von Sven Beckstette.

Bei Pop-Musik geht es im Wesentlichen um weite Verbreitung, sonst handelte es sich nicht um eine populäre Musik. Auf der Produktionsseite sind für sie außerdem Aktualität, schnelle Herstellung und die Einbeziehung von Marketingmechanismen entscheidende Faktoren. Für ihre Rezipienten kann Pop-Musik beides sein: ein sowohl gemeinschaftsstiftendes, soziales Erlebnis als auch ein Ausdruck von Individualität und Distinktion. Im Tonträgerzeitalter hatten die Produkte der Pop-Musik den Status von Waren des alltäglichen Konsums, die entsprechend auch als solche behandelt wurden. Noch vor einem ausdifferenzierten Klangbild stehen und standen für die Hörer von Pop-Musik die einfache Handhabung und die ständige Verfügbarkeit von Musik im Vordergrund (allein deshalb konnte sich im digitalen Zeitalter das MP3-Format durchsetzen).

Um ein großes Zielpublikum zu erreichen, orientierten (und orientieren) sich die Produzenten von Pop-Musik beim Abmischen im Studio an den technischen Eigenschaften der Medien, die in ihrer Zeit beim Hören von Musik jeweils vorherrschend waren, und stimmten den Klang der Musik darauf ab – von der Jukebox über das Transistorradio bis zum Smartphone. Deshalb ist der Sound von Pop-Musik untrennbar mit den technischen Aufnahme- und Abspielmöglichkeiten ihrer Zeit verbunden. Spätere Generationen haben häufig ältere Musikdokumente an ihre Vorstellungen und Gewohnheiten angepasst, etwa bei der Umwandlung von Mono-Aufnahmen in Stereo, wodurch sich grundlegende ästhetische Veränderungen ergeben. Um die Wirkung von Pop-Musik auf ihre Zuhörer gerade im Zeitalter ihrer körperlosen Allverfügbarkeit im Internet besser zu verstehen, müssen deshalb ihre historischen Wiedergabepraktiken stärker berücksichtigt werden (womit jedoch nicht eine Vinyl-Renaissance als Lifestyle gemeint ist).

Ein Beispiel, das diese Wechselwirkung besonders deutlich zeigt, ist der weltweite Durchbruch des Rock’n’Roll Mitte der 1950er-Jahre, für den vor allem eine Figur steht: Elvis Presley. 1956 brachte RCA Presleys Debütalbum heraus, die als erstes Rock’n’Roll-Album die Spitzenposition in den Billboard-Charts erzielte und Presley zum Star machte. RCA vertrieb die Platte außerdem als 7“-EP. Das Single-Format war von dem Label 1949 eingeführt worden als Reaktion auf die Langspielplatte des Konkurrenten Columbia. Mit den wesentlich günstigeren Singles zielte RCA auf ein jugendliches Publikum ab, das sich die teuren LPs meist nicht leisten konnte. Mit dem Debüt von Presley vermarktete RCA gleichzeitig einen tragbaren 7“-Plattenspieler in zwei Modellen mit dem Signet des Künstlers sowie seinem Erstling als Doppel- bzw. Dreifach-7“-EP: Die Musik und ihr Abspielgerät fielen ineinander.

Sven Beckstette ist Kurator am Kunstmuseum Stuttgart. Dort co-kuratierte er zuletzt die Ausstellung “I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920” (2015). Neben seiner Tätigkeit als Kurator und Kunstkritiker war Beckstette langjährig als Musikkritiker für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und für Spex tätig.

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