von Valerie Maul.

Wassily Kandinsky schrieb diese Zeilen 1923. Da verband die beiden Künstler schon seit über zehn Jahren eine private Freundschaft.
Freundschaften sind genauso vielfältig, wie die Menschen, die sie eingehen. Intensive, impulsive, manchmal auch oberflächliche Freundschaften. Manche Freundschaften entwickeln sich erst langsam und bleiben dann ein Leben lang bestehen. Wie bei den Künstlern Wassily Kandinsky und Paul Klee. Diesen großen Namen der Kunstgeschichte, die sofort Assoziationen hervorrufen wie Abstraktion, Moderne Malerei und nicht zuletzt »Der Blaue Reiter« und das Bauhaus. Dabei fast vergessen ist ihre lebenslange Freundschaft und die gemeinsame Zeit, die beide Künstler prägte und formte. Anekdoten und Geschichten erzählen davon und zeichnen uns ein feineres Bild der beiden Künstlerfiguren.

Verpasste Begegnungen
Doch aller Anfang ist schwer. 1911 gilt allgemein als das Datum der ersten Begegnung. Mit dem Bezug zur Künstlergruppe »Blauen Reiter« beginnt nicht nur Paul Klees Karriere, sondern auch die Freundschaft. Ein später Zeitpunkt. Kandinsky und Klee waren bereits in den späten 1890er Jahren nach München gekommen, um an der Akademie zu studieren, wo sie jedoch gleichermaßen mit ihren Anmeldungen scheiterten. Hätten die Künstler damals aufgegeben, es wäre alles vielleicht ganz anders gekommen.
1900 haben Kandinsky und Klee dann doch einen der begehrten Plätze in der Akademieklasse bei Franz von Stuck erhalten. Sie tragen sich fast nacheinander in die Klassenliste ein und nehmen im Studium trotzdem kaum Notiz voneinander. Zwar ziehen sie in den folgenden Jahren in die unmittelbare Nachbarschaft, doch erst der 8. Oktober 1911 wird zum denkwürdigen Datum ihrer Begegnung. Kandinsky versammelt alle Mitglieder und Freunde des neugegründeten »Blauen Reiter« an dem Tag auf seiner Terrasse, um den Moment fotografisch festzuhalten. Und wieder verpassen sich Kandinsky und Klee. Erst wenige Stunden später wird sie der gemeinsame Bekannte Louis Moilliet einander vorstellen.

Familienrollen à la Klee
Zu diesem Zeitpunkt könnte die Lebenssituation der Künstler nicht unterschiedlicher sein. Kandinsky hatte sich bereits einen Namen als Maler gemacht unter anderem mit Projekten wie der Phalanx – Gruppe oder der »Neue Künstlerische Vereinigung München«. Jetzt steht die Präsentation der Kunst des »Blauen Reiter« unmittelbar bevor. Hier hatte er endlich Künstler gefunden, die – allen voran Franz Marc – unter dem verbindenden Glauben an das „Geistige“ in der Kunst eine neue abstrahierte, expressive Formen- und Farbensprache entwickelten.
Paul Klee führt nach der Akademie zunächst ein unstetes Leben. Er reist viel und sucht die Zerstreuung in den verschiedensten Kreisen und kulturellen Zirkeln. Als er Lily Stumpf, eine Pianistin trifft, wird alles anders. Ein Jahr nach der Hochzeit kommt der gemeinsame Sohn zur Welt. Paul Klee bleibt zu Hause, kümmert sich um das Kind, den Haushalt und übt sich in der Zeichnung, während seine Frau für den Unterhalt der Familie sorgt. Moderne Rollenverteilung, die Paul Klee nie bereut, denn die kindliche Formensprache seines Sohnes wird Klee ein Leben lang Inspiration sein, wie auch die Musik.

Musik
Die Musik spielt im Leben von Wassily Kandinsky und Paul Klee eine große Rolle. Für beide ist die Musik Inspiration und gleichwertige Kunstform neben der Malerei.

Bei Kandinsky lieferte die Musik sogar der Anstoß für seinen Wunsch Maler zu werden und zeigt ihm den Weg in seine neue Heimat. Es ist ein Stück von Richard Wagner, genauer der „Lohengrin“ , den Kandinsky in Moskau hört und bei dem sich die Töne in Farben verwandeln. Dieses synästhetische Erlebnis begreift Kandinsky als Wink des Schicksals und verfolgt ab da seine neue Karriere als Maler. Die Musik versucht er immer wieder in seiner Malerei zu visualisieren und kontextualisieren. Zur Klaviersuite von Modest Mussorgsky malt er die verschiedenen Musikakte und inszeniert sogar eine szenische Aufführung in Dessau. Seine eigene Bühnenkomposition „der gelbe Klang“ kommt leider nie zur Aufführung. Seine Künste am Cello und Harmonium bleiben rein zum privaten Zeitvertreib.
Klee dagegen ist Musiker. Als Geiger ist er bereits vor seiner Karriere als Maler und Zeichner erfolgreich. Kein Wunder möchte man sagen, war doch sein Vater Musiklehrer und seine Mutter Sängerin. Auch in Klees Bildnern spielt die Musik eine große Rolle. Seine Werke sind teilweise als Musikstücke gegliedert. Es finden sich abstrahierte Noten, Notenzeilen und Violinenschlüssel darin. Klee bezeichnet die Musik sogar einmal als seine Geliebte, während die Malerei die „ölriechende Pinselgöttin ist, die ich bloss umarme, weil sie eben meine Frau ist.“

Familiäre Situation am Bauhaus
Die gemeinsame Lehrtätigkeit als Bauhausmeister bringt Paul Klee und Wassily Kandinsky wieder zusammen. Doch nicht nur die Künstler. Auch die Familien. Felix Klee wird 1922 als jüngster Bauhausschüler aufgenommen. Trotz der jugendlichen Förderung in Malerei durch seinen Vater, rät ihm Paul Klee am Bauhaus davon ab Künstler zu werden. Felix Klee schreibt sich in die Klasse für Tischlerei ein und verfolgt schließlich eine Theaterlaufbahn. Kandinsky, der Felix in seiner Kindheit mit seinen farbstrotzenden Bildern beeindruckt hatte, bezog ihn nun in seine Projekte für Theater, Musik und Tanz mit ein u.a. für seine szenische Umsetzung der Klaviersuite Modest Mussorgskys 1928 in Dessau.

Besonders gut meinten es Nina und Wassily Kandinsky aber auch mit Paul Klee. Vor allem während der Zeit am Dessauer Bauhaus. Dort waren sich die beiden Freunde und die Familien nicht nur räumlich aufs engste Verbunden. Vielleicht manchmal zu sehr. So versuchten die Kandinskys Paul Klee in allerlei Aktivitäten miteinzubeziehen und ihm Gesellschaft zu leisten, wenn Lily Klee unterwegs war . Neben Tanzveranstaltungen mit Tango und Jazz standen dann Filmvorführungen und gemeinsame Essensverabredungen an. Geradezu einer elterliche Bevormundung ausgesetzt fühlte sich der sonst so in sich ruhende Paul Klee.

Bauhausbuddha und Gropius‘ Kanzler
Zum stillen Beobachter Paul Klee, findet Ernst Kállai, Schriftleiter der Bauhaus-Zeitung bald das passende Bild: eine Buddhafigur, geachtet und verehrt, in sich ruhend über allem schwebend. Im Gegensatz zum „Bauhausbuddha“ Klee taucht Wassily Kandinsky nur als der „Künstler“ auf. Ein vogelähnliches Wesen, großen Schrittes vorauseilend. Doch Kandinsky hatte bereits einen anderen Spitznamen. Von Walter Gropius u.a. auch wegen seinem diplomatischen Auftreten und Engagement an das Bauhaus geholt, bekam Wassily Kandinsky vom Bauhausmeister Oskar Schlemmer schnell den Beinamen „Gropius‘ Kanzler“. Die Anspielung auf ein politisches Verhältnis von Kanzlern und Regierungsspitze bewahrheitete sich auch am Bauhaus zunehmend. Kandinsky und Gropius entfernten sich, anders als erhofft in ihren Ansichten und Positionen immer weiter voneinander und die Spannungen und Differenzen ebbten erst ab, nachdem Gropius 1926/27 als Bauhausdirektor zurücktrat.

Nach der intensiven Zeit am Bauhaus trennen sich die Wege der Freunde 1933 abrupt. Die Repressionen der Nationalsozialisten gegenüber dem Bauhaus und den Künstlern veranlasst Kandinsky und Klee zur Emigration nach Paris und Bern.

1937 werden sie sich ein letztes Mal persönlich treffen. In einem späten Werk Kandinskys stehen sich zwei organische Formen gegenüber, fast wie Gesichter mit Blickkontakt, dazwischen sprudelt es nur so, Formen statt Worte. Das Bild heißt „Entre deux“ „Zwischen Zweien“, ein Bild zweier Freunde, die sich stets auf Augenhöhe begegneten und ohne Worte verstehen, die Kunst als ihr gemeinsames Medium.

Valerie Maul ist Volontärin in der Abteilung für Kommunikation in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München.

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