von Pia Dornacher in Zusammenarbeit mit Bärbel Kleindorfer-Marx.

Eine persönliche wie künstlerische Freundschaft verband seit der ersten Begegnung in den 1950er Jahren an der Akademie der Bildenden Künste in München den in Roding im Landkreis Cham geborenen Maler Heimrad Prem (1934-1978) mit dem in Neumarkt i.d.OPf. aufgewachsenen Bildhauer Lothar Fischer (1933-2004). Beide Akademieabsolventen interessierten sich sowohl für Bildhauerei als auch für Malerei. Gemeinsam waren sie Mitbegründer der legendären Münchner Gruppen SPUR (1957-65), SPUR WIR und GEFLECHT. Zunächst künstlerisch an der Schnittstelle zwischen Informel und Neuer Figuration arbeitend, entwickelten die Kollegen zunehmend eine eigene Bildsprache, die zu den wichtigsten Zeugnissen der 1960er und 1970er Jahre in Deutschland zählen. Fischer und Prem stellten auch 1967 noch gemeinsam aus und arbeiteten 1968 bei einer Modeschau in München zusammen. Neben Leinwänden und Plastiken haben die Beiden ein ebenso an Zeichnungen und Aquarellen reiches Oeuvre hinterlassen.

Am Ende ihrer Akademiezeit in München 1957 waren Lothar Fischer und Heimrad Prem gemeinsam mit Helmut Sturm (1934-2008) und HP Zimmer (1936-1992) die Mitbegründer und späteren Protagonisten der Künstlergruppe SPUR. Durch ihre kunstpolitisch provokanten Aktivitäten, durch die Verbreitung von Flugblättern und Manifesten sowie durch die Herausgabe ihrer sieben SPUR-Zeitschriften bewirkten sie bei Staat und Kirche in Bayern heftige Reaktionen. Doch trugen die Mitglieder gerade auch dadurch maßgeblich zur künstlerischen Aufbruchsstimmung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg bei. Zeitweise gehörten auch Dieter Kunzelmann und der Maler Uwe Lausen lose der Gruppe an, die sich von 1959 bis 1962 auf Anraten des Malers Asger Jorn der Situationistischen Internationale in Paris (S.I.) angeschlossen hatte.
In der Auseinandersetzung mit dem Werk Wassily Kandinskys, dem Bildaufbau des Kubismus, dem Malprozess des Informel sowie der Beschäftigung mit dem Schaffen Max Beckmanns und der Dynamik des barocken Bildraums fanden sie zu einer eigenständigen Bildsprache, die Figuratives mit Abstraktem verbindet. Für Prem und Fischer waren vor allem die Maler Wols und Jean Dubuffet von größerem Einfluss, während für Sturm Willem de Kooning und für HP Zimmer etwa Jackson Pollock und Antonio Saura Bedeutung erlangte.

Ab 1965 machte sich der Einfluss der aus Amerika und England kommenden Pop Art auf die Bildsprache von Prem und Fischer bemerkbar. Dies zeigt sich bei Fischer vor allem in seinen aus Ton geformten und anschließend lackierten, überproportional großen Tuben- und Fließformen. Seine Plastiken erinnern deutlich an die großformatigen Objekte von unpersönlichen Massenartikeln eines Claes Oldenburg oder die Badezimmerszenen von Tom Wesselmann. Später war Fischer der Ansicht, dass er „Pop teilweise schwer verkraften konnte“ und bezeichnete den Einfluss als einen kurzen Flirt.
Heimrad Prem lebte mit seiner Familie von November 1965 bis Juni 1966 in Südschweden bei dem Bruder des dänischen Malers Asger Jorn, Jørgen Nash, der ihm eine günstige Wohnung in Örkelljunga organisierte. Nach seiner Rückkehr nach München begann er Ende des Jahres 1966 mit der Arbeit an seiner Werkgruppe der raumgreifenden, ebenfalls von der Pop Art beeinflussten Polsterbilder. In einem Brief an Margarethe Jochimsen schreibt Prem am 9.4.1967: „Seit 4 Monaten mache ich nur mehr Polsterbilder, also Bilder, die gepolstert sind und plastisch sind. (…) Ich bin jedenfalls so glücklich mit diesem Material, daß ich glaube, daß ich [es] nie mehr aufgeben werde. Schon immer war ich im Zweifel, ob ich nicht auch Bildhauer bin, und nun habe ich beides vereinigt.“
Ab Januar 1967 präsentierte die Galerie van de Loo in München und im Anschluss die Galerie Hella Nebelung in Düsseldorf eine Gemeinschaftsausstellung von Fischer und Prem bei der Autobilder, Polsterbilder und erotische Werke Prems sowie die Tonplastiken Nächtliches Bad und Mädchen im Bad gezeigt werden. Im Folgejahr 1968 zeigte die Avant Art Galerie Casa in München unter dem Titel Prems Plastikpuppen auch das Polsterbild Relief blau. Dieses stand ursprünglich in Verbindung mit einer Modeschau. Am Abend der Casa-Vernissage veranstaltete Prem nämlich seine Plasticcouture Show 68, eine Veranstaltung mit Mannequins, die Vinyl- und Lackkleider vorführten und in der vollen Wirkung lebendiger Bewegung das entsprechende Kunstwerk, das erstarrte Vorbild Prems, dem Publikum zeigten. Lothar Fischer fertigte damals für diese Modenschau die Frisur-Plastiken der Mannequins, die Perücken aus Lackfolie glichen.

Nach der Auseinandersetzung mit der Pop Art entwickelte Fischer um 1970 aus seinen Tubenformen fast folgerichtig seine Werkgruppe der Hüllen. Diese aus Ton hohl aufgebauten und geformten, reinen Kleiderhüllen ohne Körper werden nicht mehr farbig lackiert. In seiner selbst als Hüllenphase bezeichneten Schaffenszeit wird offenkundig, dass es ihm jetzt um die lebendige Tonoberfläche mit den ungleichmäßigen Ritzungen ging, die ein starkes Eigenleben entwickelte. In Fischers Tonarbeiten zeigt sich besonders gut die Spannweite seines plastischen Schaffens.

Prem entdeckte nach der Pop Art die Bildwelt der Hippie-Bewegung und begann in der Zeit der 68er-Generation auch unter Drogen zu malen. 1970 entstanden einige, auch biografisch interessante Papierarbeiten wie Lebensweg oder Mein seltsames Bildergehirn. Doch Ausbrüche zwischen Euphorie und Verzweiflung endeten 1971 mit einem Selbstmordversuch. In den 1970er Jahren erfuhr er schließlich nach einer reflexiven Phase und einigen Reisen wichtige neue Impulse. Auf Anraten eines Freundes reiste er 1972 mit nach Norditalien. Dort entdeckte er beim Einkauf von Malmaterialien die bräunliche, dicke Lederpappe als Werkstoff für seine künstlerische Arbeit. Begeistert begann er mit dem neuen Material zu experimentieren und es entstanden seine Röllchenbilder, aber auch erste Lederpappenreliefs, bei denen er die Pappe in der Badewanne feucht werden ließ, um sie anschließend entsprechend zu formen. Im Jahr 1974 unternahm er mit dem Zug eine Reise durch die Türkei nach Kappadokien in den Iran. Die während dieses Aufenthalts gewonnenen Eindrücke verarbeitete er anschließend auch in zahlreichen Reliefs.

Lothar Fischer verehrte das Werk seines Kollegen Prem außerordentlich, er tauschte regelmäßig mit ihm Arbeiten. Im Bestand des 2004 eröffneten Museums Lothar Fischer in Neumarkt i.d.OPF:, das auf der Lothar & Christel Fischer Stiftung basiert, findet sich so neben den Werken Lothar Fischers auch ein großes Konvolut von Arbeiten Heimrad Prems. Umgekehrt befanden sich etliche Arbeiten von Lothar Fischer Arbeiten nachweislich ehemals in der Sammlung von Heimrad Prem. Aufschlussreich ist gleichermaßen, welche Objekte sich der Maler von seinem Bildhauerfreund zum Tausch ausgesucht hatte und welche Fischer ihm überließ.

Der intensive Austausch der beiden Künstler wurde 2014 in einer von Dr. Pia Dornacher kuratierten Ausstellung aus Anlass des 10jährigen Bestehens des Museums Lothar Fischer beispielhaft thematisiert. Die die Künstlerfreundschaft würdigende Präsentation, die auch die ganze Breite des zeichnerischen Schaffens der beiden von den Studienjahren über die Pop-Phase bis hin zu Prems Freitod 1978 widerspiegelte, war vom 26. Januar bis 11. Mai 2014 in Neumarkt i.d.OPF. zu sehen, vom 17. Mai 2014 bis 6. Januar 2015 konnte sie noch im Museum SPUR Cham gezeigt werden. War diese retrospektiv angelegte Ausstellung auch der Freund-schaft von Prem und Fischer gewidmet, so schmälert dies nicht die enge freundschaftliche Verbindung, die beispielsweise auch das Mitglied der Gruppe SPUR Helmut Sturm mit Prem oder Sturm und Fischer verband.

Pia Dornacher ist Kunsthistorikerin und promovierte über Heimrad Prem (1934-1978). Sie ist zudem als freie Ausstellungskuratorin u.a. für die Kunsthalle zu Kiel, Städtischen Galerie im Lenbachhaus München, Museum Villa Stuck München, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Werkverzeichnisse von Heimrad Prem, Lothar Fischer und Rupprecht Geiger tätig.

Bärbel Kleindorfer-Marx ist Kulturreferentin des Landkreises Cham, Landratsamt Cham und Leiterin des Museumsreferat Museum SPUR Cham.

Ein Gedanke zu “HEIMRAD PREM UND
LOTHAR FISCHER
Eine Künstlerfreundschaft

  1. Ich finde das Zeigen von SPURMALERN im LenbachHaus ein Muss! Endlich finden einige von
    Ihnen ein Zuhause.ich glaube auch, dass die Bedeutung dieser Gruppe immer noch unterschätzt
    Wird.

    Grüße. Bernd. Simon

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