von Kai-Inga Dost.

„Kühle Abstraktionen“
Linien, Raster, Dreiecke und Kreise dominieren das Oeuvre Kandinskys in den Bauhausjahren. Die belebten, sinnlichen Farbkompositionen seiner frühen Abstraktionen der Münchner Jahre sind nüchternen, geometrischen Konstruktionen gewichen, die er selbst als „kühle Abstraktionen“ bezeichnet. Seiner Forderung nach gegenstandloser Malerei ist er somit zwar treu geblieben, doch hat er während der Jahre in Russland Anregungen des russischen Konstruktivismus aufgenommen und seinen Stil weiterentwickelt.

Bauhaus, Schmiede der Moderne:
Auch am Bauhaus selbst – wo, wie die Ideen zahlreicher Vordenker verschiedener Bereiche wie Architektur, Malerei, Plastik, angewandte Künste und Technik sich wie in einem Schmelztiegel kumulieren – walten avantgardistische Kräfte: Walter Gropius, Gründer und Direktor des Staatlichen Bauhauses in Weimar, vertritt eine klare, reine Form des Bauens, die später als ‚Neue Sachlichkeit‘ die Architekturgeschichte nachhaltig prägt; Theo van Doesburg ist Gründungsmitglied der niederländischen Bewegung De Stijl, der u.a. auch Piet Mondrian angehört, und welche die geometrische Abstraktion und die Reduktion auf die Grundfarben Rot, Blau und Gelb propagiert; László Moholy-Nagys Arbeiten sind stark vom Konstruktivismus geprägt, und in seiner Bauhaus-Publikation Malerei. Fotografie. Film spricht er sich für eine von subjektiven Einflüssen befreite und auf die elementaren Mittel Farbe und Fläche reduzierte Kunst aus.

Punkt und Linie zu Fläche
Auch Kandinsky leistet mit Punkt und Linie zu Fläche seinen Beitrag für die Reihe der Bauhaus-Bücher. Der Band erscheint bei erster Betrachtung als eine nüchterne, methodische Analyse der grundlegenden Gestaltungsmittel, die sich gemäß Kandinsky alle auf den Punkt als „Urelement der Malerei“ zurückführen lassen (die Linie als in Bewegung gesetzter Punkt usw.). Dabei ist die methodische Zerlegung der Mittel für Kandinsky lediglich der Weg zur umfassenden Synthese (von Kunst und Wissenschaft), „die sich schließlich weit über die Grenzen der Kunst hinaus in das Gebiet der ‚Einheit‘ des ‚Menschlichen‘ und des ‚Göttlichen‘ erstrecken wird.“ Wie in seiner 1912 publizierten und vieldiskutierten Schrift Über das Geistige in der Kunst, als dessen „organische Fortsetzung“ Kandinsky seine neuere Publikation bezeichnet, ist sein erklärtes Ziel nach wie vor das Streben nach „dem inneren Klang“, etwas Höherem, Spirituellen mit den Mitteln der Kunst.

Form und Farbe
Im Gegensatz zu den Arbeiten seines Freundes, Kollegen und seit 1926 auch Nachbarn Kandinsky bleiben die Arbeiten Paul Klees dem Gegenständlichen stets verhaftet, auch wenn der stetige künstlerische Dialog, in dem die Bauhaus-Künstler, und insbesondere Klee und Kandinsky, standen eine scheinbare Annäherung der Stile in den späten Bauhausjahren erkennen lässt. So sind die Figuren in Klees „Disput“ von 1929 aus rein geometrischen Formen konstruiert und auch der Hintergrund ist nur mittels flächiger Farbfelder gestaltet. Nur wenige, vollkommen ungegenständliche Werke finden sich im Oeuvre Klees. Beispiele für diese rare Erscheinung sind die sogenannten ‚Quadratbilder‘, in welchen Klee eine differenzierte Auseinandersetzung mit den grundlegenden bildnerischen Gestaltungsmitteln Farbe und Form, sowie ihren wechselseitigen Beziehungen vornahm. Auch Kandinsky beschäftigt sich mit der Formfrage, die für ihn auf dem Verhältnis der drei primären Grundformen Dreieck, Quadrat und Kreis zum Raum basiert. Da keine Fläche und kein Raum je ohne Farben existiert, stellt Kandinsky eine organische Verbindung von Farbe und Raum fest. Daneben bewertet er die psychologische Wirkung der Farbe als elementare Komponente und entwickelt daraus seine „optisch-psychologische“ Herangehensweise. Aus diesem Gedanken heraus zirkuliert 1923 in den Klassen in Weimar ein von Kandinsky konzipierter Fragebogen, in dem die Schüler Kreis, Dreieck und Quadrat die drei Grundfarben zuordnen und diese Zuweisung begründen sollten. Ein wenig spöttisch kommentiert Oskar Schlemmer Kandinskys Unterricht daraufhin in einem Brief an seinen Malerfreund Otto Meyer-Amden: „Es wurde beschlossen, dass sie [die der Form entsprechende elementare Grundfarbe] Gelb für Dreieck, Blau für Kreis und Rot für Quadrat sei; sozusagen ein für allemal.“

Kai-Inga Dost arbeitet als Ausstellungsassistenz am Zentrum Paul Klee in Bern.

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