von Monika Bayer-Wermuth.

Am 4. März jährt sich der Todestag von Franz Marc zum 100. Mal. Einige der bedeutendsten Werke des Malers sind in der Sammlung des Lenbachhauses beheimatet. Das »Blaue Pferd I« ist dabei eines seiner beliebtesten Bilder unserer Besucherinnen und Besucher. Warum ist das so? Und was bewegt die Menschen so sehr an den Tierdarstellungen von Franz Marc?
Kaum jemand kann das besser wissen als unsere Kunstvermittlerinnen und Kunstvermittler, die jedes Jahr Hunderten von Besucherinnen und Besucher diese Bilder näher bringen und uns aus zahlreichen Erfahrungen berichten können. Wir haben mit drei von ihnen gesprochen: Angelika Grepmair-Müller, Christiane Schachtner und Christoph Engels. Das Interview führte Monika Bayer-Wermuth.

Wie lange macht ihr schon Führungen am Lenbachhaus durch die Sammlung »Der Blaue Reiter« und wie seid ihr dazu gekommen?

Angelika Grepmair-Müller (AGM): Seit mehr als 20 Jahren betrachte ich mit den Besucherinnen und Besuchern des Lenbachhauses die Bilder Franz Marcs und kehre immer wieder gern zu ihnen zurück: sie „ermüden“ nicht und bieten, wie alle gute Kunst, ein unendliches Reflexionskontinuum.

Christoph Engels (CE): Ich habe schon als Kunstgeschichtsstudent durch das Lenbachhaus geführt. Meine erste Führung war, glaube ich, 1995…

Christiane Schachtner (CS): Und ich bin seit der Wiedereröffnung des Lenbachhauses im Mai 2013 im Team der Kunstvermittlerinnen und Kunstvermittler.

Ihr habt in dieser Zeit so viele Menschen durch das Lenbachhaus geführt und viele unmittelbare Erfahrungen sammeln können. Die Bilder von Franz Marc gelten hier als absolute Publikumsmagneten. Könnt ihr das bestätigen?

CE: Ja, das ist absolut so. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Den Menschen gefällt die leuchtende Farbigkeit und die positive Grundstimmung der meisten seiner Gemälde. Marcs Bilder sprechen zudem alle an, die Tiere lieben und das sind nicht wenige. Last but not least spielt auch ein wenig Lokalpatriotismus eine Rolle. Marc ist ein echter Münchner.

CS: Sicherlich hat es aber auch mit der Verbreitung der Bilder durch unzählige Reproduktionen zu tun. Für viele der Besucherinnen und Besucher ist es ein „Wiedersehen“ – auch wenn Sie vielleicht noch nie vor dem Original waren. Und ich freue mich vor allem, dass viele Kinder diesen Moment des „Wiedersehens“ spüren und mitteilen. Sie waren oft schon mit ihrer Kindergartengruppe oder Schulklasse da, oder haben im Kunstunterricht über Franz Marc gesprochen und seine Bilder gesehen.

AGM: Dem stimme ich zu: Die meisten Besucherinnen und Besucher lernen sie bereits von klein auf aus Abbildungen kennen und lieben. Im Museum kommt dann zu einer Art Wiedererkennens-Freude das Erlebnis der Begegnung mit dem Original hinzu. Die Kraft der reinen Farben, die harmonischen und dennoch spannungsvollen Kompositionen, die elementaren Formen und nicht zuletzt die sinnliche Wahrnehmung der Bildoberflächen und ihrer „Textur“ führen zu besonderen Erlebnissen. Zur Beliebtheit von Franz Marc gehört sicher auch, dass seine Werke mit dem Versprechen eines tieferen Verständnisses und Einfühlens in das Wesen der Tiere und der Natur verbunden sind.

Wie reagieren die Menschen auf seine Bilder, auf das »Blaue Pferd« zum Beispiel und welche Erlebnisse haben sich euch dabei eingeprägt? Wie kann man dies beschreiben, eher emotional oder kognitiv?

CS: Ich versuche, den Menschen einen „frischen“ Blick auf die Werke zu öffnen – die Bilder so wahrzunehmen, als würden wir diese zum ersten Mal sehen. Gerade weil wir mittlerweile vermeintlich so vertraut sind mit diesen ist es gut, sich immer wieder aufs Neue zu vergegenwärtigen, wie sie wohl auf die Betrachter zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewirkt haben mögen. Das ist ungeheuer spannend und ich glaube, es verändert auch unsere Wahrnehmung heute.

CE: Ich werde nie vergessen, wie mich ein alte Dame nach einer Führung durch den »Blauen Reiter« ansprach. Sie mochte meine Interpretation von Marcs »Blauen Pferd« und meinte: „Wissen Sie, vor diesem Bild habe ich mein erstes Referat in der Schule gehalten. Ich glaube, das war 1963.“ Die Besucherin hatte also seit Jahrzehnten eine persönliche Beziehung zu diesem Bild. Die Sammlung des »Blauen Reiter« gehört zur kulturellen Identität dieser Stadt. Das macht sie so wichtig. Jedes Schulkind besucht in der Regel irgendwann das Lenbachhaus und sieht diese Bilder. Sie sind etwas, was man „teilen“ kann, religions- und herkunftsübergreifend. Sie verbinden. Und sie tun dies auf eine emotionale Weise, nicht kognitiv. Emotionale Verbindungen sind viel tiefer und stärker als kognitive.

AGM: Aber Fühlen und Denken gehören zusammen, es ist ein ganzheitliches Erlebnis, das viele Ebenen berührt und sich vom »Bilderkonsum«
des Alltags unterscheidet. Das »Blaue Pferd« spricht den Betrachter sofort positiv an – zuerst auf einer eher emotionalen Ebene: in der Klarheit der Komposition und seiner Tektonik, der substantiellen Reinheit seiner Farben, seiner Anmut und Vitalität. Es scheint träumerisch in sich zu verharren und steht wie schwebend vor einer Landschaft, die ihm als sein geistiger Ort zugebildet ist. Nach dem ersten Eindruck reflektieren die Besucherinnen und Besucher aber sehr schnell weitere Fragen: Warum blau? Was unterscheidet das »Blaue Pferd« von „konventionellen“ Darstellungen? In welcher Beziehung steht das Blau zu den Farben der Pflanzen und Hügel? Zu welcher Sicht von »Natur« werden wir geführt?

Was war die ungewöhnlichste Reaktion eines Besuchers, die ihr einmal bei einem Werk von Franz Marc erlebt habt?

AGM: Ich kann kein einzelnes, einmaliges Erlebnis herausheben, sondern kann zum Beispiel berichten, dass viele Menschen vor Werken Franz Marcs ausgesprochen lange verharren können. Sie fühlen sich von der Hektik des Alltags abgekoppelt in einen Zustand belebter Ruhe versetzt.

CS: …ich finde es insgesamt eine große Bereicherung, wenn Besucherinnen und Besucher ihre Gedanken und Beobachtungen mitteilen und einbringen – oft entstehen daraus interessante Fragen und Gespräche.

CE: Ungewöhnlich, aber durchaus nachvollziehbar, fand ich die Reaktion einer Besucherin auf Marcs Bild »Der Tiger«. Sie meinte, dass der Tiger ängstlich dreinschaue. Und es stimmt, der Gesichtsausdruck und die Augen des Tieres lassen sich in der Tat so deuten. Das macht meinen Beruf so spannend. Die Beiträge der Besucherinnen und Besucher bereichern einen und offenbaren immer wieder neuen Seiten von Kunstwerken, die man komplett zu kennen glaubt. Das ist generell das Schöne an großer Kunst. Sie ist unabschließbar und fördert immer wieder neue Aspekte, Gedanken, Assoziationen und Gefühle zu Tage.

Oftmals werden die Werke auf ihre bunten Farben und die ansprechenden Motive reduziert. Franz Marc aber sprach davon, dass er von einer »Weltanschauung« zu einer »Weltdurchschauung« gelangen möchte. Kommt diese transzendentale Kunstidee beim Betrachter auch heute noch an?

CS: Ich denke ja. Das kann gelingen, wenn man gemeinsam sieht, wahrnimmt und sich in der konkreten Auseinandersetzung mit Franz Marcs Werk und dessen historischem Kontext Schritt für Schritt auf das Experiment einlässt, die große Idee nachzuvollziehen und einen Perspektivwechsel zu wagen.

CE: Ich denke auch, man muss sie den Menschen vermitteln. Ich lese gerne dazu Originalzitate von Franz Marc vor und erläutere sie. Die Besucherinnen und Besucher sind, was philosophische Ideen angeht, sehr aufgeschlossen. Viele Menschen möchten von Kunst nicht nur formal beeindruckt, sondern auch inhaltlich angeregt werden, ganz nach der Überzeugung Kants, dass Kunst »viel zu denken veranlasst.«

AGM: Die Idee der„Weltdurchschauung“ und andere verbale Äußerungen des Künstlers finden Interesse und erhöhen sogar die Aufmerksamkeit nochmals bei den Besucherinnen und Besuchern. Sie begleiten Wahrnehmung und Interpretation der Werke. Dazu gehören beispielsweise auch seine Auffassung der Einheit von Organischem und Anorganischem und von Geist und Technik. Die Idee der „Weltdurchschauung“ schließt sich den Betrachtern meist aus dem Vergleich mehrerer Werke umso besser auf – von den frühen, räumlich-plastischen zu den späteren, gegenstandsferneren kristallin durchwirkten Strukturen. Hierfür ist das Lenbachhaus mit der Fülle der Werke Franz Marcs, die hier außerdem mit den anderen Künstlern des »Blauen Reiter« verglichen werden können, ein einmaliger Ort.

Christoph Engels hat Kunstgeschichte, Philosophie und Theologie in Bonn, Paris, Rom und München studiert und ist in Kunstgeschichte promoviert. Er ist Kunstvermittler und betreibt mit Kunst-Tour ein vielfältiges Kunstvermittlungsunternehmen.

Angelika Grepmair-Müller hat Kunstgeschichte, Archäologie und Psychologie studiert . Durch ihre Dozententätigkeit für das Seniorenstudium der LMU München hat sie die Arbeit mit Menschen und Kunst für sich entdeckt und ist seitdem freiberuflich als Kunstvermittlerin tätig.

Christiane Schachtner hat Kunst, Kunstgeschichte, Philosophie und Kunstpädagogik studiert und ist in Kunstgeschichte promoviert. Seit 2013 ist sie freiberuflich im Team der Kunstvermittlung am Lenbachhaus tätig.

Monika Bayer-Wermuth ist wissenschaftliche Volontärin am Lenbachhaus.

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