von Ursula Keltz.

Unter dem Titel »Der Blaue Reiter kehrt zurück« werden die beliebten Werke der Künstlergruppe seit Anfang Februar 2016 im Lenbachhaus neu präsentiert. Sie bilden indes nicht nur das international bekannte Kernstück der Sammlung, sondern auch das zentrale Thema der Forschung am Haus. Seit Gabriele Münter 1957 mit ihrer einzigartigen, mehr als 1000 Arbeiten umfassenden Schenkung den Grundstock zu diesem seither ständig erweiterten Sammlungsbereich legte (1), widmete das Lenbachhaus den Protagonisten des »Blauen Reiter« und Künstlerinnen und Künstlern aus ihrem Umkreis rund 50 Ausstellungen sowie zahlreiche wissenschaftliche Publikationen. Im Jahr der Schenkung schrieb Hans Konrad Roethel, damaliger Direktor des Lenbachhauses und Initiator der Donation, vorausschauend: „Die katalogmäßige Bearbeitung und die geistige Auseinandersetzung mit den ans Licht getretenen Schätzen wird Jahre in Anspruch nehmen.“2 Dass das Thema „»Blauer Reiter« nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat und der Forschung nach wie vor neue Aufgaben bietet, zeigt eine Auswahl von fünf Publikationen des Lenbachhauses aus dem letzten Jahrzehnt, die auch das breite Spektrum der Forschungsansätze verdeutlicht:

1. Gabriele Münter – Die Jahre mit Kandinsky, Photographien 1902-1914. Hrsg. von Helmut Friedel. Mit Texten von Annegret Hoberg, Helmut Friedel und Isabelle Jansen, München 2007 (Ausstellungskatalog).
Anlässlich des 50jährigen Jubiläums der Schenkung Gabriele Münters ehrte das Lenbachhaus die Künstlerin 2007 mit einer Ausstellung die ihre gemeinsam mit Kandinsky verbrachte Lebensphase umfasste und damit auch den entscheidenden Zeitraum von der Gründung bis zur Auflösung des »Blauer Reiter« einschloss. Es handelte sich um den zweiten Teil eines Ausstellungsprojekts, das erstmals die Photographien der Künstlerin in den Fokus rückte – ein Medium, mit dem sie sich zu Beginn ihrer Karriere intensiv befasst hatte. Der unmittelbar vorausgegangene erste Teil hatte Münters Reise nach Amerika 1899-1900 gegolten, als sie die Photographie für sich entdeckt hatte.
Grundlage dieses Projekts bildete ein Konvolut von etwa 2000 Photographien, die gemeinsam mit dem übrigen persönlichen Nachlass der Künstlerin in der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung bewahrt werden und für die »BlaueReiter«-Forschung von unschätzbarem Wert sind. So dokumentierte Münter beispielsweise die Räume der ersten »Blaue Reiter«-Ausstellung, das Treffen mit Künstlerfreunden oder ihr häusliches Leben mit Kandinsky, so dass ihre Aufnahmen auch als Basis für die Renovierung des Münter-Hauses in Murnau dienten.
Wie die Katalogtexte belegen, lässt sich über den dokumentarischen Aspekt hinaus vielfach ein Zusammenhang zwischen Münters Photographien und ihrem übrigen Werk herstellen, wenn sie auch Photographie nicht als eigenständiges künstlerisches Medium nutzte.

2. Kandinsky – Gesammelte Schriften 1889 – 1916. Farbensprache, Kompositionslehre und andere unveröffentlichte Texte. Hrsg. von Helmut Friedel, Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München. München 2007
Mit dieser 742 Seiten umfassenden Publikation, der eine immense Rechercheleistung zugrunde liegt, konnte 2007 eine Lücke in der Kandinsky-Forschung geschlossen werden. Sie zeigt zugleich, dass die Forschungsprojekte am Lenbachhaus oft weit über den eigenen Bestand hinausreichen.
Schon Hans Konrad Roethel hatte eine Gesamtausgabe der umfangreichen Schriften Kandinskys geplant. Durch seinen frühen Tod 1982 kam es jedoch nur noch zur Herausgabe eines ersten, 1980 erschienenen Bandes mit hauptsächlich autobiographischen Schriften.
Bearbeitet von der Kandinsky-Spezialistin Jessica Boissel offenbart die Publikation von 2007 die beeindruckende Vielfalt der Ideenwelt Kandinskys, die Komplexität seiner Interessen, die sich zwischen einer streng wissenschaftlichen Auseinandersetzung und einem tief emotionalen, sinnlichen Moment, wie es vor allem in seinen poetischen Entwürfen zum Ausdruck kommt, bewegen. Außer den Schriften zur Kunsttheorie sind hier Texte zu juristischen und ethnographischen Themen, Prosadichtung sowie zahlreiche Rezensionen versammelt, neben bis dahin unveröffentlichten Dokumenten in russisch und deutsch auch Neuübersetzungen aus dem Russischen oder Neuveröffentlichungen schwer zugänglicher deutscher Texte.Darüber hinaus wird durch acht Essays von Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen der Einblick in die vielseitigen Betätigungsfelder Kandinskys vertieft.

3. »Der Blaue Reiter« Aquarelle, Zeichnungen und Druckgraphik aus dem Lenbachhaus. Ein Tanz in Farben. Hrsg. von Helmut Friedel und Annegret Hoberg., München 2010 (Ausstellungs- und Sammlungskatalog)
Begleitet von einem opulenten, reich bebilderten Katalog präsentierte das Lenbachhaus 2010 seine weltweit einmalige Sammlung an Graphik des »Blauen Reiter« und rückte so die Qualität, die Vielfalt und Lebendigkeit dieser Arbeiten ins Licht. Die verschiedenen graphischen Techniken waren für die Künstlerinnen und Künstler des »Blauen Reiter» ganz wesentliche Ausdrucksmittel, mit denen sie sowohl eigenständige Werke schufen als auch Studien zu Gemälden oder Vorlagen zur Reproduktion in Druckwerken wie zum Beispiel dem berühmten Almanach »Der Blaue Reiter«.
Im Begleitbuch zur Ausstellung, das zugleich als Sammlungskatalog konzipiert ist, sind alle 265 Exponate der insgesamt 16 beteiligten Künstler auf großformatigen Tafeln abgebildet und mit ausführlichen Angaben zur Technik, Größe und Provenienz versehen. Neben den Protagonisten des „Blauen Reiter“ finden sich hier auch Namen, die heute kaum noch bekannt sind, wie Albert Bloch, der „amerikanische Blaue Reiter“, Eugen von Kahler oder Elsa und Eduard Schiemann. Texte zu den einzelnen Künstlern erläutern speziell das graphische Schaffen innerhalb ihres Werks und geben Aufschluss über ihre Verbindung zum »Blauen Reiter«. Von 13 der 16 Künstler ist der gesamte im Lenbachhaus bewahrte Bestand an graphischen Arbeiten im Katalog erfasst. Im Falle Münters, Kandinskys und Kubins wurde jeweils eine Auswahl besonders charakteristischer Werke getroffen, da ihrem umfangreichen graphischen Œuvre bereits zuvor Publikationen gewidmet worden waren.

Anhand der Texte, insbesondere aber der Abbildungen im Katalog wird einmal mehr deutlich, wie heterogen und individuell der künstlerische Ausdruck der Künstlerinnen und Künstler des »Blauen Reiter« im Verhältnis beispielsweise zur »Brücke« war und dass das verbindende Element der Künstlergruppe in der „inneren Haltung“ ihrer Mitglieder, nicht in der Ähnlichkeit ihres Werks bestand.

4. Annegret Hoberg und Isabelle Jansen: Franz Marc, Werkverzeichnis Band III, Skizzenbücher und Druckgraphik. München 2011
Mit der Veröffentlichung von Band III des Werkverzeichnisses zu Franz Marc fand 2011 ein höchst ambitioniertes Forschungsvorhaben seinen Abschluss. Vorausgegangen waren die Publikation des ersten Bandes über die Gemälde, 2003, und des zweiten Bandes im folgenden Jahr, der mit Aquarellen, Gouachen, Zeichnungen, Postkarten, Hinterglasmalerei, Kunstgewerbe und Plastik eine Vielzahl unterschiedlicher Bereiche umfasst.
Wie häufig bei wissenschaftlichen Vorhaben ähnlichen Umfangs lag auch der Realisierung dieses Projekts die Kooperation zweier Institutionen zugrunde: Finanziert und herausgegeben von der Franz Marc Stiftung in Kochel, wurde das Werkverzeichnis inhaltlich am Lenbachhaus erarbeitet. Diese Aufgabe leisteten mit profunder Sachkenntnis Annegret Hoberg, langjährige Kuratorin der Abteilung »Blauer Reiter«, und Isabelle Jansen, Leiterin der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, die über Franz Marc promovierte.
Bei ihren Recherchen konnten die Autorinnen auf das 1970 erschienene einbändige Werkverzeichnis Klaus Lankheits aufbauen, es jedoch allein in der Anzahl der aufgeführten Werke sowie aufgrund neuer Erkenntnisse um ein Vielfaches erweitern und revidieren.
Dies trifft insbesondere auf den dritten und letzten Band zu, da Lankheit nur eine geringe Auswahl der Skizzenbuchblätter berücksichtigt hatte. Eine besondere Herausforderung ergab sich aus der Tatsache, dass die Skizzenbücher nicht als Ganzes erhalten waren, sondern im Laufe der Zeit zahlreiche Blätter für unterschiedliche Zwecke herausgetrennt worden waren. Diese über die ganze Welt verstreuten Einzelblätter ausfindig zu machen und die insgesamt 33 Skizzenbücher in dem hier vorgelegten hohen Grad an Vollständigkeit zu rekonstruieren, erforderte eine fast kriminalistische Akribie. Die dabei gewonnene erstmalige Übersicht eröffnete einen ganz neuen Blick auf die Motivwelt Franz Marcs. Dominieren im bekannten malerischen Werk eindeutig die Tiermotive, so finden sich hier auch Darstellungen männlicher Sportler, exotischer Themen und vor allem weibliche Akte und bezeugen damit eine unerwartete Themenvielfalt.

Die nun vorliegende Gesamtübersicht über Marcs künstlerisches Schaffen, in die zahlreiche neue Ergebnisse einflossen, wird auf Jahrzehnte hin eine unverzichtbare Grundlage für die Marc-Forschung bilden und ihr neue Impulse verleihen.

5. Helmut Friedel, Annegret Hoberg: Der Blaue Reiter im Lenbachhaus München. München u.a. 2013 (Sammlungskatalog)
Zur Wiedereröffnung des Lenbachhauses 2013 erschien eine Neubearbeitung des Sammlungskatalogs zum »Blauen Reiter«, der in Geschichte, Ideen und Ziele der Künstlergruppe einführt und die herausragenden Werke in großformatigen kommentierten Farbtafeln präsentiert.
Gegenüber den beiden Vorgängerbänden von 1989 und 2000, die nur sechs bzw. zehn Protagonisten berücksichtigten, sind hier mit dem Amerikaner Albert Bloch, dem Russen Wladimir Burljuk und dem Niederländer Adriaan Korteweg drei weitere Künstler aus dem Kreis des »Blauen Reiter« einbezogen, die die Internationalität der Gruppe verdeutlichen.
Neu ist in dem Band auch der separate Essay Helmut Friedels über die „Wege des »Blauen Reiter« in das Lenbachhaus“, in dem er die Geschichte der Blaue Reiter-Sammlung detailliert beschreibt. Annegret Hobergs Beitrag „Der Blaue Reiter – Geschichte und Ideen“ ist ebenfalls mit neuen Fakten und Erkenntnissen angereichert, so zum Beispiel über die Rolle der russischen Kunstszene, zeitgenössischer Musik oder damaliger Avantgarde-Ausstellungen für den »Blauen Reiter«. Durch Hinzufügung bzw. Austausch von 18 Tafeln wurde der Bildteil aktualisiert und auf 132 Tafeln erweitert. Auch die Überarbeitung des Layouts kam dem Katalog zugute. Mit dem etwas größeren Format und einer reicheren Ausstattung an Farbabbildungen vermittelt die Neuedition einen noch intensiveren Eindruck von der Leuchtkraft der Bilder, der Reichhaltigkeit und Qualität der Sammlung und lädt dazu ein, sich diese beeindruckenden Werke vor Ort anzuschauen.

Ursula Keltz ist Leiterin der Bibliothek im Lenbachhaus.

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