von Jonna Gaertner.

In diesem Buch, herausgegeben von Annegret Hoberg, Kuratorin der aktuellen Ausstellung im Lenbachhaus „August Macke und Franz Marc. Eine Künstlerfreundschaft“, wird erstmals eine Fülle von teilweise unbekannten persönlichen Erinnerungen, Briefen und Dokumenten zum Schicksal von August Macke und Franz Marc im Ersten Weltkrieg versammelt. Dazu gehören selbstverständlich auch private Zeugnisse ihrer beiden Frauen Elisabeth Macke und Maria Marc, die in diesem Krieg bald zu Witwen werden sollten. Beide Künstler wurden an die französische Front eingezogen, August Macke starb bereits wenige Wochen nach Ausbruch des Krieges am 26. September 1914 im Alter von 27 Jahren in der Champagne, Franz Marc fiel kurz nach seinem 36. Geburtstag am 4. März 1916 bei Verdun.
Und um ihre enge Verbundenheit verständlich werden zu lassen wie auch den großen Verlust, den August Mackes früher Tod für Franz Marc bedeutete, sind den Kapiteln zur eigentlichen Kriegszeit zwei zur Geschichte ihrer Freundschaft und zur Entwicklung ihrer Kunst vorangestellt. Auch hier liegt der Schwerpunkt auf dem lebendigen privaten und freundschaftlichen Dialog innerhalb des »Kleeblatts« – August und Elisabeth Macke, Franz und Maria Marc –, wobei man zugleich viel über das Leben und Werk der Künstler erfährt.

Sowohl Macke als auch Marc haben sich nicht freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet – auch wenn dieses Gerücht bis heute hartnäckig verbreitet wird –, sondern beide wurden unmittelbar nach Kriegsausbruch am 1. August 1914 einberufen. Auch dazu bietet das Buch genaue Angaben. Doch wichtiger und interessanter sind die vielen persönlichen Äußerungen der Künstler und ihrer Frauen, wobei sich dem Leser manch überraschender Einblick bieten mag. So wird deutlich, das das junge und bislang so glückliche Paar August und Elisabeth Macke sofort mit Ausbruch des Krieges von der düsteren Vorahnung des sicheren Todes beherrscht war. Elisabeth schildert in ihren Erinnerungen, wie sie mit ihrem Mann vom Fenster des Wohnhauses in Bonn schon in der Nacht vom 1. auf den 2. August den langen Zug ausrückender Soldaten beobachtet hat; auch Macke hat sofort seinen Stellungsbefehl bekommen: »Wir standen im dunklen Fenster und die nächtliche Straße säumten stumm winkend die Menschen. Wir beide wußten, daß das Ende unseres gemeinsamen Lebens gekommen war.« Wenig später rückt Macke als Vizefeldwebel mit seinem 9. Rheinischen Infanterie-Regiment von Bonn an die französische Front aus. Die Truppe wird am Güterbahnhof verladen, zusammen mit vielen anderen Bewohnern Bonns stehen auch Elisabeth, ihre Mutter und der kleine Sohn Walter, mit einem Säbel geschmückt, an der Straße: »Die Soldaten sangen und riefen den Menschen und August schaute weit vorgebeugt aus dem Fenster und winkte uns so lange zu, bis der Zug nicht mehr zu sehen war.«
August Macke war auch durch den Einmarsch nach Nordfrankreich und den baldigen Stillstand im blutigen Stellungskrieg an Marne und Somme nicht so viel »Kriegsglück« beschieden wie zunächst Franz Marc. Sehr rasch wurde die Bonner Truppe in grausame Schlachten verwickelt. Ganz anders als Franz Marc in den berühmten Briefen aus dem Feld an seine Frau Maria schildert Macke das Kriegsgeschehen bald unverhüllt und direkt in den kurzen Mitteilungen von der Front an Elisabeth, die ihm noch zu schreiben vergönnt waren. Die Wörter »schauerlich« und »grausig« dominieren in seinen Feldpostkarten und wenigen Briefen, und die LeserInnen können mit Beunruhigung verfolgen, daß er die Sehnsucht nach seinen beiden kleinen Söhnen bald nur noch im Konjunktiv formuliert.
Zahlreiche hier versammelte Dokumente zeichnen zudem erstmals so genau wie möglich die Todesumstände von August Macke nach, die nie restlos aufgeklärt wurden. Er fiel an vorderster Front im Gefecht, wohl unmittelbar vor den französischen Linien und konnte von seinen deutschen Kameraden nicht mehr geborgen werden. Er galt zunächst als vermisst, seine Frau Elisabeth erhielt erst einen Monat später eine offizielle Todesmeldung von seinem Regiment; soweit bekannt, wurde er hinter den feindlichen Linien in einem Massengrab beigesetzt.

Franz Marc rückte nach Übungen in einer Münchner Kaserne erst am 30. August mit seiner Truppe über die Südroute an die französische Front aus, wo sie nach verlustreichen Schlachten in den Vogesen zum Stillstand kam. Anders als Macke wurde Marc mit seinem Regiment in den nächsten Monaten selten direkt in Kämpfe verwickelt, sondern lag fast ein Jahr lang in Lothringen in Stellung. Hier hatte er nicht nur Zeit für einen intensiven Briefwechsel mit Maria Marc, Elisabeth Macke, Wassily Kandinsky, seinem Mäzen Bernhard Koehler oder Else Lasker-Schüler, sondern konnte 1915 auch noch seine berühmt gewordenen 100 Aphorismen schreiben sowie das Skizzenbuch aus dem Feld zeichnen.

Auch über Marc im Feld, seine Gedanken und Erlebnisse, seine soldatischen Eigenschaften und seine letzten Stunden, erfahren wir in diesem Buch viele neue Einzelheiten. So kommt nicht nur der unerfüllte Kinderwunsch von Franz und Maria Marc bereits in der Korrespondenz der beiden Frauen vor dem Krieg zum Ausdruck, sondern er wird von Marc auch in seinen anrührenden Briefen aus dem Feld an die junge Witwe Elisabeth mit dem großen Interesse an ihren beiden Söhnen wiederholt ausgesprochen. Im November 1914 schreibt er an Elisabeth Macke: »Was auch für Dich tröstet, ist, dass Du wenigstens die beiden lieben Buben von ihm hast, in denen der August immer lebendig bleibt. Was mir den Abschied von Maria schwer machte, war gerade der schwermütige Gedanke, dass ich sie ganz allein zurücklasse, wenn ich nicht wiederkomme, ohne jede Zukunft und Aufgabe. Im Felde fürchtet man den Tod ja gar nicht. Man streift ihn so oft, man geht zwischen all dem fürchterlichen Sterben schliesslich ganz kühl umher; aber der Gedanke, kein Kindchen, keinen Erben des Blutes, das man sterbend vergiesst, zurückzulassen, ist für mich das einzig ganz Traurige.« Als Marc Ende Oktober die Gewißheit vom Kriegstod seines Freundes August Macke erhalten hatte, verfaßt er einen erschütternden Nachruf auf den Freund, der ebenfalls vollständig in diesem Buch zitiert wird.
Im Juli 1915 erhielt Marc seinen ersten Fronturlaub und während dieser zwei Wochen erlebten Franz und Maria, wie wohl unzählige Paare in den Kriegsjahren, eine »traurig schöne Zeit« in Ried, unter dem Zeichen der unausweichlichen Entfremdung aufgrund der ganz unterschiedlichen zurückliegenden Erlebnisse und des nahen Abschieds. »Die kurzen Urlaubstage von meinem Mann waren traurig schön – den Druck wird man ja nicht los, bis nicht endlich Frieden ist«, wird Maria Marc am 14. August an Gabriele Münter schreiben. Auch Franz empfindet das Zusammensein wohl ähnlich und grüßt Maria schon auf der Rückfahrt in Straßburg:
»Mir wurden die letzten Tage innerlich doch schwerer als ich es gestehen mochte und die Herausfahrt auch; auf allen Stationen derselbe Blick aller ((zum?)) Abschied winkenden Frauen, – die weite Spanne des Lebens immer in einen einzigen Blick gepreßt. Aber ich trage so viele freudige Erinnerung an die Liebe in der Heimat mit mir hinaus, dass mir die Tage doch ein Segen sind; sei nicht traurig, dass ich in vielem so schweigsam war, – ich konnte nicht anders. Ich konnte mich nicht hingeben und frei fühlen – auf Widerruf! Erst wenn ich ganz frei bin, wirst Du Deinen alten Franzl (u. vielleicht einen besseren) wieder ganz haben. Mit tiefem Kuß Dein Frz.« Maria ist ebenfalls aufgewühlt zurückgeblieben und nimmt die Worte ihres Mannes mit Dankbarkeit und Erleichterung auf: »Ich muß dir gestehen, dass ich ein trauriges Gefühl hatte, als ich allein war u. unser Zusammensein überdachte. Aber ich verstehe alles ganz – u. fühle mit dir. Trotzdem bin ich über diese kurzen Wiedersehenstage glücklich; – ich hatte so viel Sorge, dass dein Gemüt krank geworden wäre. Und der sonderbar sture Blick auf den Bildern u. am ersten Tag in M.[ünchen] machte mir so viel Angst. Nun habe ich aber gesehen, dass er sich ganz verloren hat – je länger Du hier warst u. das beruhigt mich sehr. Hab’ Dank für die lieben Liebesworte in deinem Brief – sie tun mir so wohl, mein Liebster. […] Nun sei es heut genug, mein lieber einziger Franzl. Wie hab’ ich dich lieb – immer immer – ganz ganz. In tiefer treuer Liebe küß ich dich mein Liebster – d.M.[aria]«
Über diesen Fronturlaub gibt es auch den Bericht eines Außenstehenden, nämlich von Paul Klee, der in seinem Tagebuch mit nüchterner Beobachtung notiert:
»Kurz darauf erhielt Marc Urlaub und kam, obwohl sehr ermüdet … und sichtlich abgemagert, unausgesetzt erzählend, nach München. Anhaltender Druck und Freiheitsberaubung lasteten deutlich auf ihm. Das verdammte Habit, eine mäßig sitzende Unteroffiziersuniform mit Portepee-Säbel, begann ich nun richtig zu hassen. Um ihn eingehender, und nachdem er sich schon etwas erholt hatte, zu sprechen, besuchte ich ihn in Ried bei Benediktbeuren [sic], zuvor die Strecke von Feldafing bis Bernried zu Fuß wandernd. Die feldgrauen Sachen hingen wie ausgedrückte Gedärme zum Trocknen im Freien. Er selber trug seine Sporthosen und farbige Joppe. Das war besser, aber nicht für lange!
Zum Abschied begleitete ihn seine Frau später nach München, und sie kamen zu uns zu Tisch. Ich kochte Risotto, und er brachte ein Paket rohen Schinken. Man war vergnügt, der Abschied schien ihm nicht unerträglich. Er versprach, fleißig sich zu bücken, wenn dann wieder etwas Gefährliches durch die Luft geflogen komme …
Der Mann müßte wieder malen, dann käme sein stilles Lächeln zum Vorschein, das nun einmal einfach zu ihm gehört, einfach und vereinfachend. Für brennende Gärungen ist er doch schon viel zu weit. Sie treten ein, weil sein Ventil nicht funktionieren darf. Das Soldatenspiel müßte ihm verhaßter sein, oder noch besser: gleichgültig.«
Im November 1915 erhält Marc, mittlerweile zum Leutnant befördert, ein zweites und letztes Mal Fronturlaub. Auch dazu gibt es einen Bericht von Paul Klee:
»Im November kam Marc als Leutnant auf Heimaturlaub. Er sah diesmal gut aus, als Offizier konnte er sich pflegen, und die Haltung des Offiziers hatte er auch angenommen. Es stand ihm das neue Kostüm, ich möchte fast sagen ›leider‹, gut. Ich bin nicht sicher, ob er nun der alte war oder nicht. [….]. Am letzten Abend bei uns in der Ainmillerstraße war er ohne Frau. Die Frau war krank, und der Abschied von ihr lag hinter ihm. Tiefer Ernst ging von ihm aus, und er sprach wenig.“
Nach der Rückkehr an die Front zog sich auch um Marc ab Spätherbst 1915 das Grauen des Krieges immer enger zusammen, im Februar 1916 musste seine Truppe in das Umfeld der großen Schlacht von Verdun vorrücken.
Auch hier mag es für die LeserInnen überraschend sein, dass Maria Marc die Nachricht vom Tode ihres Mannes während eines Besuchs bei Elisabeth Macke in Bonn erhalten hat. Franz Marc hatte, im Bewusstsein der steigenden Gefahr für sein eigenes Leben an der Front, seiner Frau Maria zu Beginn des Jahres 1916 mehrfach dringend geraten, doch einmal ihre Freundin Elisabeth zu besuchen und dafür ihr einsames Haus in Ried im oberbayerischen Benediktbeuern zu verlassen. Es war ihm eine große Beruhigung und Erleichterung, Maria dann tatsächlich ab Februar 1916 in Bonn zu wissen. Neben anderen bewegenden Dokumenten aus den Tagen unmittelbar bevor Marc fiel, wird auch seine letzte Karte an seine Frau vom 4. März 1916, dem Morgen seines Todes, zitiert, in der seine Sehnsucht nach einer Heimkehr nach Ried zum Ausdruck kommt: »Zwischen den grenzenlosen schaudervollen Bildern der Zerstörung, zwischen denen ich jetzt lebe, hat dieser Heimkehrgedanke einen Glorienschein, der gar nicht lieblich genug zu beschreiben ist. Behüte nur dies mein Heim und Dich selbst, Deine Seele u. Deinen Leib und alles was mir gehört, zu mir gehört!«
Marc fiel am selben Nachmittag, er wurde auf einem Erkundungsritt bei Verdun von Granatsplittern tödlich getroffen. Er wurde zunächst in Braquis begraben, ein Jahr später ließ ihn Maria Marc exhumieren und auf den Friedhof in Kochel überführen.

Auch über vieles andere erfährt man in diesem Buch, etwa wie sich Marcs anfängliche Kriegsbegeisterung bald wandelte, oder über die Interpretation seiner Äußerungen über »Reinheit«, »Unreinheit« und Wahrheit in seinen berühmten Briefen aus dem Feld an Maria Marc. Sie sollten nicht ohne Marias Gegenbriefe gelesen werden, denn seine Frau hat an dieser intensiven Diskussion großen Anteil, immer wieder hat sie Marc um Stellungnahmen dazu gebeten. Marcs bekannte Briefe aus dem Feld an Maria enthalten dabei auffallend wenig Schilderungen seiner realen Erlebnisse oder des Grauens des Krieges. Dass er seine Frau damit verschonen und sie nicht beunruhigen wollte, äußerte er verschiedenen Briefpartnern, unter anderem Elisabeth Macke, gegenüber. Auch einem Bericht von der Front zur Jahreswende 1914/15 an seinen Sammler und Mäzen Bernhard Koehler, den Onkel von Elisabeth Macke, fügte er hinzu:
»Lassen Sie den Inhalt dieses Briefes bitte nicht meiner Frau direkt oder indirekt zu Ohren kommen; sie hat soviel Aufregungen und Kummer hinter sich, dass ich ihr unsere jetzige Stellung als sehr harmlos male, – wozu auch? Ich selbst bin tatsächlich in sehr geringer Gefahr – schildre ich ihr aber, was alles hier vorgeht, regt sie sich doch auf, ganz zwecklos. Sie fühlt sich jetzt vereinsamt und ist ganz verängstigt.«
Zwei Monate vor seinem Tod, am 9. Januar 1916, schreibt Marc an Bernhard Koehler nicht nur vom »schrecklichen, blamablen Fiasko dieses Krieges«, sondern in aller Deutlichkeit auch vom Grauen der Front, dem stillen Gastod und den Brustwehren der Schützengräben, errichtet aus den mit Lehm verklebten Leichen gefallener Kameraden. Und an seinen Galeristen Herwarth Walden in Berlin schickte Marc am 1. März 1916, drei Tage vor seinem Tod, die kurze Nachricht:
»Ichn mitten in der fürchterlichen Aktion im Westen, – es ist gar nicht zu beschreiben, was man hier erlebt! Ich kann es auch nicht schreiben! Es ist zu furchtbar.«

Die Publikation ist, hrsg. von Annegret Hoberg und im Wienand Verlag, 168 Seiten, 25 farbige Abb., 29 s/w Abb. erschienen und hier erhältlich.

Jonna Gaertner ist Mitarbeiterin in der Kommunikationsabteilung der Städtischen Galerie im Lenbachhaus im Kunstbau, München.

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