von Stefanie Hammann.

München, U-Bahnstation Königsplatz, 2015. Promenieren im Untergrund. Der Zug fährt ein und gleitet an verblassten Faksimiles bekannter Kunstwerke auf Hintergleiswänden entlang. Beim Aussteigen ist der Wind des Gegenzugs zu spüren, treibt die PassantInnen weiter in Richtung Rolltreppen, vorbei an großen Glaskästen, in denen Repliken aus der angrenzenden Glyptothek und der Staatlichen Antikensammlung kompakt eingepasst sind – im Nachguss entstandene Vorboten der hiesigen Museumsdichte. Dazwischen in Stützsäulen eingelassene Vitrinen als kleine Fenster in die Welt der Waren: „World Art Watch – Souvenir by Neue Pinakothek München“. Der Boden ist ausgelegt mit großformatigen, graublauen Azul-Granitplatten, dekoriert mit weiß eingelegten mythologische Figuren, sozusagen als eine Demoversion der echten Museumswelt, eine über die Jahre entstandene Kompilation. Klassische Musik, Kunstlicht und Kameras bestimmen das Lokalkolorit. Los ins nächste Level. Kunstbau. Das Schild zeigt zur Rolltreppe und ich werde automatisch nach oben geleitet. Hinter mir, direkt über der Rolltreppe ein dreiteiliges Fenster als reduziertes Fadengitter zum Erfassen der räumlichen Perspektive des im Zwischengeschoss befindlichen Ausstellungsraums. Zwei Glastüren markieren den Eingang zur Lea Lublin– Retrospective.

Über eine meterlange Rampe gelangt man in einen sich über 110 Meter erstreckenden, leicht gekrümmten Korridor mit dem gleichen Grundriss des eine Ebene darunterliegenden Bahnhofs. Betonpfeiler wiederholen die Gliederung der Raumstruktur im Untergeschoss. Der 14 Jahre lang weitgehend ungenutzte Hohlraum entstand Ende der 70er beim Bau des U-Bahnhof aus technischen Gründen und wurde erst 1994 zur Ausstellungshalle umgebaut.

Argentinien, Santa Fe, 1969. Der 13 Kilometer lange Straßentunnel Túnel Subfluvial Hernandarias, der unterhalb des Río Paraná verläuft und zwei Provinzen miteinander verbindet, wird am 13. Dezember eingeweiht. Damals der längste Straßentunnel der Welt. Nach jahrzehntelanger Planung soll die bauliche Errungenschaft schließlich zwei Wochen lang gefeiert werden. Die Künstlerin Lea Lublin ist eingeladen, in Zusammenarbeit mit dem Instituto Torcuato Di Tella, eine künstlerische Arbeit im Rahmen dieser Festwochen umzusetzen. Sie installiert auf einer Fläche von 30x30m = 900qm in einem leerstehenden Kaufhaus im Stadtzentrum ein aufwändiges Environment: Fluvio Subtunal. Die BesucherInnen können den aus 9 aneinandergereihten Zonen bestehenden Parcours durchqueren und die Arbeit dabei multisensorisch erfassen. Thematisch konfrontiert Lublin die TeilnehmerInnen mit einer aktiven Auseinandersetzung des Beziehungsmodells Mensch-Natur-Technik. Dokumentarische Elemente überlagern sich dabei mit rein sinnlichen Erfahrungen, natürliche und künstliche Materialien werden bewusst kombiniert. Produktion und kreatives Schaffen fließen ineinander. Der vorgegebene Weg fährt von der „Quelle“ (Zone a) zu einem durchsichtigen, betretbaren Kunststofftunnel (Zone g) und schließlich zur „Zone der kreativen Teilnahme“ (Zone i) mit jahrmarktartigem Treiben. Lublin schafft einen ständig in Bewegung stehenden Handlungsraum, der von den Anwesenden permanente Reflexion abverlangt, um ihre eben gemachten Erfahrungen in der nächsten Situation anwenden zu können.

München, Kunstbau, 2015. Die Arbeit Fluvio Subtunal wird durch die 2015 im Rahmen der Retrospektive entstandene Rekonstruktion Teil eines neuen Zeit-Raum-Gefüges. Santa Fe ist viele Flugstunden entfernt, das Eröffnungsevent des Tunnels liegt in weiter Vergangenheit. Im direkten Vergleich zu seiner Urform wirkt das neu inszenierte Environment in seiner gegenwärtigen Ausführung modellhaft, komprimiert. Die Anordnung der einzelnen Bestandteile ist musealer, zurückgenommener. Die Wasserbecken der „Quelle“ sind in der aktuellen Ausstellung in strenger, minimalistischer Form gehalten. Eine interaktive und spielerische Auseinandersetzung mit verschiedensten Materialien findet nun kontrollierter statt. Außerdem befindet sich die inszenierte Abfolge von Raumsequenzen in dieser Variante nicht mehr in einem geschlossenen Gebäude, sondern integriert sich als ca. 40 Meter langer Parcours in eine Ausstellungssituation, die wiederum selbst wesentlich von ihrer Umgebung, dem unterirdischen Verkehrssystem, geprägt wird. Die größere Form der Arbeit ist so offener, durchlässiger. Als Besucherin habe ich die Möglichkeit, nun jede Zone als Startpunkt zu wählen, aus dem Environment ein- und auszusteigen, meinen individuellen Nachhauseweg direkt anzugliedern. Die Ausgangssituation kann beliebig ausgedehnt und weiterentwickelt werden. Ausschlaggebend für die Wahrnehmung der TeilnehmerInnen ist jedoch immer noch die Reihenfolge der erlebten Räume, die Abfolge des Rundgangs. Lublin schrieb damals in den Aufzeichnungen zu ihrer Bildprozesstheorie: „Das Werk ermöglicht eine komplette oder partielle Lektüre in Abhängigkeit vom jeweiligen Standpunkt und Raum, die der Zuschauer für seine Wahrnehmung auswählt.“ Mein Weg besteht aus einer Bewegungsschleife zwischen U-Bahn und Environment. Das Raumgerüst der Rekonstruktion verlinkt sich immer dichter mit der Umgebung und verortet sich schließlich als eigenständige Arbeit an diesem Platz.

Stefanie Hammann Künstlerin lebt und arbeitet in München.

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