von Nelli Blau.

Lea Lublin setzte sich künstlerisch eine Zeit lang intensiv mit Marcel Duchamp auseinander. Seine Arbeit Why not Sneeze, Rose Sélavy? (1921) erinnert mich sogar ein wenig an meinen Sekretär, der ja eigentlich von IKEA stammt und somit als Readymade begriffen werden kann – durch ein Hinzufügen/Ergänzen verschiedener Objekte (wie z.B. Relikte vergangener Diskussionsrunden, Schreibutensilien und Alltagskram) wird er ebenfalls zum „assisted Readymade“, wie Duchamp seine oben genannte Arbeit bezeichnete (ein Vogelkäfig gefüllt mit 152 Marmorwürfeln in der Form von Zuckerwürfeln, einem Thermometer, einem Stück Tintenfischknochen und einem kleinen Porzellanteil).

Ist der Arbeitsplatz in der Ausstellung nun eine Arbeit? Ist das Schreiben am Sekretär im Kunstbau eine Performance? Ich war mir selbst oft nicht ganz klar darüber und wurde auch von vielen Leuten danach gefragt…
An der linken Magnetwand neben meinem mobilen Arbeitsplatz, der zur Rolltreppe blickt, hängt Seite an Seite zu einer vergrößerten Fotografie der Arbeit »Flor de ducha / Blumendusche« (1970) von Lea Lublin ein DIN A3 Blatt mit folgender Information: Vor mir stehen mehrere, mit verschiedenen Fragestellungen etikettierte Ordner, zudem gibt es einen mp3-Player mit Kopfhörern, mit dem man einen Eindruck der Audiomitschnitte der einzelnen Fragerunden gewinnen kann. Das Möbel als mobiles Multifunktionsgerät: Archiv, Ort der Produktion, Präsentation und Beobachtungsposten. Aber auch ich werde beobachtet. Auch ich stelle mich beim Schreiben selbst aus. Ich gehe aus meinem Alltag heraus in das Museum. Ich bringe den Alltag in das Museum und das Museum in den Alltag. Eigentlich eine ähnliche Vorgehensweise wie damals bei Lublin. Ich lese am Sekretär den Newsstream zu Griechenland über das i-Phone und werde im selben Augenblick von Besucher_innen angesprochen. Ich nehme den Sound der ausgestellten Arbeiten im Raum wahr und gleichzeitig meine selbst verursachten Geräusche beim Tippen. Durch eine Glasscheibe vor mir blicken mich Passanten von der herabführenden Rolltreppe aus an, und hinter mir spüre ich die neugierigen Gesichter des Ausstellungspublikums.

Gerade hat mir ein netter Typ auf der Rolltreppe zugewunken. Sehr nett. Ich habe zurück gewunken und er hat sich gefreut. Jetzt bin ich gut drauf. Vorhin war auch mal einer der Aufseher da, der mich gefragt hat, was die Besucher_innen alles dürfen an unserem Tisch und was nicht. Sie dürfen: Unser Archiv hören und sichten, sich auf noch unbeschriebenen Blättern dem Diskurs der Fragestellungen anschließen. Sie dürfen nicht: Den Laptop benutzen – das wäre zu kompliziert – wir haben hier unten leider keine konstante Internetverbindung.
Beim Verlassen des Arbeitsplatzes lasse ich versehentlich die Telefonnummer meiner neuen Vermieterin in der Ausstellung zurück. Am nächsten Tag komme ich wieder, trage eine andere Frisur und versuche mich zu konzentrieren. Der Laptop zeigt die Benutzeroberfläche eines Internetpads zum gemeinsamen Schreiben. Ein virtuelles Kommunikationsmittel, das mich mit unendlich vielen potentiellen Mitschreiber_innen vernetzt. Jede/r kann jederzeit etwas einfügen oder löschen. Mehrere Autor_innen können gleichzeitig im Dokument arbeiten und können dabei beobachten, wie sich Zeilen im Text plötzlich scheinbar selbstständig aufbauen oder verändern.

Der Sekretär sieht nicht aus wie Kunst, er kommt aus dem Alltag (und wird auch wieder in den Alltag zurückkehren), ist in seiner gegenwärtigen Situation aber dennoch losgelöst von seiner üblichen und ursprünglichen Umgebung – und da sind wir auch schon wieder beim Environment, wo die Kunst auf das Leben prallt oder auch genau andersherum.

Nun ist schon Donnerstag. Ich bin heute mit Freundinnen in der Ausstellung und wir gehen gemeinsam durch den Parcours der Arbeit »Fluvio Subtunal«. Schließlich landen wir im Bällebad und hängen da eine Weile ab. Es ist ziemlich angenehm hier angesichts der 35 Grad draußen und wir fangen an, uns mit Bällen zu bewerfen und über das zu reden, was uns umgibt. Es ist wie eine normale Situation im Leben, aber eine außergewöhnliche im Museum: mitten in einer Ausstellung entspannt herumzuliegen und sich von Bällen massieren zu lassen und die Ausstellung von diesem tiefliegenden Punkt aus zu betrachten… Belustigt stelle ich dabei fest, dass ich die ausgestellten Luftgebilde hier unten gerade jeder Luftmatratze draußen vorziehen würde, es ist einfach zu heiß. Das ist das erste Mal, dass ich lieber im Museum bin als am See.

Die Künstlerin Nelli Blau wurde im Rahmen der Ausstellung »LEA LUBLIN – RETROSPECTIVE« eingeladen, ihre Weiterentwicklung des Projekts Interrogations sur l‘art (Lea Lublin / 1972–79) im Kunstbau des Lenbachhauses zu zeigen. Ihre prozesshafte Arbeit »Ist Kunst ___?« (2015) ist das Ergebnis dieser künstlerischen Ausseinandersetzung mit Lea Lublins Werk.

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