von Monika Bayer-Wermuth.

Noch nie zuvor wurde in einer Ausstellung das Werk von Paul Klee und Wassily Kandinsky einander gegenübergestellt. Bis 24. Januar 2016 läuft die umfangreiche Schau
»Klee & Kandinsky. Nachbarn, Freunde, Konkurrenten« im Kunstbau des Lenbachhauses.
Fünf Buchempfehlungen als Lektüre vor, während oder nach dem Ausstellungsbesuch für Einsteiger und Experten, für Erwachsene und Kinder, für Klee- und Kandinsky-Begeisterte.

1. Klee & Kandinsky. Nachbarn, Freunde, Konkurrenten, hrsg. von Michael Baumgartner, Annegret Hoberg und Christine Hopfengart, München 2015

Die wechselseitigen Einflüsse und Bezüge der beiden Künstler Paul Klee und Wassily Kandinsky, wie sie in der Ausstellung auf einmalige Weise zu erleben sind, lassen sich im Katalog nachvollziehen, ebenso wie ihre individuelle Entwicklung angefangen bei ihrem in München entstandenen Frühwerk bis zu den letzten Arbeiten in den 1940er Jahren. Es sind zwei parallel verlaufende Künstlerviten mit zahlreichen Überschneidungspunkten, gemeinsamen Freunden, Netzwerken und sogar zeitweise identischen Adressen. Doch Klees und Kandinskys Kunstvorstellung und ihre Kunst selbst sind in Anbetracht dieser Parallelität auf den ersten Blick sehr verschieden. Erst die nähere Betrachtung und die tatsächliche Gegenüberstellung der einzelnen Bilder erlaubt es, den Austausch zu erkennen, der für einen kurzen Moment – zur Hochphase des Bauhauses – zu einer beinahen Ununterscheidbarkeit der Werke von Klee und Kandinsky führt.
Der Katalog gibt mit der von Christine Hopfengart verfassten Chronologie und ihrem Beitrag eine Einführung in das komplexe Werk der beiden Gründungsväter der Moderne. Im umfassenden Katalogteil treten die Bilder in einen Dialog über Themen wie »Der Blaue Reiter«, das Bauhaus, das Schicksalsjahr 1933 und den daran anschließende Neubeginn. Nicht nur Vertiefung, sondern Erkenntnisgewinn erwarten den Leser in den Essays, die das komplexe Verhältnis von Klee und Kandinsky zu Themen wie Musik und Natur aufgreifen, ihre Lehre am Bauhaus untersuchen oder die Künstler im Spannungsfeld der Deutschen Kunstkritik betrachten. Die Expertise der namhaften Autoren im Feld der klassischen Moderne und ihre teilweise jahrzehntelange enthusiastische Beschäftigung mit dem Werk der beiden Künstler, ist hier für den Leser spürbar.

2. Wassily Kandinsky. Briefe an Will Grohmann 1923-1943, hrsg. von Barbara Wörwag unter Mitarbeit von Annegret Hoberg, München 2015

Über zwanzig Jahre standen der Kunstkritiker Will Grohmann und Wassily Kandinsky im Briefwechsel. Dies ist im Zusammenhang mit der Ausstellung besonders interessant, da sie den Federkrieg genau zur Zeit am Bauhaus und dann in den Jahren des Pariser Exils austragen, also in jenen Jahren, auf denen der Fokus der Ausstellung liegt. Kandinsky schreibt in den Briefen über seine kunsttheoretische Auffassung, aber auch vom Leben am Bauhaus, von seinen Kontakten zu anderen Künstlern wie Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer oder seinem Nachbarn Paul Klee. Wie sich die politische Lage in Deutschland ändert, sich die Bedingungen am Bauhaus dadurch verschlechtern und es zur Schließung durch die Nationalsozialisten kommt, lässt sich in Kandinskys Berichten an Grohmann nachvollziehen.
Nicht nur deshalb ist dieser Band lesenswert. Kandinsky gilt heute als einer der Gründerväter der Moderne und als einer der bedeutendsten Künstler überhaupt. Will Grohmann, den Kandinsky nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1922 kennenlernte, spielte eine zentrale Rolle bei diesem Neustart. Er vermittelte Ausstellungsbeteiligungen und setzte sich sowohl inhaltlich als auch auf dem Kunstmarkt für Kandinsky ein. Grohmann ist eine zentrale Figur im Netzwerk der Moderne und gerade seine Verbindungen zu den Künstlern, Galeristen und Verlegern seiner Zeit werden hier deutlich, ebenso wie sein damit verbundener Einfluss.
Barbara Wörwag und Annegret Hoberg haben diesen Band mit umfassenden Kommentaren ergänzt, die jeweils an die einzelnen Briefe anschließen. Neben biografischen Anmerkungen zu den erwähnten Personen, werden Kunstwerke, Ereignisse, Zeitschriften und Bücher in ihrer Rolle erläutert. Für den Leser ein unschätzbarer Einblick in das Netzwerk der Moderne.

3. Paul Klee als Druckgraphiker: Zwischen Invention und Reproduktion, von Susanne M.I. Kaufmann, München 2015

Früh in seinem künstlerischen Schaffens verzeichnet Paul Klee jedes seiner Werke in einem Œuvre-Katalog. Deshalb befindet sich in der Ausstellung »Klee & Kandinsky« auf den Beschriftungen der Bilder hinter fast jeder Jahreszahl der Werke Klees eine zusätzliche Ziffer, die sich auf den jeweiligen Eintrag im Werkverzeichnis bezieht. Die Werkentwicklung lässt sich dank dieser chronologischen Erfassung sehr deutlich nachvollziehen. Gerade in seinem Frühwerk arbeitet Klee hauptsächlich mit dem Medium der Zeichnung. Als er sich selbst zur Malerei bekennt, ist er schon 15 Jahre künstlerisch aktiv.
Diese frühe Konzentration auf die Linie spiegelt sich auch in seinem druckgraphischen Werk wider. In seinem knapp 9500 Arbeiten umfassenden Gesamtwerk gibt es 111 in einer druckgraphischen Technik entstandene Werke, vornehmlich Radierungen und Lithographien. Dieses Konvolut scheint zahlenmäßig eine untergeordnete Rolle zu spielen. Doch wie die Autorin Susanne Kaufmann in ihrer gerade erschienenen Forschungsarbeit zeigt, kommt diesen Arbeiten gerade zu Beginn seines Schaffens eine herausgehobene Bedeutung zu.
Das Buch betrachtet das druckgraphische Werk Paul Klees in einem zeithistorischen Kontext und setzt es in Bezug zu einer bewusst eingesetzten Selbstvermarktungsstrategie des Künstlers. Es zeigt unter Berücksichtigung publizistischer und ökonomischer Prozesse auf, wie es Klee auch durch bewusste Vervielfältigungsstrategien und einem strategischen Umgang mit den Anforderungen des Kunstmarkts gelingt, in wenigen Jahren zu einem der meist beachteten Künstler im deutschsprachigen Raum zu werden.

4. »Wer ist eigentlich dieser Kandinsky?« von Britta Benke, Berlin 2008

Wer ist eigentlich dieser Kandinsky?, fragt Britta Benke in ihrem Buch aus der Reihe »Kinder entdecken Kunst«. Die Autorin nimmt ihre jungen Leser mit auf eine Entdeckungsreise zur Kunst Kandinskys und schafft es dabei, spielerisch den komplexen Weg zur Abstraktion darzustellen. Sie zeigt zu Beginn, dass Kandinsky und Gabriele Münter Interesse an den Bildern von Münters Patenkind Annemarie hatten und wie Kandinsky solche Eindrücke aus Kinderzeichnungen in seinen Bildern umgesetzt hat.
Kandinskys Weg zur Abstraktion ist geleitet von einer Überwindung des Gegenständlichen. Diese langsame Ablösen vom konkreten Gegenstand inszeniert die Autorin als Bilderrätsel und lässt die Kinder in den abstrakten Bildern aus der Zeit des Blauen Reiter Figuren und Gegenstände wiederfinden. Doch auch der nächste Schritt, die vollkommene Abstraktion, und damit die Bedeutung einer geometrischen Formensprache mit blauen Kreisen, roten Quadraten und gelben Dreiecken kommt zum Tragen. Das komplexe Thema der Musik und die Frage, wie Kandinsky Klänge sehen konnte ist ein weiterer inhaltlicher Aspekt, den die Autorin ihren jungen Lesern vermittelt.
So werden zahlreiche Punkte angesprochen, die auch in der Ausstellung Relevanz haben. Durch den spielerischen Umgang mit diesen großen Themen, wird ein Ausstellungsbesuch für Kinder zur künstlerischen Entdeckungsreise. Auch die kreative Seite bleibt nicht außen vor, und es ergeben sich zahlreiche Anregungen mit Kandinskys Ideen umzugehen und nach seinem Vorbild eigene Bilder zu malen.

5. Im Zaubergarten – Paul Klee: Kunst für Kinder, von Silke Vry, München 2011

Paul Klees Bilder sind voll von geheimnisvollen Welten und Landschaften, von Figuren und Wesen, die die Fantasie von Kindern anregen können. Bereits beim Durchblättern von »Im Zaubergarten – Paul Klee: Kunst für Kinder« fallen die zahlreichen Abbildungen und die anschauliche Inszenierung der Werke ins Auge, die den Leser einladen diese Welten zu erkunden.
Die Autorin holt die jungen Leser und vielleicht auch Zuhörer in ihrem eigenen Alter ab: Die Geschichte über Paul Klee beginnt nämlich in seiner Kindheit, als dieser schon sehr viel gemalt und gezeichnet hat. Die Großmutter wird zu seiner Förderin, die ihn auch unterstützt, wenn ein Bild ihm einmal nicht so gut gelingt. Dies ist auch als eine Motivation an die Kinder gedacht, die selbst malen und vermutlich am besten wissen, wie sich das anfühlt.
Besonders wertvoll ist, dass die Autorin neben der etwas freier erzählten Geschichte auch Auszüge aus dem Tagebuch Klees integriert. Die Einbindung von originalen Erinnerungen verlebendigt den Künstler und vermittelt einen spannenden Zugang zu seiner Person. Der Künstler, der hier malt und schreibt, wird so zu dem tatsächlich greifbaren Paul Klee.
Die zahlreichen Anregungen selbst zu gestalten und die Bastelanleitungen lassen dieses Buch zu einem langfristigeren Begleiter werden. Ob Sandbilder, phantasievolle Kochideen, ein Daumenkino oder das Anfertigen von Würfelbildern: der kreativen Entfaltung sind keine Grenzen gesetzt.

Alle Bücher sind im Museumshop der Buchhandlung Walther König im Lenbachhaus erhältlich.

Monika Bayer-Wermuth ist wissenschaftliche Volontärin am Lenbachhaus und hat die Kuratorin Annegret Hoberg bei der Arbeit an der Ausstellung »Klee & Kandinsky« als Assistentin begleitet.

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