von Katrin Dillkofer.

»Freundschaft« ist ein großes Wort. Tausende von Freunden zählt die eine oder der andere auf seinem Facebook-Account. Man kennt sich mehr oder weniger, findet sich sympathisch oder hat gemeinsame Bekannte. Das ist nicht einmal das Wenigste, um einander »Freunde« zu heißen. Gemeinsame Interessen und Ziele sind wohl das Erfolgsträchtigste, um sich näher zu kommen. In der Arbeit ist es komfortabel, wenn man sich versteht und »im Team« arbeiten kann. An einer Mittagspause in geselliger Runde ist auch nichts Schlechtes zu finden. Mit den KollegInnen verbringt man so viel Zeit, dass es das private Leben niemals aufwiegen kann. Und doch ist fraglich, was übrig bleibt, wenn diese äußeren Strukturen nicht wirksam wären, wenn die »gemeinsame Sache« mit einem Mal nicht mehr vorhanden wäre.

Beim Begriff »Künstlerfreunde« schwingt darüber hinaus ein gesteigertes Pathos mit, denn KünstlerInnen gelten als freie Geister, die den Zwängen der Welt und der Ökonomie leichter trotzen als gewöhnliche Menschen. Sie sind die Liberalen, sie sind diejenigen, denen man seit dem 19. Jahrhundert eine Sonderrolle in der Gesellschaft vorbehält. Man hat sich in den Extraordinären, in die idiosynkratrisch über die Gegenwart hinaus Drängende und in den kritisch die Machtverhältnisse des Kunstbetriebs reflektierenden Kreativen verliebt. Alles ist erlaubt – die Kritik affirmativ geworden. Künstlerfreunde scheinen ihrer Zeit weit voraus zu sein. Sie haben sich zusammengetan, um dem noch Unsichtbaren mit geballten Kräften Gestalt zu verleihen. Das ist die übliche Geschichte.

Gerhard Richter (* 1932) und Blinky Palermo (1943-1977) haben sich in den 1960er Jahren während ihres Studiums an der Düsseldorfer Akademie kennengelernt. Die Malerei war ihr Ding, obwohl gerade dieses klassische Medium um 1970 gesellschaftspolitisch als träge galt und durch Ausstellungen wie Harald Szeemanns When Attitudes Become Form in Zweifel gezogen wurde. Richter und Palermo wiedersetzten sich dem Zeitgeist. Allerdings war der Zugang der beiden zum Bild grundverschieden: Palermo hatte die farbige Fläche für sich entdeckt, die er durch subtile Kontrastbeziehungen suggestiv aufzuladen verstand und im selben Moment nüchtern auf ihre materiellen Voraussetzungen bezog. Richter hatte derweil den Gegenstand für die Malerei zurückgewonnen, indem er Fotos, Zeitungsausschnitte und Postkartenmotive mit Hilfe eines Projektors abmalte und durch vorsätzliche Verwischungen ein Moment der Distanz erwirkte, das einen neuen Blick auf die repräsentierte Wirklichkeit einforderte. In 2 Skulpturen für einen Raum von Palermo (1971) sind beide Künstler gemeinsam am Werk: Die Konterfeis von Richter und Palermo stehen einander gegenüber. Sie begegnen sich dank eines kantigen Sockels auf Augenhöhe, wenngleich diese geschlossen sind. Richter ist auch hier »nachbildend« vorgegangen, allerdings in drei Dimensionen, indem er die Gesichter von seinem Kollegen und sich selbst in Gips abnahm und in Bronze goss. Der graue gestische Anstrich in Ölfarbe bringt seinerseits ein malerisches Irritationsmoment ins Spiel, weil er den Eindruck steinerner Materialität hervorruft und zugleich die Exaktheit des physiognomischen Abdrucks verunklärt. Palermo hingegen hat sein farbiges Flächenspiel vom Bildträger in den realen Raum ausgeweitet: Alle Wände erscheinen in einem kräftigen Münchner Gelb, wobei scharfe weiße Kanten die einzelnen Flächenkompartimente von außen präzisieren.

Was wird hier gespielt? Eine Hommage an eine Künstlerfreundschaft? Ein trotziges Lamento auf die Malerei? Die Inszenierung eines Anspruchs auf Anerkennung als Künstler? Nichts davon ist zu bejahen und ebenso wenig ist es zu verneinen. Ein Quäntchen Ironie ist das einzige, was wir fixieren können.

Gerhard Richter und Blinky Palermo verbanden essentielle künstlerische Interessen. Das ist gewiss. Darüber hinaus hat Dietmar Elger, Leiter des Gerhard Richter Archivs in Dresden, bestätigt, dass sie unabhängig vom Kunstkontext gemeinsame, freie Zeit miteinander verbracht haben, wie es Freunde eben tun.

Katrin Dillkofer arbeitet am Kommentarband der neuen ATLAS-Publikation von Gerhard Richter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.