelm Murnau. Ohne die Rechte einzuholen, schrieb Henrik Galeen das Drehbuch und änderte einige Namen, Schauplätze und Charaktere, so dass auch die Bezeichnung des Vampirs als »Nosferatu«, angeblich das rumänische Wort für Untoter, nicht mit der Ausgangsliteratur kongruiert. Max Schreck verkörperte im 1922 uraufgeführten Stummfilm Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens den Protagonisten Graf Orlok, der mit langen, krallenartigen Nägeln, kreidebleicher Haut und einem eher unansehnlichen Antlitz gestraft ist. Er bildet den Urvater der kinematografischen Blutsauger.

Mehr Monster als Mensch war auch dessen weibliches Gegenstück Gräfin Carmilla, die von Carl Theodor Dreyer 1932 in dem Film Vampyr – Der Traum des Allan Gray nicht als schmückendes Beiwerk, sondern als Wurzel allen Übels inszeniert wurde.

Über die Jahrzehnte hinweg wandelte sich die furchteinflößende Bestie aber immer mehr zu einem rational denkenden und emotionalen Wesen, das seinen Blutdurst zu kontrollieren vermag. Den ersten Schritt in Richtung einer erotisch konnotierten, Macht verkörpernden Aura des mittlerweile gesellschaftlich etablierten Adligen machte Tod Browning 1931 in seiner Interpretation von Dracula.

Genauso, wie seiner Zeit Bela Lugosi, gelang es Robert Pattinson 2008 als Vampirschönling Edward Cullen bereits im ersten Teil der Twilight-Saga, Mädchenherzen höher schlagen zu lassen. Somit gewinnt die tragisch romantische Seite von Stokers Original in neueren Verfilmungen immer mehr an Gewicht, während der Gruselfaktor allmählich dahinschwindet. Vergessen scheint das marode Schloss, der abgetragene Umhang und das Außenseiter-Image. Der moderne Blutsauger ist gebildet, stilsicher und lebt als integrierter, aber vermeintlich unnahbarer Einzelgänger unter uns.

Beispielhaft für die von der Filmindustrie begünstigte Ummodellierung des volkstümlichen Ungetüms steht die 2007 ausgestrahlte Fernsehserie Moonlight. Der Privatdetektiv Mick St. John, gespielt von Alex O’Loughlin, hat sich nicht nur die Verbrechensbekämpfung zum Lebensinhalt gemacht, sondern saugt, wie es sich für einen Superhelden gehört, nicht mehr an menschlichen Schlagadern, sondern an kühl gelagerten Blutkonserven. Aber auch andere mediale Produktionen wie Buffy, True Blood oder Vampire Diaries knüpfen an den neuen Typus Vampir an.

So scheint es kaum verwunderlich, dass die Komik, welche aus dieser paradoxen Aneignung der einst so gefürchteten Figur resultiert, von einigen Regisseuren nicht unbemerkt blieb. In diesem Zusammenhang dekonstruierte Roman Polanski schon 1967 im Film Tanz der Vampire die Legende der spitzzahnigen Nachtgestalt.

Wo Polanski aber nahe an der Handlung des Grundwerkes bleibt, katapultiert Tim Burton 2012 in seiner Version von Dark Shadows, welche auf der gleichnamigen Seifenoper von 1966 gründet, den Kultcharakter ins 20. Jahrhundert, wo ihm seine stereotypischen Merkmale mehr als einmal im Weg stehen. Obwohl der Trend in die Gegenrichtung geht, wagen einige Filmemacher den Schritt zurück zum Ursprung der Legende und versuchen das Monströse der Romanvorlage wieder zum Leben zu erwecken.

Neben Werner Herzogs 1979 erschienener Neuinterpretation von Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu brechen Filme wie 30 Days of Night oder Guillermo del Toros TV-Serie The Strain auf angenehme Weise mit der Mainstream-Darstellung des zahmen Kuscheltieres und inszenieren den Vampir erneut als blutrünstigen Killer. Bemerkenswert scheint hier, dass ein einzelner Blutsauger jedoch nicht mehr ausreicht, um die Zuschauer zum Zittern zu bringen, da diese in neueren kinematografischen Werken häufig, einer Epidemie gleich, in Scharen auftreten oder sich zu ganzen Klans zusammenschließen. Wo die einen versuchen, dem Vampir unter allen Umständen den Glanz alter Tage zurück zu geben, eignen sich Taika Waititi und Jemaine Clementese 2014 die Ambivalenz des legendären Geschöpfes an und verarbeiten diese in dem Mockumentary What we do in the Shadows. Künstlich dokumentiert wird das alltägliche Leben vier unterschiedlicher Vampircharaktere, die zusammen in einer Wohnung in Wellington, Neuseeland, leben. Ob nun Horrorfanatiker, Romantik- oder Komödienliebhaber, der Mythos der mörderischen Nachtgestalt begeistert aufgrund seines Facettenreichtums seit Generationen die Zuschauer und hat bis heute seine kreativen Möglichkeiten bei weitem noch nicht ausgeschöpft. So hat das Genre des Vampirfilms eines mit seinen Protagonisten gemeinsam: Es ist einfach nicht tot zu kriegen.

Estelle Vallender ist Praktikantin der Kommunikationsabteilung im Lenbachhaus.

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