von Luise von Nobbe.

„Meine Villa soll in München ein Mittelpunkt der Künste und der gesellschaftlichen Belange werden.“ (Franz von Lenbach, 1889)

Franz von Lenbach ist als Malerfürst in die Kunstgeschichte Münchens und weit darüber hinaus eingegangen. Selbstbewusst sah sich Lenbach als großen Künstler seiner Zeit. Die Qualität seiner Porträtmalerei legitimiert diese Vorstellung. Seine großzügige Villa im italienischen Renaissancestil ist Zeugnis eines stolzen Daseins. Was in die Gemächer des Künstlerfürsten gelangte, ist selbst ein Schatz der Kunstgeschichte. Lenbachs Gemälde und repräsentative Werke seiner Sammlung, heute in der bel étage ausgestellt, belegen seinen fachmännischen Verstand und die Freude an seinem Metier. Die historischen Räume sind das Herzstück des Hauses.

Das aus Holz geschnitzte Kruzifix aus dem 15. Jahrhundert stammt aus dem Süden Deutschlands oder aus Tirol und wird aktuell wieder im Lenbachhaus präsentiert. Nicht nur durch eine Jahrhunderte lange Geschichte, die es in sich trägt, beeindruckt es die Besucherinnen und Besucher des Museums. Die Christusfigur berührt den Betrachter: lebensecht wirkend weicht die Kraft aus dem Körper und der Tod modelliert bereits das Gesicht des Sterbenden. Mit Sorgfalt und handwerklichem Geschick geschaffen ist die lebensgroße Figur ein Zeugnis der bedeutenden spätmittelalterlichen Schnitzkunst. Zwar fehlte bereits beim Ankauf Lenbachs das Kreuz hinter dem Leib Christi, doch büßt die Figur dadurch nicht an Ausdruck ein. Ganz im Gegenteil wirkt der Körper durch seine Isolation umso präsenter. Die ikonographische Bedeutung gerät in den Schatten eines ästhetischen Objekts.

Trotz Reduktion und Umpositionierung bleibt der Ursprung des Kruzifix in der kirchlichen Andachtstradition erhalten. Diese war Anlass zur Herstellung und Grund des Überdauerns der Skulptur über mehrere Jahrhunderte. Einst befand sich das Schnitzwerk im Innern einer Kirche. Anhand des Holzzustands kann man jedoch auf eine baldige Umhängung ins Freie schließen. Der trotz Witterungsschäden immer noch relativ gute Zustand weist auf einen überdachten Standort hin, wo die Christusfigur mit einfachen Mitteln befestigt wurde. Nur die vorderen Teile der Füße sind mit der Zeit den Umwelteinflüssen zum Opfer gefallen. In den besser geschützten Bereichen sind noch Farbspuren erhalten, die Rückschlüsse auf das ursprüngliche Aussehen Figur erlauben: Sie war über die Jahrhunderte mehrmals neu bemalt worden.

Die Restauratorinnen des Lenbachhauses arbeiteten im vergangen Jahr mit großer Ausdauer an dem Kruzifix und seiner Konservierung. Sie brachten die Figur in einen stabilen Zustand, festigten alle Fassungsreste, einige Holzpartien und lose Holzteile. Die Oberflächenreinigung machte die Farbreste gut sichtbar. Bei dem Projekt ging in keiner Weise um die Wiederherstellung eines früheren Aussehens, sondern um die Sicherung des Jetztzustands, an dem die lange Geschichte der Entstehung und Überlieferung der Figur mit all ihren Veränderungen abgelesen werden kann. Unter anderem dienten die Untersuchungen der Analyse der Farbschichtenen. Insgesamt gab es drei Farbaufträge, die sich stark unterscheiden. Im Rahmen einer Zusammenarbeit mit Prof. Joerg Maxzin und Gerd Brändlein von der Technischen Hochschule Deggendorf wurde das Kruzifix gescannt, virtuell teilrekonstruiert (Finger und Zehen) und schließlich maßstabsgetreu mit einem 3D-Drucker in kleinerer Ausführung gedruckt. Zwei der früheren Farbfassungen rekonstruierte die Restauratorin mit Farbmischungen der Originalzeit in sorgfältigster Handarbeit auf den 3D-Modellen. Sie ergänzte den anzunehmenden Dornenkranz sowie den Strahlenkranz, mit dem das Kruzifix in Lenbachs Sammlung gelangte (dieser ist auf einer historischen Fotografie deutlich zu sehen). Die beiden Bemalungen des Spätmittelalters und der Barockzeit sind in der Wirkung sehr unterschiedlich. Die Differenz zur heutigen Figur, deren Gesamteindruck vom unbemalten Holz geprägt ist, beeindruckt in der Zusammenschau ganz besonders.

Die Restaurierung und die Rekonstruktion wurden in engstem Austausch mit Experten aus der Kunstgeschichte, Restaurierung und Kunsttechnologie durchgeführt, um den maximalen Stand des heutigen Wissens in das Projekt einfließen zu lassen. Seit Juni 2015 befindet sich das Kruzifix wieder in den historischen Räumen Franz von Lenbachs. Das Schnitzwerk glänzt matt und fasziniert mit seiner Feingliedrigkeit und grazilen Formensprache, der sakrale Charakter und der Ausdrucksgehalt des Werks überrascht die eintretenden Besucherinnen und Besucher.

Luise von Nobbe ist Kunstgeschichtsstudentin an der TU Dresden und zur Zeit Praktikantin in der Kommunikationsabteilung des Lenbachhauses.

Ein Gedanke zu “Restaurierung des spätmittelalterlichen Kruzifix aus Lenbachs Sammlungen

  1. Hallo Sie,
    sehr schön. Habe den Beitrag zum Kruzifix, seiner Restaurierung, seiner Zeitreise – mit Freude gelesen. Das beeindruckende Werk scheint auch einen beeindruckenden Betrachter gehabt zu haben…
    Mit Grüßen aus dem Norden
    B.-D. J. Hampel u.p.i.s.

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