von Philipp Horrichs.

Lateinamerikas größte jüdische Gemeinde befindet sich in Brasilien. Diese prägt Land und Leben weit über den eigenen Religionskreis hinaus. Religiöse Symbolik wurde im Schmelztiegel der großen Städte durchlässiger. So ist die vermehrte Verwendung von Namen und Symbole, die traditionell zur jüdischen Liturgie und Tradition gehören, durch jedermann in brasilianischen Innenstädten und Slums bereits Normalität. Geschäfte und Restaurants mit Namen wie „Shalom“, „Adonai“ oder „El Shaddai“ sind keine Seltenheit. Kirchen und Glaubensgemeinschaften haben Steine aus Jerusalem importieren lassen, um diese verbauen zu können und die Menora sowie andere Symbole und Repliken schmücken zahllose Friese und Triumphbögen in den Kirchen Brasiliens.

Ein ganz besonders gigantischer Auswuchs findet sich in der 2014 fertig gestellten Universal Church of the Kingdom of God in Sao Paulo wieder. Eine evangelikale – und nicht die jüdische – Gemeinde hat den exakten Nachbau des ersten Tempels Salomos nach den Vorstellungen des Propheten Ezechiel (E 40.1 – 44.3) in Auftrag gegeben. Doch nicht nur alleine die schieren Ausmaße des Tempels machten dieses Projekt gigantisch – auch seine Symbolik.

Der erste Tempel Salomos und insbesondere dessen Zerstörung und die Vertreibung ins babylonische Exil markieren den Beginn der jüdischen Diaspora. Einige Jahre nach der Rückkehr aus dem Exil wurde ein neuer Tempel nach den Plänen des alten errichtet. Die Rückkehr und der Bau des Tempels vermochten jedoch die Diaspora nicht wieder rückgängig zu machen. Vielmehr bildete der neu gebaute Tempel das erste Heiligtum in der Diaspora, nach dem sich die Menschen zum Gebet ausrichten konnten. Es wird angenommen, dass die Klagemauer der einzige erhaltene Teil der unter Herodes errichteten Westmauer der Tempelberganlage ist. Kann man nach alledem annehmen, dass es sich bei dem Bau um eine ästhetische Anleihe handelt – um eine bloße Ausprägung des hybriden Zusammenlebens verschiedener Kulturen und Glaubensrichtungen in der brasilianischen Gesellschaft? Oder ist der Bau vielmehr die architektonische Formulierung eines Bedeutungsanspruchs der evangelikalen Glaubensgruppe?

„Once I heard about the Brazilian temple, I said spontaneously that one has to destroy it! It was clear to me that this attempt to create an utopian reality carries its own destruction within itself. A look at history suffices to see where utopian movements lead to.“(Yael Bartana)

Inferno greift optisch den Größenwahn des Projekts auf, indem es den Bau des Tempels im hochglänzenden Stil eines Film-Epos zeigt. Hell gekleidete Gläubige, die zum Teil üppige Blumen- und Fruchtbouquets auf den Köpfen tragen, bilden gemeinsam mit Tieren eine Prozession zu dem Tempel. Die Zerstörung beginnt mit einer Zeremonie durch eine Priesterfigur unklaren Geschlechts. An deren Ende bleibt eine Klagemauer stehen. Eine Klagemauer als Sehnsuchtsort einer Gemeinschaft, eine identitätsstiftende Pilgerstätte und Touristenattraktion. Damit verbinden sich Tatsache und Fiktion, Prophezeiung und Geschichte – „a historical pre-enactment“.

Vom 28. Juli – 9. August 2015 wird Yael Bartanas Film im Rahmen von »FACTS & FICTION. Katastrophenbilder und Zukunftsszenarien« zu den Öffnungszeiten des Lenbachhauses gezeigt.

Philipp Horrichs – Studio Bartana – Kunstwissenschaftler – lebt und arbeitet in Berlin.

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