von Karin Althaus.

Das Gemälde zeigt die Schenkerin des Bildnisses als zweijähriges Mädchen; ihre Eltern hatten es 1932 bei Rudolf Schlichter in Auftrag gegeben. Dieser wohnte wie seine Auftraggeber in Rottenburg am Neckar – dorthin war Schlichter von Berlin aus gezogen, nachdem ihn ein ideologischer Wandel um das Jahr 1927 weg von der linken Politik hin zum Katholizismus und der sogenannten „Konservativen Revolution“ geführt hatte. Vor Ort bemühte sich Bischof Johannes Baptista Sproll um Porträtaufträge für den Künstler, um ihn finanziell zu unterstützen. So entstand auch das Bildnis eines zweijährigen Mädchens.
Es handelt sich dabei um eines der bezauberndsten Kinderbildnisse der Neuen Sachlichkeit, gerade weil das Kind nicht verniedlicht wird. Treu gegenüber seinem Modell gibt der Künstler die zwar kleine, jedoch charaktervolle Persönlichkeit mit ihrem grimmig-entschlossenen Gesichtsausdruck wieder.

Selbst wer mit dem Namen Rudolf Schlichter nicht vertraut ist, der kennt viele seiner Porträts, darunter Bilder von Bert Brecht, Egon Erwin Kisch, Helene Weigel oder Margot: Wie kaum ein anderer prägt Rudolf Schlichter unsere Vorstellung vom Erscheinungsbild der Menschen der Weimarer Republik. Zwar steht in der heutigen Wahrnehmung die Kunst der Neuen Sachlichkeit allgemein für diese Epoche, und man könnte neben Schlichter auch an die Gemälde Christian Schads, Otto Dix’ oder George Grosz’ denken oder an die Fotografien August Sanders. Dass aber gerade Schlichters Bildnisse als Ikonen der Zeit so gut funktionieren, hängt mit ihrer fundamentalen Ausstrahlung von Realitätstreue zusammen. Diese unterscheidet sie von der Schärfe oder den Überzeichnungen in vielen Darstellungen seiner Kollegen.
Natürlich lassen sich in Schlichters Bildnissen über die Jahre hinweg stilistische Unterschiede feststellen; eine Konstante in seinem Werk ist indes eine grundsätzliche Porträtauffassung, sobald er ein Individuum festhält, das er konkret vor Augen hat. Er stellt sein Gegenüber immer sehr realistisch dar, nimmt es ernst. Dies liegt insbesondere daran, dass Schlichter als Künstler eben ein konkretes Gegenüber hat, eine Person, die ihm Modell sitzt. In dieser Situation kann er offensichtlich weder abstrahieren noch fantasieren oder karikieren. Auch für den Betrachter hat dies Folgen: Realistische Porträts sprechen uns unmittelbarer an als andere Figurationen.

(Das Gemälde verblieb zunächst bei der Schenkerin. Es wurde 2015 dem Lenbachhaus übergeben. Nach einer Firnisabnahme ist es nun zusammen mit dem silbernen Originalrahmen, den Rudolf Schlichter selbst ausgesucht hat, im ersten Obergeschoss des Lenbachhauses zu besichtigen.)

Karin Althaus ist Sammlungsleiterin und Kuratorin am Lenbachhaus, zuständig für die Kunst des 19. Jahrhunderts und der Neuen Sachlichkeit.

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