von Valerie Maul.

Alltagsgegenstände begegnen uns immer wieder in der Kunst. Marcel Duchamps „Fontaine“ (1917) ist seit der Moderne des 20. Jahrhunderts nicht mehr die Ausnahme. Auf den ersten Blick wird Profanes verändert, umfunktioniert und neu interpretiert und rückt eine neue Ebene in den Fokus.

Auch im Lenbachhaus finden sich zeitgenössische Kunstwerke, die unsere Besucherinnen und Besucher oft noch stutzen lassen. Gebrauchsgegenstände wie Besen, Badewanne und Werkzeuge im Zusammenhang der Kunst von Joseph Beuys, die Rikscha – halb Auto, halb Fahrrad aus dem MC SUICIDE UNLIMITED Projekt von Klaus Auderer oder ein ganzer Souvenirladen mit Postkartenständern und Plakataufstellern von Hans-Peter Feldmann. Ähnlich geht es den Museumsbesucherinnen und -besuchern vielleicht diese Tage, noch bevor sie das Museum betreten haben, wenn der Blick an der Fassade des Lenbachhauses empor schweift.

Seit vergangener Woche blitzt eine Installation von Olaf Nicolai im Sonnenlicht. „Parafulmine mobile (campo)“. Der Titel verrät den Inhalt. Sechs Blitzableiter auf Stativen befinden sich auf dem Vordach des Eingangsbereiches zum Lenbachhaus. Im ersten Moment mutet ein Blitzableiter auf einem Dach nicht ungewöhnlich an. Erfunden Mitte des 18. Jahrhunderts von Benjamin Franklin, wurden bereits wenige Jahre später auch in Deutschland verschiedene Gebäude mit der Einrichtung eines Blitzableiters vor Einschlägen geschützt. Heute gehört der Blitzableiter zur Standardausstattung und wird genau deswegen schon lange nicht mehr wahrgenommen. Olaf Nicolai rückt mit seiner Kunst eben solche Alltagsgegenstände wieder zurück ins Blickfeld. So auch „Parafulmine mobile (campo)“.
Die Installation entstand 2015 zur Biennale von Venedig, bei der Olaf Nicolai eingeladen war gemeinsam mit Jasmina Metwaly, Philipp Rizk, Hito Steyerl und Tobias Zielony den Deutschen Pavillon zu bespielen. Inspiriert von den vielen realen Blitzableitern auf dem Deutschen Pavillon konzipierte Nicolai zunächst eine immaterielle, performative Installation, die auf dem Dach stattfand, und schuf schließlich mit „Parafulmine mobile (campo)“, einer sechsfachen Kopie des originalen Blitzableiters, den dazugehörigen physischen Teil dieses Projektes. So wirken die Parafulmine im ersten Anschein konventionell, traditionell mit kleinen Messingköpfchen und einem fünfzackigen Strahlenkranz – einer abgewandelten Form des sogenannten „Hemmerschen Fünfspitz“, benannt nach Johann Jakob Hemmer, der im 18. Jahrhundert als Leiter des Physikalischen Kabinetts am kurfürstlichen Hof Karl Theodors in Mannheim tätig war. Zwar bedient sich Nicolai demnach einer klassischen Formensprache, gleichzeitig irritiert sein Werk durch die Vervielfältigung und Anhäufung des Gegenstandes, der Neuausrichtung – zeigen die Spitzen der sechs Blitzableiter doch alle in unterschiedliche Richtungen – und nicht zuletzt durch den Gegenstand selbst, der neu zusammengesetzt aus Messingspitze und dem Stativ Naturwissenschaft und Fotografie verbindet. Wissenschaft und Kunst schließen sich für Olaf Nicolai aber nicht aus. Vielmehr versucht er in seinen Werken Fragen der Naturwissenschaften nachzugehen, zu verbildlichen, wie wir etwas wahrnehmen oder nicht mehr wahrnehmen, mit welchen Gegenständen wir unser alltägliches Leben einrichten, wie wir dafür in unsere Umgebung eingreifen und diese formen und verändern. So auch bei der Arbeit „Parafulmine mobile (campo)“. Die Blitzableiter eröffnen eine Vielzahl inhaltlicher Anspielungen: das Sammeln und Bündeln von Energie und Licht, das Entladen und Entsenden dieser elektrischen Kraft bis hin zum Prozess des Fotografierens, des Belichtens, Fokussierens und schließlich zum Blitzlicht des Fotografen.
In einen neuen Kontext gesetzt, verändern Olaf Nicolais Kunstwerke nicht nur die Wahrnehmung von Alltagsgegenständen, sie eröffnen dem Betrachter auch einen neuen Blick auf sein kulturelles, soziales, historisches oder politisches Umfeld.

Das Lenbachhaus dankt der Stiftung Federkiel für die Schenkung von Olaf Nicolais Arbeit „Parafulmine mobile (campo)“.

Valerie Maul ist Volontärin der Kommunikationsabteilung im Lenbachhaus.

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