Von Laura-Mareen Janssen und Svenja Paulsen.

Komm, wir gehen spazieren
Seit dem 14. Februar 2016 befinden sich zahlreiche Landschaftsstücke aus der Christoph Heilmann Stiftung im Lenbachhaus in der Obhut des Museums Schloss Moyland. In der Ausstellung „Natur als Kunst“ zeigen sie zusammen mit Natur- und Landschaftsfotografien der Sammlung Fotografie am Münchner Stadtmuseum, wie das Wechselspiel von Ölskizze und Fotografie die Darstellung von Landschaft im 19. Jahrhundert revolutionierte. Das erfolgreiche Gastspiel neigt sich nun dem Ende zu. Ein Spaziergang mit dem Promenadologen Bertram Weisshaar lädt zu einem Rück- sowie Ausblick ein.

Spazierengehen ist was für Müßiggänger. Ziellos durch Stadt und Land zu schlendern scheint in einer Gesellschaft, die das Zeitmanagement zu einer Wissenschaft erhoben hat, wenig erfolgsversprechend. Dass die entschleunigte Fortbewegung jedoch viel mehr als nur eine nette Freizeitbeschäftigung ist, bekräftigt der Schweizer Soziologe und Landschaftsplaner Lucius Burckhardt mit seiner einschlägigen These: „Spazierengehen schafft Schönheit“. In seinem Buch „Warum ist Landschaft schön?“ (1980) demonstriert der Begründer der Spaziergangswissenschaft, wie wir aufgrund unserer von Literatur und Kunst geprägten Wahrnehmung von Landschaft das Gesehene zu einem ‚typischen‘ und somit schönen Landschaftsbild integrieren.

Für die Landschaftsmaler und -fotografen des 19. Jahrhunderts waren ausgiebige Spaziergänge, auf denen sie die wechselnden Licht- und Witterungsverhältnisse studierten, ein unverzichtbares Instrument zur Erforschung ihrer realen Lebensumwelt. Losgelöst von den Akademietraditionen, die an der klassischen Ideallandschaft festhielten, schufen sie ‚moderne‘ Bilder von Natur und erweiterten den Landschaftskanon durch neue Motive, wie Heide-, Moor- und Küstenlandschaften. Was für die Betrachter im 19. Jahrhundert einem visuellen Paukenschlag glich, erscheint uns heute wie ein nostalgischer Blick auf die intakte Natur, dem wir uns mit Vergnügen hingeben, der jedoch zunehmend in Widerspruch zu unserer Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert steht.
Aus diesem Anlass lud Bertram Weisshaar, Spaziergangsforscher in der Nachfolge Lucius Burkhardts, zu einem sogenannten Talk Walk rund um das Schloss Moyland ein. Mit der Frage „Warum ist Landschaft schön?“ im Hinterkopf, bewegten sich rund ein Dutzend Spaziergänger vorbei an der barocken Parkanlage des Museums hin zu unscheinbaren Natur-Schauplätzen, die, von Unkraut übersät oder durch wirtschaftliche Nutzung gezeichnet, ihre unkonventionelle Ästhetik erst auf den zweiten Blick preisgaben. Über zum Teil unbefestigte Wege erreichte die Gruppe zunächst einen unbestellten Acker, vor dem sich die erste Diskussion entfachte: „Ist der Acker Teil der Landschaft?“, fragte Bertram Weisshaar – einig waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lediglich in einem Punkt: als ’schön‘ sei der Acker nicht zu bezeichnen und im Grunde wäre er auch niemandem aufgefallen, sofern man nicht vor ihm stehen geblieben wäre.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Ölskizze „Fuhrwerkspuren im Acker“ von Heinrich Bürkel (1802-1869) auch heute noch unglaublich fortschrittlich. In der Moyländer Ausstellungshalle ist sie gleich im Eingangsbereich zu sehen. Mit einem scharfen Blick fürs Detail widmet sich der Münchner Künstler den tief eingrabenden Furchen einer Wagenspur, deren eigenwillige Ästhetik auch über ein Jahrhundert später überrascht.

Auf einem Polaroid hält Bertram Weisshaar die Ackerlandschaft fest. Am Ende der zweieinhalbstündigen Tour soll unter anderem diese Fotografie als eine Art Étude de resouvenir (Gedächtnismedium) den Teilnehmerinnen und Teilnehmern dazu verhelfen, sich an die ‚latenten Landschaften‘ zu erinnern und diese im Kopf zu neuen, zeitgemäßen Landschaftsbildern zusammenzufügen. Vorbildfunktion haben die Ölskizzen und fotografischen Vorlagenstudien der Landschafter des 19. Jahrhunderts, mit denen die Maler ihre gesammelten Eindrücke im Atelier wachriefen. Aber auch die Fotoreihe „Monuments of Passaic“ (1967) des US-amerikanischen Land Art Künstlers Robert Smithson, der auf einem Spaziergang durch New Jersey die dortige Industrie-Natur-Landschaft in spontanen Bildern festhielt. Vorbei am Voltaireweg, den schon der Philosoph und Schriftsteller bei seinem Besuch des Preußenkönigs Friedrich II. auf dem nahe gelegenen Schloss Moyland benutze, ging es für die Gruppe auf einen bewaldeten Höhenzug, ein 48 Meter hohes Relikt der Eiszeit. Der Rheinlauf veränderte die Landschaft über Jahrhunderte, Höhen und Niederungen sind bis heute prägend. Ausblicke boten sich von hieraus zwar nicht, jedoch eine für den Niederrhein typische Flora und Fauna.

Der auf Mitte des Weges einsetzende Dauerregen versetzte die Gruppe kurzerhand zurück in die Lage der ausgestellten Maler und Fotografen. Mit ihrer bis zu 20 Kilogramm schweren Ausrüstung durchschritten sie Täler und erklommen Berge, auch um die sich ständig wandelnden Witterungsverhältnisse wahrheitsgetreu wiederzugeben.
Am nahegelegenen Golfplatz hielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schließlich ein letztes Mal inne. Der künstliche Eingriff in Natur und Landschaft erinnert mit seinen sanften, gleichmäßig bewachsenen Hügeln unweigerlich an die Akkuratesse französischer Gartenarchitektur. Ein weiterer, 18-Loch großer Golfplatz befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Schlossgeländes, der in den vergangenen Jahren seitens der Anwohner und Naturschützer für lauten Protest gesorgt hatte. Das Exempel zeigt, wie Landschaft zu einem politisch-ökonomischen Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen und Ansprüche werden kann, an dem der einzelne Bürger immer weniger Mitspracherecht hat.

Das Schlusswort behält Lucius Burckhardt: „Landschaft wahrzunehmen muss gelernt sein“. Mit Bertram Weisshaar bot sich ein erster Blick hinter die Landschaftsfassade sowie eine Ahnung von den vielen unentdeckten Landschaften in dieser Welt. Die Spaziergangswissenschaft hat sich ihre Sichtbarmachung zur Aufgabe gemacht.

Über die Kunst, Natur zur fotografieren
Natur als Kunst – was für die Malerei seit jeher selbstverständlicher wie ungebrochen reizvoller Anlass und Inhalt von Bildern ist, wirft für die Fotografie im 19. Jahrhundert gleich mehrere Fragen auf. Denn die Fotografie ringt zu dieser Zeit noch um ihre Anerkennung als Kunst, wird vor allem als Medium technischer Wiedergabe von Wirklichkeit verstanden und in ihrem künstlerischen Wert somit den traditionellen Verfahren (der Malerei und Zeichnung) noch nachgestellt. Viele Fotografen dieser Zeit sind gelernte Maler, die in ihrer Motivwahl der Tradition der Landschaftsmalerei folgen. Auch liefern sie den Malern Vorlagenstudien – so zum Beispiel Georg Maria Eckert, dessen beinahe enzyklopädisch angelegten Studien von Vorder-, Mittel- und Hintergrund ein eigener Raum in der Ausstellung gewidmet ist. Nicht selten begegnen sich Zeitgenossen der Malerei und Fotografie bei ihrer Arbeit in der Natur, so etwa im Wald von Fontainebleau, der den Malern der Barbizon-Schule und ihren Fotografenkollegen gleichermaßen zur Inspiration und Motivfindung dient. Auch Zwischenformen zwischen Druckgrafik und Fotografie – konkret das ebenfalls in der Ausstellung vertretende Cliché Verre, ein um 1850 enthusiastisch aufgenommenes und mit der frühen Fotografie verwandtes Medium aus dem Kreis der Landschaftsmaler von Barbizon – sind Ausdruck dieser Nähe.

Unter großen Strapazen machten sich frühe Fotografen – oft eher im Dienste der Wissenschaft als der Kunst – unwegsames Terrain zugänglich. In der Landschaft zu fotografieren bedeutete immer auch, an die Grenzen des noch jungen Mediums zu stoßen: weil das Equipment schwer und sperrig war, das fotosensible Material noch nicht den gesamten Kontrastumfang des in der Landschaft vorgefundenen Spiels von Licht und Schatten festhalten konnte, oder die Erscheinungen (wie Wolken oder Wellen) schlichtweg zu flüchtig waren, um sie bei langen Belichtungszeiten in ein einziges fotografisches Bild zu bannen. Doch auch unterhaltsame Spielformen der Fotografie entstanden im 19. Jahrhundert (wie die in der Ausstellung gezeigten Stereofotografien oder Wellenstudien, die neben ihrem fotografisch-künstlerischen Wert den Zeitgenossen nicht zuletzt Anlass zum Staunen boten).

Dass die Ausstellung „Natur als Kunst“ das Nebeneinander- und Zusammensehen von Malerei und Fotografie ermöglicht, ist ein seltenes museales Unterfangen: der unterschiedlichen konservatorischen Bedingungen von Malerei auf Leinwand und Arbeiten auf Papier oder der unterschiedlichen Formate wegen, die den Medien ungleiche Präsenz in Museumsräumen verleihen. Gerade dieses Zusammensehen der Ölgemälde aus der Sammlung Christoph Heilmann im Lenbachhaus mit Fotografien aus den Beständen des Münchner Stadtmuseums macht den Reiz aus, ermöglicht es doch geographische wie motivische Bezüge, die den gegenseitigen Einfluss von Malerei und Fotografie im 19. Jahrhundert anschaulich werden lassen.

Die Ausstellung „Natur als Kunst“ ist noch bis 5. Juni im Museum Schloss Moyland am Niederrhein zu sehen.

Laura-Mareen Janssen, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museum Schloss Moyland.
Svenja Paulsen ist Stipendiatin im Programm „Museumskurator/innen für Fotografie“ der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung.

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