von Michaela Melián.

Als ich Silvia Bovenschen zum ersten Mal besuchte, um zusammen mit Thomas Meinecke zwei Umzugskartons mit historischen feministischen Büchern aus ihrer Sammlung abzuholen, sah ich auch erstmals Bilder von Sarah Schumann. An den Wänden der eleganten Wohnung im Frankfurter Westend hingen überall, wo zwischen und neben riesigen Bücherregalen Platz war, Bilder. Diese erinnere ich als dunkel und opulent in der Farbigkeit, mit Öl gemalt, und – eingebettet in die Farbschichten, eigenartig schimmernd aufblitzend – Fotografien. Im Mittelpunkt dieser Bilder immer wieder Silvia als junge Frau, anmutig, exzentrisch. Damals, bei diesem ersten Besuch, erläuterte mir Silvia ausführlich Sarahs Malweise und dabei hörte ich auch zum ersten Mal von der Großausstellung Künstlerinnen International 1877–1977, die von Sarah und sechs weiteren Frauen 1977 in Berlin organisiert worden war.

Seit vielen Jahren wohnt nun Silvia Bovenschen, nachdem sie ihre literaturwissenschaftliche Lehre an der Goethe-Universität Frankfurt beendet hat, mit Sarah Schumann zusammen in Berlin-Charlottenburg. Dort habe ich die beiden immer wieder in ihrer großen Altbauwohnung mit den schönen antiken Möbeln und den großen Bildern von Sarah besucht. Unsere Gespräche kreisten jedes Mal in der angeregtesten Weise um Mode, Kunst, Literatur, Musik, Theater, Politik und die Geschichte des Feminismus. Ausführlich konnten wir uns über die neuen Medien, insbesondere das Internet auslassen, in dem sich die beiden sehr gut auskennen und zunehmend ihre Anschaffungen für den täglichen Bedarf machen.

Und immer wieder kamen wir dabei auch auf die Ausstellung Künstlerinnen International 1877–1977 zu sprechen, und warum diese Ausstellung nicht in den Kanon zumindest der feministischen Kunstgeschichte eingegangen ist. Als ich 2012 von der Shedhalle in Zürich eingeladen wurde, bei einem Ausstellungsprojekt betitelt „The F-Word“ (zur Frage der Aktualita?t von Feminismus im Spannungsfeld von subjektiver und gesellschaftlicher Relevanz) mitzumachen, habe ich vorgeschlagen, diese vergessene erste Ausstellung in Deutschland zu Kunst von Frauen und ihre Nichtrezeption zum Thema zu machen. Für dieses Projekt habe ich dann begonnen, bei meinen Besuchen bei Bovenschen und Schumann in Berlin unsere um den Kontext dieser Ausstellung kreisenden Gespräche mit einem Aufnahmegerät mitzuschneiden.

Aus diesen Aufnahmen habe ich schließlich eine 70-minütige Audiospur zusammengestellt. In den Gesprächen mit den beiden war mir klar geworden, dass ich Sarah und Silvia als Protagonistinnen der feministischen Aufbruchstimmung der 1970er Jahre ins Zentrum meiner Arbeit setzen will, jedoch nicht als sogenannte Zeitzeuginnen, sondern als meine Gesprächspartnerinnen, Kolleginnen und Freundinnen von heute. Sie sprechen also aus ihrer aktuellen Perspektive über die seinerzeitigen Vorhaben, Aktionen, Pläne und Wünsche und stellen sie in Relation zu den aktuellen Verhältnissen.

Silvia Bovenschen: „Die öffentliche Meinung ging dahin, dass es sinnlos sei, einfach Kunst von Frauen auszustellen, nur weil es sich um Frauen handelt. Diese Frage kann man sich ja auch wirklich stellen. Die Empörung kam aber von zwei ganz unterschiedlichen Seiten. Die Fundamentalfeministinnen sagten: Das ist doch die alte Kunstscheiße und alle Frauen sind Künstlerinnen! Und dann stürmten sie rein und hängten Tampons auf und waren empört, dass überhaupt ausgewählt, selektiert worden war. Auf der anderen Seite hieß es höhnisch: Was soll dieser Weiberkram! Da war keine Ehrfurcht, auch nicht vor den Künstlerinnen, die bereits einen Namen hatten in der Kunstgeschichte oder der aktuellen Kunstszene.
Wenn Kunst gesehen und kommuniziert wird, entsteht ein anderer kommunikativer Raum, der eine Tradition aufnimmt und weitergibt. Das ist mit der Ausstellung gelungen – aber es ist nichts weitergegeben worden. Nach kurzer Zeit hat keiner mehr über sie geredet, auch die Frauen nicht. Merkwürdig. Es ist unheimlich. Es scheint mir die Geschichte der weiblichen Geschichtslosigkeit zu bestätigen. Es ist wie ein Schluckauf, es ist nichts zu machen.“

Gemeinsam haben wir für die Ausstellung in Zürich darüber hinaus noch ein filmisches Format inszeniert, ein tableau vivant mit Bovenschen und Schumann in ihrer Wohnung. Dafür sitzen beide unter dem Bild, das Sarah 1977 von Silvia gemacht hat und das seitdem über Silvias Arbeitsplatz hängt. Der Loop ist eine Zigarette lang, Silvia raucht und kuckt die Betrachter direkt an, Sarah schaut eher am Betrachter vorbei in Richtung Silvia.
Zusätzlich konnte ich in Sarahs Studio, das sich ebenfalls in der gemeinsamen Wohnung befindet, diejenigen Bilder von ihr fotografieren, die im Gespräch Gegenstand sind. Um den Katalog Künstlerinnen International 1877–1977 als Objekt in der Installation erfahrbar zu machen, filmte ich meine Hände, wie sie langsam die vergriffene historische Publikation durchblättern.

Aus diesen einzelnen Elementen habe ich dann meine Arbeit Silvia Bovenschen und Sarah Schumann zusammengestellt. Die Ausstellungsbesucher sitzen gleichsam zu Besuch bei den beiden Damen und hören dabei ihren sarkastischen und rauen Stimmen zu, während sie von ihnen permanent gemustert werden. Auf einem waagrecht installierten Flatscreen wird der Katalog durchgeblättert und die Bilder, über die gesprochen wird, erscheinen auf einer Leinwand in Gemäldegröße.
Die Arbeit ist eine Hommage an zwei wunderbare Frauen, die mir spätestens durch die inspirierende Zusammenarbeit zu role models wurden.

Initiiert durch die Kunstzeitschrift frieze, die Auszüge aus dem Gespräch zwischen Sarah und Silvia veröffentlichte, wurde die Arbeit 2013 im Anschluß an die Zürcher Ausstellung in Berlin zum Gallery Weekend gezeigt. Bovenschen und Schumann konnten damit endlich Silvia Bovenschen und Sarah Schumann sehen und erschienen zur Eröffnung. Die meist viel jüngeren Ausstellungsbesucher waren beeindruckt von der Eleganz und der Coolness der beiden Protagonistinnen auch im wirklichen Leben.

Dank dieser großen Öffentlichkeit wurde 2014 ein großes Konvolut von Sarah Schumanns Arbeiten im Heidelberger Kunstverein ausgestellt, gerade rechtzeitig zu ihrem 80. Geburtstag. Daneben wurde Harun Farockis Film Ein Bild von Sarah Schumann, den er im Kontext der Frauenbewegung der 70er Jahren in Berlin gedreht hatte, wie auch meine Arbeit gezeigt. Dass ein Projekt, das aus einer Freundschaft und vielen Gesprächen über gemeinsame Interessen entstanden ist, plötzlich Anlass für eine ganz neue ungeplante Ausstellungskonstellation wurde, war eine sehr schöne Erfahrung.

Michaela Melián ist Künstlerin und Musikerin, sie lebt in München und Hamburg. 2014 waren Arbeiten von ihr in der Ausstellung PLAYTIME im Lenbachhaus zu sehen. In der Sammlung des Lenbachhauses befindet sich die die Arbeit Ignaz Guenther House, Diainstallation mit Tonspur (2002) und Papierarbeiten aus der Werkreihe Straße (2003). Des weiteren realisierte sie 2014 u.a. Arbeiten in der Hamburger Kunsthalle, im Heidelberger Kunstverein, im Badischen Kunstverein Karlsruhe, in der Ursula-Blickle-Stiftung in Kraichtal und in den Münchner Kammerspielen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>