von Eva Huttenlauch.

Zwei Jahre nach der Wiedereröffnung des Lenbachhauses wurde der Bereich „Kunst nach 1945“ im Mai letzten Jahres komplett neu konzipiert und unter dem Titel „SO EIN DING MUSS ICH AUCH HABEN“ präsentiert. Aus unserer umfangreichen Sammlung werden im Wechsel von zwei Jahren neue Werke gezeigt, die unseren Beuscherinnen und Besuchern bislang weitgehend unbekannt sind. Im Zentrum der Präsentation steht die raumgreifende Installation „Laden 1975–2015“ des Künstlers Hans-Peter Feldmann (*1941) und die Münchner Malereigeschichte von der Nachkriegszeit bis in die unmittelbare Gegenwart, angefangen bei der Gruppe SPUR, von der das Lenbachhaus ein wichtiges Werkkonvolut besitzt bis hin zu Malerinnen und Malern wie Jacqueline de Jong und Asger Jorn, die zur gleichen Zeit in München aktiv waren, und mit denen gemeinsam der Film „So ein Ding muss ich auch haben“ (Regie: Albert Mertz) entstand, der unserer Sammlungspräsentation den Titel gibt. Die Münchner Malerei setzt sich fort bis zu jüngsten Positionen wie etwa Hedwig Eberle oder Andy Hope 1930. Eva Huttenlauch ist Sammmlungsleiterin am Lenbachhaus und hat die Ausstellung kuratiert. Dies sind ihre ganz persönlichen Literatur- und Filmempfehlungen:

1. Serge Guilbaut, How New York Stole the Idea of Modern Art: Abstract Expressionism, Freedom and the Cold War, 1985.
Serge Guilbaut beschreibt die Verlagerung des Zentrums der zeitgenössischen Kunst und kultureller Entwicklungen von Paris und Europa nach New York und in die USA. Er stellt die Künstler des Abstrakten Expressionismus vor, die zwar in unserer Sammlungspräsentation selbst nicht vorkommen, doch waren sie äußerst wichtig für die Maler der SPUR-Gruppe. HP Zimmer war beispielsweise sehr beeindruckt von Jackson Pollock und reiste als junger Künstler um 1960 eigens nach Hamburg um dort eine Pollock-Ausstellung zu sehen. Für die Entwicklung der Kunstgeschichte in den USA aber auch in Europa in der unmittelbaren Nachkriegszeit ist dieses Buch sehr aufschlussreich.

2. Gruppe SPUR Manifeste / Manifestos, Lenbachhaus Edition 02, 2015.
Endlich sind die wichtigsten Originalschriften der Gruppe SPUR auch auf Englisch publiziert. Mit großem Feingefühl für den Sprachduktus der Künstler hat der Übersetzer Daniel Hendrickson die Manifeste und Flugblätter aus dem Deutschen ins Englische übersetzt. Anlässlich unserer neuen Sammlungspräsentation, deren Anfang die Kunst der Gruppe SPUR und damit zusammenhängend die revolutionären Gedanken der Situationistischen Internationale machen (deren deutsche Sektion die SPUR von 1959-62 war), war es uns ein Anliegen, diese so wichtigen Texte der Gruppe, die die gesellschafts- und kulturpolitische Stimmung der späten 50er Jahre und bis 1968 in München wiedergeben, auch einem internationalen Publikum zugänglich zu machen.

3. SO EIN DING MUSS ICH AUCH HABEN, 1965.
Dieser Film des dänischen Regisseurs Albert Mertz, bei dem die Mitglieder der Gruppe SPUR, Asger Jorn und Jacqueline de Jong mitwirken, vermittelt ein gutes Bild der Atmosphäre der Münchner Kunstszene im München der frühen 60er Jahre. Surreale Straßenszenen und ironische Bilder sind von musikalischen Experimenten von Asger Jorn und Jean Dubuffet unterlegt, die wiederum eine passende Metapher für die Kakophonie der gesellschaftlichen Situation zu der Zeit sind: Konservatives gesellschaftspolitisches Klima einerseits, kreativ-intellektuelle Anarchie anderseits. Es war sofort klar, dass dieser Film das Entrée der Sammlungspräsentation bilden und der ganzen Ausstellung ihren Titel geben würde. Übringes passt der Titel auch wunderbar zum zweiten Schwerpunt der Ausstellung: dem „Laden 1975-2015“ des Konzeptkünstlers Hans-Peter Feldmann, der tausende von schrägen Figürchen und Geschenkartikeln versammelt.

4. Interview Obrist-Feldmann, 2009.
Bezeichnend für die Praxis des Konzeptkünstlers Hans-Peter Feldmann ist sein Interview-Buch mit Hans Ulrich Obrist. Obrist ist bekannt für seine Künstler-Interviews, die er in dicken Sammelbänden publiziert. Das Interview-Buch mit Feldmann funktioniert etwas anders: der Künstler antwortet auf Obrists Fragen ausschließlich mit Bildern. Die emotionale und direkte Herangehensweise anstelle eines vermittelnden intellektuellen Hintergrundes und die künstlerischen Anliegen von Hans-Peter Feldmann sind in diesem Buch wunderbar visualisiert.

5. Heinz Butz. Bildobjekte 1964-1976, 1994.
Heinz Butz studierte an der Kunstakademie Augsburg sowie an der Akademie der Bildenden Künste in München, wo er später selbst bis 1991 eine Professur für Malerei innehatte. Einflussreich für ihn wirkten die Entwicklungen der europäischen Moderne, die er von Malern wie Paul Cézanne, Wassily Kandinsky oder Franz Marc ausgehen sah. Butz arbeitete zunächst in einer illusionistischen Formensprache an Landschaftsmotiven, von deren Erlebnishaftigkeit er schließlich abstrahierte, bis er zu den hier gezeigten konkreten Formen gegenstandsloser Bildobjekte gelangte. Obwohl Butz seither anschauliche Realität in abbildhafter Wiedergabe ausschließt, findet und baut er die elementaren Bestandteile seiner Bildobjekte doch immer analog zur Welt des Organischen.

Eva Huttenlauch ist Sammlungsleiterin, Kunst nach 1945 und Kuratorin am Lenbachhaus.

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