von Joerg Maxzin.

2014 kam es auf einer Tagung zum Einsatz moderner 3D-Verfahren an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim erstmals zum Kontakt zwischen dem Münchner Lenbachhaus und der Technischen Hochschule Deggendorf. Die damalige Volontärin der Restaurierungswerkstatt des Lenbachhauses, Theresa Bräunig, diskutierte mit mir auf der Tagung über Möglichkeiten, neue 3D-Technik im Kontext von Museumspräsentationen zum Einsatz zu bringen.

Als in München beschlossen wurde, das bedeutende Kruzifix aus der Sammlung Lenbachs im eigenen Haus in einer Ausstellung zu präsentieren, erinnerte sich Theresa Bräunig an unsere Begegnung und dachte bald gemeinsam mit mir laut über Möglichkeiten der Digitalisierung des Werkes nach. Bereits zu Beginn stand die Idee im Raum, die über das Kruzifix wissenschaftlich gewonnenen Erkenntnisse in einer bisher nicht dagewesenen Form präsentieren zu wollen.

Das originale Kruzifix sollte rein konservatorisch behandelt und anschließend ausgestellt werden. Frühere Fassungen sollten auf kleinen Modellen sichtbar gemacht werden. Bisher war es üblich, Befunde oder frühere Zustände von Kunstwerken eher auf zweidimensionalen Grafiken darzustellen. Nun aber wurde das Kruzifix vom 3D-Labor der Technischen Hochschule Deggendorf mit einem 3D-Streifenlicht-Scanner hochpräzise vermessen und anschließend im 3D-Raum virtuell rekonstruiert. Der Laboringenieur des 3D-Labors, Gerd Brändlein, arbeitete viele Tage an der Verfeinerung des 3D-Modells, bis ein perfektes Scanergebnis vorlag.

Nachdem beschlossen wurde, das Original ausschließlich zu konservieren und keine nachträglichen Eingriffe (wie zum Beispiel Retuschen von Fehlstellen) zu machen, sollte die Chance genutzt werden, die früheren Bemalungen der Figur an den kleinen Modellen zu rekonstruieren. So sollten am Ende nicht nur frühere Farbfassungen gezeigt, sondern auch die anzunehmende, ursprüngliche plastische Gestaltung sichtbar gemacht werden. Dazu wurden per 3D-Modellierung abgebrochene Finger und Zehen der Figur wieder ergänzt.

Für die Ausstellung wurden schließlich aus Polyamid im Laser-Sinter-Verfahren zwei etwa 40 cm hohe Kruzifix-Modelle hergestellt. Auf ihnen rekonstruierte Theresa Bräunig in traditioneller Technik die ursprüngliche, gotische und eine spätere barocke Bemalung der Figur. Durch die bewusste Wahl eines deutlich kleineren Maßstabs für die 3D-Modelle bleibt das originale, konservierte Kruzifix die Hauptattraktion der Ausstellung und erfährt dennoch durch die parallele Darstellung früherer Fassungszustände auf den Modellen eine deutliche Erweiterung seines Bedeutungsgehalts.

Mit dieser neuen Präsentationsform entspringt der Kooperation des Lenbachhauses mit der Technischen Hochschule Deggendorf ein völlig neuer museumsdidaktischer Ansatz, der in der Zukunft eine Vielzahl von Möglichkeiten für außergewöhnliche Präsentationen eröffnen wird.

Weitere Informationen zur Restaurierung und Präsentation des Kruzifix aus der Sammlung Lenbachs hier.

Joerg Maxzin ist akademischer Bildhauer und Professor für 3D-Animation an der Technischen Hochschule Deggendorf. Aktuell entwickelt er neue 3D-Verfahrenstechniken für den Umgang mit Kulturerbe. Weitere Informationen zu aktuellen Projekten hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.