von Elisabeth Giers.

Bis Ende April 2016 konnte man im Lenbachhaus die Ausstellung »PLAYBACK ROOM« besuchen. Im Zentrum dieses Projekts stand das gemeinsame Hörerlebnis von Studiomusik – insbesondere Popmusik – in bester Qualität und an einem öffentlichen Ort. Neben den beiden von Wolfgang Tillmans zusammengestellten Playlisten, die den Fokus auf Studioaufnahmen legten, brachten unzählige Besucherinnen und Besucher an mehreren Abenden ihre eigenen Musikbeiträge mit. Diese sehr persönliche Auswahl hat gezeigt, wie unterschiedlich die einzelnen Musikgeschmäcker sind und wie sehr Musik dennoch als verbindendes, gemeinschaftsstiftendes Moment funktionieren kann. Für alle, die weiterlesen und -hören möchten, seien hier fünf ganz unterschiedlich unterhaltsame bis vertiefende Empfehlungen genannt:

1. Sound: A Very Short Introduction, von Mike Goldsmith, Oxford 2015
Geräusche und Klänge prägen die menschliche Wahrnehmung in entscheidender Weise: Wir sind permanent von Naturgeräuschen oder dem ununterbrochenem Klangteppich unserer Städte umgeben, kommunizieren maßgeblich über akustische Kanäle oder hören uns Musik an. Aber was genau sind Geräusche? Wovon hängt es ab, ob wir sie als wohlklingend oder störend empfinden? Und in welche Kategorien lässt sich ‚Sound‘ einteilen, angefangen bei der akustischen Kulisse während der Erdentstehung vor 13,7 Milliarden bis hin zum elektronisch erzeugten Sound heutiger Aufnahme- und Studiotechnik. Dieser kleine Band von Mike Goldsmith führt in die Wissenschaft der Akustik ein und beleuchtet dabei ganz verschiedene Aspekte wie ‚Hörbares und Nichthörbares‘, das ‚Spektrum des Hörsinns‘, ‚Akustik und Elektronik‘ oder ‚Ultraschall und Infraschall‘.

2. Sound of the Cities. Eine popmusikalische Entdeckungsreise, von Philipp Krohn und Ole Löding, Berlin 2015
Was passiert, wenn man seine Plattensammlung weder nach Interpret noch chronologisch ordnet, sondern sie nach ihren jeweiligen Entstehungsorten sortiert? Man wird feststellen, dass jede Stadt Ihren eigenen Sound hat. So lautet die These von Philipp Krohn und Ole Löding, die für dieses Buch durch 24 Pop-Metropolen gereist sind, um den besonderen Einfluss von Städten auf das Werk von Musikern zu ergründen. Auf ihrer Reise suchen die beiden Autoren legendäre Clubs, Aufnahmestudios und Proberäume auf und tauchen in die Musikhistorie der jeweiligen Stadt ein. Für ihre Recherche führen sie zahlreiche Gespräche mit lokalen Experten und Musikern, die die Entstehung von Musikrevolutionen, Genres und Subkulturen unmittelbar miterlebt haben. Zu ihren Gesprächspartnern zählen dabei Mitglieder weltberühmter Bands wie Velvet Underground oder Einstürzende Neubauten, aber auch Produzenten, Plattenladeninhaber oder Künstler. Krohn und Löding versuchen herauszufinden, warum spezifische Musikrichtungen in bestimmten Städten entstehen konnte, wie zum Beispiel der Grunge gerade in Seattle oder TripHop nur in Bristol. Auf diese Weise sind 24 Portraits ganz unterschiedlicher Musikmetropolen entstanden. Das Ergebnis ist eine sehr unterhaltsame und gleichermaßen informative Mischung aus Erlebnisbericht, Popgeschichte und Reiseführer, den die Autoren zusätzlich mit eigens für jede Stadt zusammengestellten Playlists und Adressen für die zentralen Sehenswürdigkeiten zur Popmusik anreichern.


3. Don’t Eat The Yellow Snow. Pop Music Wisdom, von Marcus Kraft, Amsterdam 2015

Popsongs sind die besseren Ratgeber. Das beobachtete der Schweizer Grafikdesigner Marcus Kraft, als er während einer verregneten Asien-Reise zum Zeitvertreib viel Musik hörte und Playlists mit anderen Backpackern austauschte. Dabei merkte er, dass Popmusik für alle Lebenslagen und Stimmungen, ob Liebeskummer oder Weltschmerz, Fernweh oder Aufbruchstimmung, passende Ratschläge und Weisheiten liefert, die meist in einen prägnanten Einzeiler komprimiert sind. Diese Zeilen schrieb er auf und fasste sie als Buch zusammen. Entstanden ist so eine Sammlung teils humorvoller oder absurder, teils ernsthafter Sprüche und Weisheiten, die 250 Musiktiteln der letzten 50 Jahre entstammen, von Rock über Folk bis zu Punk und Hip Hop. Neben vielen bekannten Songs ist auch die ein oder andere Entdeckung zu machen. Im Index sind die Lieder nach Themen wie Einsamkeit oder Optimismus, Sehnsucht oder Rausch gelistet.

4. On Listening, hrsg. von Angus Carlyle & Cathy Lane, Axminster, Devon 2013
Inwiefern nehmen wir unsere Umgebung über Geräusche und Klänge wahr? Wie hängt das Hören mit unserer Vergangenheit, der Geschichte oder mit kollektiven und individuellen Erinnerungen zusammen? Inwieweit beeinflusst die räumliche Situation unsere akustische Wahrnehmung? Wie hängen Hörerlebnisse mit technologischen Entwicklungen zusammen? Und in welchem Umfang kann ein genaues Hinhören neue Beziehungen zu der uns umgebenden Umwelt erschließen?
»On Listening« versammelt vierzig kurze Essays, die sich aus multidisziplinären Perspektiven dem Phänomen des (Zu-)Hörens widmen. Zu den Autoren der versammelten Essays zählen Künstler, Aktivisten und Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Bereichen wie Anthropologie, Bioakustik, Geographie, Literatur, Soziologie, Religion, Philosophie, Kunstgeschichte, Kommunikationswissenschaften oder Musik. Wissenschaftliche, empirische und erweiterte aktuelle Diskurse werden so auf vielfältige Weise miteinander verbunden. Gegliedert ist der Band in vier thematische Sektionen, die sich den Perspektiven des Hörens, der Akustik in Bezug auf räumliche Situationen, audio-technologischen Entwicklungen sowie dem Zuhören in Bezug auf zwischenmenschliche Kommunikation widmen.
In vielen Beiträgen wird die Rolle des Zuhörers als eine aktive, an der Erschaffung des Hörerlebnis teilhabende beschrieben. So schildert etwa der spanische Experimental-Musiker und Sound-Künstler Francisco López seine Erfahrung im Regenwald von Sarapiquí in Costa Rica, in dem er auf dem feuchten Boden liegend, in völliger Dunkelheit dem endlosen Strom der akustischen Umgebung lauschte und diese aufzeichnete: „I feel like a creator; not because I am recording or because I might be later ‚composing‘ something with these sounds, but simply because I am listening to them with dedication and passion.“
Durch die große Brandbreite an Reflexionen und Überlegungen wir man diese Publikation, die eine hilfreiche Einführung in dieses sehr breite Themenfeld bietet, immer wieder aufs Neue zur Hand nehmen.

5. Colourbox »Music of the group (1982-1987)« – Compilation by Wolfgang Tillmans, London 2014
Colourbox »Music of the group (1982-1987)« ist die zweite Playlist, die Wolfgang Tillmans für den »PLAYBACK ROOM« im Lenbachhaus ausgewählt hat. Sie war vom 19. März bis 24. April 2016 im Lenbachhaus zu hören. Tillmans präsentierte diese Playlist bereits im Herbst 2014 in seinem Berliner Projektraum Between Bridges, wenig später erschien sie als CD in limitierter Auflage im Label 4AD.
Colourbox zählte zu den Pionieren einer experimentellen Popmusik. Ihr rauer, eklektischer Sound verbindt unterschiedliche musikalische Stilelemente von Reggae, Soul, Beatbox getriebenen Hip-Hop-Rhythmen bis hin zu Industrial. Die Band setzte sich schon früh mit den Möglichkeiten aufgenommener Musik auseinander. Sie experimentierte mit Tonbandgeräten, der Montage analoger Magnetbänder und Formen des Samplings. Auf diese Weise entwickelte Colourbox eine Musik , die so nur in einem Aufnahmestudio entstehen kann.
Auf dem Cover der 2014 erschienen CD sind Bilder einer bis dahin nicht bekannten Fotoserie von Wolfgang Tillmans zu sehen. Sie zeigen einen Canon Colour Laser Kopierer, ein technisches Gerät der achtziger Jahre, das sich nach jahrzehntelanger Nutzung nicht mehr reparieren ließ und vom Künstler kurzerhand zerlegt wurde.

Elisabeth Giers ist Kuratorin des Ausstellungsprojekts »PLAYBACK ROOM« und wissenschaftliche Assistentin des Direktors am Lenbachhaus.

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