von Isabelle Jansen.

Das von Gabriele Münter selbst als »Im Zimmer« betitelte Gemälde entstand während eines Besuchs der Künstlerin bei ihrer Schwester Emmy Schroeter und deren Familie in Berlin. Zu sehen ist Münters Nichte Elfriede, auch Friedel genannt, beim Lesen in ihrem Zimmer. Das Bild ist Teil einer kleinen Reihe von „in häuslichen Interieurs angesiedelte[n] genreartige[n] Porträtszenen“ (R. Heller). Dazu zählt auch »Kandinsky und Erma Bossi am Tisch« (1912).

Die großformatige Komposition »Im Zimmer« nimmt jedoch einen Sonderplatz in dieser Reihe ein. Hier ist nicht mehr das vertraute Interieur Münters das Motiv – wie die Wohnung in der Ainmillerstraße in München oder die Innenräume ihres Murnauer Hauses –, sondern die häusliche Umgebung der Porträtierten selbst, Friedels Zimmer. Und während in anderen Gemälden die Personen völlig integriert im Raum dargestellt sind, wird dieser hier gewissermaßen aus zwei verschiedenen Kompositionen konstruiert. Die linke Hälfte zeigt ein Interieur, dessen geborgene Atmosphäre aus anderen Werken von Münter vertraut ist. An der Wand hängen Familienfotos, auf dem Sofa sitzt die schwarze Puppe namens Suleika und auf dem Boden sind zwei Bilder aufgestellt, die Friedel unter Anleitung ihrer Tante gemalt hat. Das erste ist ein Porträt ihrer Mutter, das zweite ein Stillleben mit einer Aphrodite-Skulptur.
Die rechte Hälfte von Im Zimmer ist ungewöhnlicher: Die zehnjährige Friedel sitzt in einem grünen Sessel und liest. Die monumentale Darstellung des Mädchens in einem weißen Kleid scheint auf klassizistische Frauendarstellungen Picassos aus den 1920er Jahren vorauszuweisen.

Die zwei Bilder von Friedel befinden sich heute im Münter-Nachlass in der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung als Teil der Sammlung von Kinderzeichnungen, die Münter und Kandinsky zusammentrugen. Durch ihre Auseinandersetzung mit der Kinderwelt wollte Gabriele Münter sich einer unverfälschten, ursprünglichen Bildsprache annähern. Dieses Bestreben, das sie mit vielen ihrer Zeitgenossen teilte, ist in den breiteren Kontext des „Primitivismus“ einzugliedern. Eine umfassende Sektion wird sich diesem Thema in der Gabriele Münter-Ausstellung widmen, die ab dem 1. November 2017 im Kunstbau zu sehen sein wird.

Isabelle Jansen ist Leiterin der Gabriele Münter- und Johannes-Eichner-Stiftung und arbeitet in Zusammenarbeit mit Matthias Mühling an der kommenden Gabriele Münter-Ausstellung.

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