Seit Anfang Juni 2016 zeigt das Lenbachhaus die Ausstellung »Rochelle Feinstein. I made a terrible mistake« und präsentiert das umfassende Werk der US-amerikanischen Künstlerin und Malerin. Als gebürtige New Yorkerin war sie viele Jahre als Professorin an der Yale University tätig und beeinflusste viele Künstlerinnen und Künstler jüngerer Generationen. Gleichzeitig blieben ihre künstlerischen Leistungen jedoch lange ungesehen und ihr eine Museumpräsentation verwehrt. Neben dem Centre d‘Art Contemporain Genève widmet ihr das Lenbachhaus erstmals eine große Retrospektive und fokussiert insbesondere Rochelle Feinsteins Malerei-Serien und -Installationen, die seit Mitte der 1990er Jahre entstanden sind.

Ein Auszug aus dem Gespräch zwischen der deutschen Künstlerin Kerstin Brätsch und Rochelle Feinstein gibt Einblicke in ihre künstlerischen Denkweisen und wurde im Rahmen der Ausstellung im Katalog publiziert:

Rochelle Feinstein: […] Ich möchte mir unser Gespräch als eines zwischen unseren Arbeiten vorstellen, sie tun lassen, was wir tun sollten. Doch ich fürchte, dass das nicht möglich ist. Ich habe wohl deshalb bei unserem letzten Essen den Arbeitstitel „Fight or Flight“ vorgeschlagen. Mich hat überrascht, dass wir uns beide entschieden haben, Künstlerin zu sein, obwohl wir bereits etwas anderes machten, in unserem Fall Illustrationen.

Kerstin Brätsch: […] Wir haben uns beide mit Verzögerung, durch einen Umweg über die Illustration, der Kunst zugewandt. Bauen wir diese Verzögerung nun in unsere Tätigkeit ein, indem wir all diese scheinbar zufälligen Hindernisse errichten? Die Dinge von der Seite anschauen. Im Krebsgang gehen.

RF: […] was wichtiger ist, sind gewisse wesentliche Entscheidungen, die wir beide treffen (wenn wir auch aus verschiedenen Generationen und von verschiedenen Kontinenten stammen). Diese Entscheidungen, etwas zu tun anstelle von etwas anderem, geben einem Objekt eine besondere Bedeutung. Es reagiert, steuert etwas zum Prozess bei.Das ist eines der Dinge, über die unsere Arbeiten meiner Meinung nach miteinander reden sollten. Auch wünschte ich mir, dass eines meiner Werke deines fragte: Wie hast du das gemacht?

Erster Versuch
KB: Wir haben beide mit dem Gedanken der „Retrospektive“ gearbeitet …

RF: … ja, und ganz gleich, ob das nun eine Vorausschau [wie im Fall des Estate-Projekts, Anm. d. Hg.] oder eine Tatsache ist – „Retrospektiven“ werden nicht vom Künstler selbst gemacht. Die literarische Version der Retrospektive sind die Memoiren, eine erkennbare und auf die eigenen Bedürfnisse zuschneidbare Form der Subjektivität des Autors. Doch sind Memoiren auch selbst ein Stück Literatur. Für mich war das Schaffen von Gemälden von Anfang an eine bewusst „retrospektive“ Tätigkeit. Die Auswahlprozesse aus früheren Bildsprachen und ihr Anpassen an die Gegenwart sind immer absichtlich gewesen, selten Zufall. Unser Erinnerungsvermögen, unser Gehirn ist ein riesiger Speicher, der in der Lage ist, riesige Datenbestände hervorzuzaubern: Systeme von Ähnlichkeiten, Geschmack, Gemeinschaft, sich ständig wiederholende Bewegungen, ein Gefühl des Vertrauens, Liebe – all das. Das sind einige der Gedanken, die ich in The Estate ansatzweise auspacken konnte.

KB: Du hast also den „verbotenen“ Schritt getan und bist mit einer Werkgruppe wieder in Erscheinung getreten, die tatsächlich in ihrem Titel behauptet, dass du dich selbst überlebt hast. How to re-appear in America könnte ein Leitfaden dafür sein, wie man nach einem vermeintlichen Verschwinden Raum und Stimme zurückfordert. Es ist so einfach, als Künstler zu „verschwinden“, und so schwierig, es als normaler Bürger zu tun. […] (Wir könnten auch fragen, inwiefern du in dieser Situation „tot“ bist, ob körperlich, wirtschaftlich, geistig usw., doch kann das in so viele unterschiedliche Richtungen abdriften.) […] Mir gefällt, wie du mit The Estate diese Zeitlichkeit durcheinander und das Werk in ein Nachleben gebracht hast, und auf diese Weise das letzte Wort infrage stellst, das so etwas wie eine Retrospektive
zu haben scheint.

RF: Ja, ganz genau. In meinem Alter ist die Sterblichkeit kein abstrakter oder fernliegender Gedanke, und sie ist eine Dimension meiner „Retrospektive“. Und von der einzigartig privilegierten Warte aus, die ich mir selbst eingeräumt hatte, konnte ich den Tod von der anderen Seite aus betrachten, was wirklich Spaß gemacht hat.

KB: Als ich die The Estate-Ausstellung bei On Stellar Rays sah, fiel mir besonders auf, wie du mit dieser Instabilität des Künstlerdaseins umgingst. Irgendwie war deine ganze Schau ein einziger Platzhalter. Du hast die Bestände deines Ateliers verwendet (dein Archiv, Kunstwerke von früher, Krimskrams, Malutensilien) und diese ganze zerbröselte Zeit in eine neue Gruppe von Werken verwandelt.

RF: 2008 war ein Jahr, das etwas ausgelöst hat. Ich habe zu bohren angefangen, ohne zu wissen, was ich finden würde.
KB: Du hast tief gebohrt und viel gefunden, indem du die Dinge horizontal gleichmäßig ausgebreitet hast! Du hast Teile älterer Arbeiten deinen jüngsten Ansätzen an die Seite gestellt und sogar ein Kunstwerk, das ein Geschenk einer Freundin war [Rachel Harrison], in deine neu zusammengefügte und wieder aufgebaute Arbeit (Happy Birthday x Rachel) integriert. Du hast Harrisons Original teilweise übermalt. Das ist eine so kühne und aggressive Geste, die aber zugleich viel von einer Umarmung hat. Sie erinnerte mich an das monochrom graue, abstrakte Gemälde Gerhard Richters von 1972, das Martin Kippenberger kaufte und in die Tischplatte eines Couchtisches integrierte (Modell Interconti, 1987). Kippenberger hat dem
abstrakten Gemälde einfach einen Rahmen hinzugefügt und Beine drangeschraubt. Ich habe das für eine wirklich subversive Geste gehalten […]

RF: […] 2008 kam eine kleine Gruppe von Förderern des Whitney Museum in mein Atelier – ich war eine Station auf einer Tagestour von Künstlerateliers in Brooklyn. Das war, bevor ich die Endfassung von The Estate zeigte. Als ich erwähnte, dass die Fotografie ein Geschenk von Rachel war, spitzten die Leute die Ohren. Diese fast unmerkliche Bestätigung der relationalen, veränderlichen Wertschätzung von Objekten hat mich sehr gefreut, und da ich immer noch an The Estate arbeitete, war es auch ein motivierendes Schulterklopfen, anhand des Kunstsystems über das Wirtschaftssystem zu sprechen.

Das gesamte Gespräch sowie weitere Texte von Antonio Sergio Bessa, Tenzing Barshee, Kerstin Stakemeier, Fabrice Stroun, Christina Végh und Stephanie Weber finden Sie in der Publikation zur Ausstellung. Erhältlich im Museumshop des Lenbachhauses oder online.

Kerstin Brätsch ist eine in New York wohnhafte deutsche Künstlerin und ein bekennender Feinstein-Fan. Im Rahmen der Ausstellung „Rochelle Feinstein. I made a terrible mistake“ findet Di, 28. Juni 2016, 18.30 Uhr ein Rundgang mit Kerstin Brätsch zusammen mit Kuratorin Stephanie Weber im Lenbachhaus statt.

Ein Gedanke zu “FIGHT OR FLIGHT – Kerstin Brätsch und Rochelle Feinstein im Gespräch

  1. I loved the post.
    Jean Rodrigues, Apaixonado por Tecnologia e profissional na área de Corte PS, São Paulo – SP

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