von Martin Fengel.

Manchmal trifft man Menschen und man weiß gleich, dass sie keine Freunde werden. Manchmal trifft man jemanden und eine große Freundschaft beginnt. Warum das mal so, und meistens nicht so ist, liegt wohl daran, dass eine Freundschaft etwas sehr Besonderes ist. Eine der Eigenschaften des Besonderen ist, dass es nicht oft passiert. Martin Wöhrl habe ich im City Art Center in Edinburgh kennengelernt. Und das kam so:

Im Februar 2000 rief mich Peter Pinnau an, um mir mitzuteilen, dass ich  nach Edinburgh, einer der Partnerstädte Münchens, reisen dürfe, um dort für einen Monat zu bleiben und an einem Projekt meiner Wahl zu arbeiten. Ich hatte mich schon zweimal für dieses Stipendium beworben und dieses Jahr sollte ich ohne Bewerbung meinerseits, doch durch Absagen der Erwählten, dorthin fliegen dürfen. Ich hatte überhaupt keinen Plan, was ich dort machen sollte – und mir konnte auch niemand sagen, was dort zu tun sei, außer der Auskunft, es ginge um den Kulturaustausch zwischen den beiden Städten.

Ich buchte einen Flug, der von München über Brüssel nach Edinburgh ging. In dem Flugzeug zwischen Brüssel und Edinburgh saß eine in schottischer Tracht gekleidete Herrenclique um die 45. Es waren Franzosen.

Ich nahm einen Bus zur Waverley Bridge, von wo aus ich zum City Art Center ging um Jane zu treffen – sie war meine Kulturkontaktperson. Wir lernten uns kennen, gingen zu ihr nach Hause und dann in ein indisches Restaurant. Wir waren sehr verschieden. Später fuhren wir mit einem Taxi zu meiner neuen Familie. Mein neuer Vater hieß Steve, meine Mutter hieß Wendy und mein kleiner Bruder hieß Joe. Ich habe bei meiner neuen Familie mindestens achtmal „Toy Story Teil 1“ mit Joe gesehen. Joe ist drei. Im Kino habe ich mir dann „Toy Story Teil 2“ angesehen. Ich hätte mir den Monatspass für das Cinemaxx in Edinburgh kaufen sollen – ich war sehr oft im Kino und hätte mir einiges meines Stipendiumgeldes sparen können.

Wie sieht Edinburgh aus? Wer Steinernes und Burgen mag, keine Hochhäuser und gemütliche Pubs, Musik aus dem Dudelsack, Gruften und Geister – you are very welcome! Ich wusste überhaupt nicht, was ich fotografieren sollte, denn alles war schön, aber nicht wirklich. Ich mag es lieber andersherum. Über Jane lernte ich Kerrie kennen. Ihr Freund nahm mich mit um mir „seltsame Orte “ zu zeigen. Endlich machte alles wieder Sinn. Alles war zwar fern von seltsamen Orten wie Fritzi`s Restaurant in Los Angeles oder Ölbildern in Thailand, auf denen man Elvis und Hitler Arm in Arm sehen kann, doch was ich sah, war großartig. Alles erinnerte mich an ein Experiment, aus Teilen, die zusammengefügt sich mir immer noch nicht erschließen: das City Art Center, Haggis, das Gefängnis, Western Hails (Partnercity of Neuperlach), die Biere, die Kunststudenten, Toy Story, mit Steve einen Zaun kaufen und nach hause tragen, die Plastikskipiste, Kirchen aus den siebziger Jahren, das Amüsierviertel am Meer (der elektrische Stuhl, wo man sich für 1 Pfund richtig durchschütteln lassen konnte). Und eines Tages erzählte mir Jane von Martin Wöhrl, den ich doch gewiss kenne. Er wäre auch aus München und mit einem DAAD-Stipendium seit einiger Zeit in Glasgow wohnhaft. Wir waren in Glasgow auf einem Soulallnighter, haben Franz Ferdinand, ohne es zu wissen, auf der Abbruchparty eines Hauses gehört und merkwürdige indische frittierte Kugeln gegessen. Wir waren mit einem schwäbischen Künstler in den Highlands, wo wir uns die Drei-Phasen der Magic-Mushroom-Wirkung von eben jenem Schwaben erklären ließen. Das war wahrscheinlich lustiger als alles, was nach der Einnahme passierte.

Leider kann ich mich an die Reihenfolge der Ereignisse nicht mehr genau erinnern. Alles was dort auch all die Jahre danach geschah, führte jedoch dazu, dass ich Martin heute zu einen meiner besten Freunde zähle. Das liegt wohl nicht nur daran, dass wir gemeinsam viele Biere, Weine und Schnäpse getrunken haben, auch unsere Gespräche kreisten selten in der angeregtesten Weise um Mode, Kunst, Literatur, Musik, Theater, Politik oder die Geschichte des Feminismus. Wahrscheinlich geht es eher um die Wahrnehmung dessen, was geschieht und wie man als Künstler damit umgeht. Wir wollen bestimmt nicht mahnen. Doch wie sieht das aus? Was macht man denn als Künstler? Was ich dort in Edinburgh fotografiert hatte, wem zeige ich das? Sollte es da nicht auch eine Ausstellung geben? Ist es nicht merkwürdig, irgendwo hingeschickt zu werden, wo man arbeitet, aber es gibt niemanden, der das danach sehen will? Im Nachhinein betrachtet ein Haufen dummer Fragen, um die es überhaupt nicht geht. Das habe ich von Martin Wöhrl gelernt.

Jane, die nette Dame, die sich die ersten Tage in Schottland um mich gekümmert hatte, konnte mir zwar keinen Ausstellungsraum organisieren, doch hingen irgendwann Fotokopien meiner Arbeiten in einem Gang des City Art Center. Die einzigen Besucher der „Vernissage“ waren Jane, Martin und ich. Irgendwann hat sich auch ein Journalist die Ausstellung angesehen. Sie hat ihm, wenn ich an seinen Artikel denke, nicht besonders gefallen.

Später in München gaben wir in einem der oberen Räume der Lothringerstraße einen „Burns Supper“. Das ist einer der sehr hohen Feiertage in Schottland. Zum Gedenken an den „Nationaldichter“ Robert Burns wird Haggis (eine Art Innereiwurst mit Getreide), Kartoffelbrei und zerstampftes Gemüse gereicht. Dazu gibt es Whisky. Es gab an diesem Abend auch nichts anderes. Eine Frau musste ein Burns-Gedicht über Männer, ein Mann eines über Frauen und gemeinsam mussten sie Reime über den Krieg vortragen. Kunst von und über Schotten war zu sehen. Wir waren glücklich.
Wir machten weiter: den „Jazz Brunch“ in der Villa Stuck mit Pils und Sohleiern, die italienische Nacht „che figata!“, den Zauberabend „Magic Moments“ – unser Freund Ross Moreno zeigte stündlich dieselbe Zaubershow, die aufgrund des geplanten, immer höheren Alkoholpegels auch stündlich immer mehr in die Hose ging. Die „Original Käfer-Schenke“, wo man umsonst Bier in Tassen bekam, die mit Käfern beklebt waren, haben wenige verstanden.

Gestern rief mich Martin an, ob wir denn nicht nächstes Jahr zu dieser Zeit etwas mit Spargel und Riesling machen könnten? Es geht bei diesen Veranstaltungen um die Vorstellung von dem, was man erwartet. Und wir machen es noch besser. Freuen Sie sich auf 2016, wenn wir Wein und Spargel verschenken.

Martin Fengel ist Künstler aus München. Zur Zeit lehrt er Fotografie an der Akademie der Bildenden Künste München.

Ein Gedanke zu “Martin Fengel & Martin Wöhrl

  1. Das haben wir ja alles noch gar nicht gewusst, auf diese Art und Weise erfährt man was Neues.

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