von Annegret Hoberg.

Heute verbinden wir Kandinskys abstrakte Malerei und seine Schriften aus der Zeit des »Blauen Reiter« wie selbstverständlich mit seiner Beziehung zu den modernen Naturwissenschaften: Mit der Ablehnung des Materiellen, mit seiner Rezeption des neuentdeckten Atomzerfalls – darauf bezieht sich Kandinsky in seinem Buch „Über das Geistige in der Kunst“ von 1912 – und mit seiner Erwartung einer zukünftigen ‚Epoche des großen Geistigen‘, an der neben den Künsten auch alle Wissenschaften ihren Anteil haben werden.

Doch nicht so bei Franz Marc: Ganz überwiegend reduzieren wir ihn auch in seinen theoretischen Äußerungen auf den romantischen, nach paradiesischer Unschuld und Reinheit suchenden Tiermaler, dem das Tier als Medium für sein Streben nach ‘rein Geistigem’ dient. Daß Marc aber durchaus auch sehr moderne Ansätze in seinen theoretischen Überlegungen und im Einsatz seiner künstlerischen Mittel aufweist, soll hier in aller Kürze zur Diskussion gestellt werden. In welche – für viele Marc-Liebhaber eventuell überraschende – Richtung seine künstlerischen Ideen gegen Ende seines Lebens gehen, kann mit einem Zitat aus seinen im Kriegswinter 1914/15 im Feld verfaßten »100 Aphorismen« angedeutet werden: „Die kommende Zeit, die ‘Epoche des Geistigen’, wie sie Kandinsky nennt, wird ihre ethischen und künstlerischen Formen aus den Gesetzen des exakten Wissens schöpfen.“

Mehr als die Hälfte von Marcs »100 Aphorismen« – das sind kurze Sinnsprüche oder Überlegungen im Twitterformat, die seine Witwe Maria Marc 1920 in Buchform veröffentlicht hat – sind explizit den modernen Naturwissenschaften gewidmet. Gerade sie aber werden nur selten zitiert, vielleicht auch, weil man das Image des idealistischen, dem modernen Leben abgewandten Tiermalers nicht stören möchte.

Auch in Marcs spätem Text »Zur Kritik der Vergangenheit«, den er ebenfalls bereits im Krieg 1914 schrieb, ist ausdrücklich die Rede vom Zusammenhang der neuen künstlerischen Formen des Expressionismus und den Entdeckungen der modernen Technik und Naturwissenschaften. Er schlägt hier die Brücke zu den Eroberungen des modernen Lebens, zur Nutzbar­machung von Maschinen, von Energie, elektrischen Strahlen, Chemie und Ge­schwindigkeit. Unter anderem schreibt er von Drähten, Spannungen, gar von elektrischer „Beleuchtungsscenerie“ und Telegraphenap­paraten, und wird dabei recht deutlich: „Wer sollte so blind sein, diese merkwürdigen Zusammen­hänge der geistigen Ideen mit dem physikalischen Experiment, des Inner­lichen mit dem Äußerlichen zu leugnen? Einem sol­chen Zusam­menhange nicht unähnlich sind die Beziehungen zwi­schen der äußeren Gestalt unsrer malerischen Werke und den innerlichen Ideen – materielle Formen können für die Sehenden abstrakte Bedeutung erlangen.“

Die großen Gemälde aus Marcs „reifen Spätwerk“ – etwa die »Vögel« von 1914, aber auch die berühmten 36 Zeichnungen in seinem »Skizzenbuch aus dem Feld« – können auch unter dem Aspekt betrachtet werden, wie der Künstler hier versucht, die immanenten Wirkkräfte der Natur, offengelegt durch die moderne Physik, anschaulich zu machen. In Marcs »100 Aphorismen« ist mehrfach davon die Rede, daß der neue Europäer diese abstrakten Kräfte der Natur mit seinem „zwei­ten Ge­sicht“ an der Schwelle der gegenwärtigen Zeit erst zu erfassen beginne. Damit läßt sich auch der bisher von allen Marc-Interpreten sorgfältig umgangene, scheinbar mysteriöse Untertitel der »100 Aphorismen«, – nämlich: »Das zweite Gesicht« – , beim Lesen aller Aphorismen eindeutig als das Erkenntnis-Medium des modernen (Nachkriegs-) Europäers für die neuentdeckten Naturgesetze und deren Konsequenzen verstehen.

Franz Marc fiel am 4. März 1916 als Soldat an der französischen Front bei Verdun.Zum 100. Todesjahr sind eine Reihe von Gedenkveranstaltungen geplant, darunter ein gemeinsames Symposium Anfang Juli im Lenbachhaus und im Franz Marc Museum Kochel.

Annegret Hoberg ist Kuratorin und Sammlungsleiterin der Abteilung »Der Blaue Reiter« und das Kubin-Archiv.

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