von Eva Huttenlauch.

Eva Huttenlauch (EH): „Electric Ladyland“ ist der Titel eines Albums von Jimi Hendrix aus dem Jahr 1968. Deine gleichnamige Installation geht von Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ von 1881 aus. Wie verbindest du diese beiden musikalischen Extreme?

Michaela Melián (MM): Ausgangspunkt für die neue Arbeit „Electric Ladyland“, die ich speziell für die Ausstellung im Kunstbau entwickelt habe, ist der zweite Akt in Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“, der auf E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ beruht. Im Mittelpunkt steht dabei die hübsche mechanische Puppe Olympia; es geht um lebendige Augen und eine Brille, durch die die Welt in euphorischem Licht erscheint.
Den Titel „Electric Ladyland“ mit seinem sprichwörtlich utopischen und imaginären Hallraum habe ich mehr assoziativ für die Arbeit bzw. die gesamte Ausstellung gewählt. Zwar stammt der Begriff „Electric Ladyland“ von Jimi Hendrix’ Song und Album, nur spielt Hendrix musikalisch hier keine Rolle für mich. Ich habe mich eher von den Lyrics inspirieren lassen: „Have you ever been to Electric Ladyland? Electric woman waits for you and me.“

EH: „Electric woman“ passt ja trotz des mehr Assoziativen sehr gut zum Inhalt der Installation: Elektrische Geräte und technische Apparate sind zum einen die praktische Voraussetzung für deine eigene Arbeit und zum anderen thematisierst du ihre Historie in deinen Kunstwerken. Um die Entwicklung der Elektrotechnik und die Anfänge der Elektrik im Zuge der Industrialisierung geht es auch in Offenbachs Oper. Die Oper erzählt von einer betörenden Frau, Olympia, in die Hoffmann sich verliebt, und an deren Figur sich deine Überlegungen zu „Electric Ladyland“ entzünden. Olympia erweist sich bei genauerem Hinsehen als Puppe, also als mechanisch angetriebener Automat – mit weiblich-körperlichen Eigenschaften. Faszination und Schrecken? In deiner Arbeit geht es ja auch immer um das Weibliche in kulturhistorischen Zusammenhängen.

MM: In der Oper ist der Autor E.T.A. Hoffmann selbst der Protagonist, der den von ihm in seiner Erzählung erfundenen Apparat, die mechanische Puppe Olympia, als lebendige Person wahrnimmt. Beim Walzertanz gibt die Puppe das Tempo vor, sie dreht sich immer schneller, bis der menschliche Tanzpartner nicht mehr mitkommt. Diese Olympiafigur ist das Vorbild für unzählige Darstellungen von Robotern, Androiden und Cyborgs in Film und Literatur. Mit ihrem immerwährenden Lächeln und äußerst reduzierten Sprachvermögen – außer ihrem Lied besteht ihre Kommunikation ausschließlich aus einem wiederkehrenden „Ach“ und „Ja! Ja!“ – entspricht Olympia perfekt dem jungen Mädchen zugedachten Rollenbild. Ihr scheinbares Menschsein findet immer nur in den Augen der Betrachter statt. Aber Olympia hält sich nicht an ihre Programmierung, sie funktioniert nicht; ein typisches Science-Fiction-Setting.
Diese Konstellation, der Autor und sein weibliches Geschöpf, zieht sich durch die Kulturgeschichte: Männer malen Frauen, schreiben über Frauen, konstruieren weibliche Figuren als Spiegel ihres Begehrens. Aber bei Olympia dreht sich diese Konstellation um: Die Puppe wurde zwar von zwei Männern konstruiert, hat aber ihren eigenen Rhythmus, ihr eigenes Leben, ist vielleicht schon klüger als ihre Erfinder, die sie schlussendlich nicht mehr beherrschen können.

EH: Wie bei deinen Installationen „Speicher“ (2008) und „Föhrenwald“ (2005) gibt es auch bei „Electric Ladyland“ eine Ausstellungsversion und eine Hörspielfassung für das Radio. Warum ist dir diese zweite Hörspiel-Ebene so wichtig, und worin unterscheiden sich die beiden Versionen?

MM: Alle genannten Arbeiten reflektieren jeweils in einer speziellen „(Hörspiel-)Version“ das Radio als öffentlichen Raum. Denn hier kann ich, ohne dass sich jemand bewusst an einen Kunst-Ort begibt, meine Arbeiten für ein unbestimmtes Publikum in Privatwohnungen, Autos oder an Arbeitsplätzen verfügbar machen. Ich sehe das als eine Gelegenheit, die Orte, an denen Kunst stattfindet, genreübergreifend zu erweitern. Die dafür ins rein Akustische übersetzte Arbeit bekommt einen ganz anderen Assoziationsraum, denn sie vermittelt sich als ein flüchtiges Ereignis nur durch das Ohr, mit einer klaren Zeitachse. Auch unterliegen die Radioarbeiten damit nicht den Verwertungsstrategien des Kunstmarkts, denn Radiohören ist prinzipiell jeder Person möglich.

EH: Woher kommen die Bilder in „Electric Ladyland“?

MM: Für meine Arbeiten erstelle ich im Zusammenhang mit der Lektüre immer ein stetig anwachsendes Bilderarchiv. Für „Electric Ladyland“ standen am Anfang Darstellungen des Körpers als Maschine. Dazu kamen Bilder von Apparaturen wie Sehmaschinen und Vermessungsinstrumente, Prothesen und Automaten, die Bewegungen und Handlungen des Menschen übernehmen können. Und es gibt das Thema des Labors als historischer Ort der Schöpfung des Homunkulus bzw. als zeitgenössischer Ort der Genforschung und Mikrobiologie. Die Laborgerätschaften weisen oft eine frappante Ähnlichkeit zu Küchengeräten auf.

Das gesamte Interview sowie weitere Texte von Jan Kedves und Laurence A. Rickels finden Sie in der Publikation zur Ausstellung mit eingelegter LP sowie CD. Erhältlich im Museumshop des Lenbachhauses oder online.

Eva Huttenlauch ist Kuratorin der Ausstellung „Michaela Melián. Electric Ladyland“ und Sammlungsleiterin, Kunst nach 1945 am Lenbachhaus.

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