Mobilität und Naturerfahrung im 19. Jahrhundert – Landschaftsmalerei, eine Reisekunst?

Internationales Symposium, Christoph Heilmann Stiftung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München

[see English version below]

In kaum einer zeitgenössischen Biographie der immer zahlreicher werdenden Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts wird auf eine ausführliche Schilderung ihrer Reisen in nah und fern verzichtet. Der Landschaftsmaler besaß zwar meist ein festes Atelier in der Stadt, zugleich zeichnete ihn aber eine hohe Mobilität aus. Unter dem neuen Vorzeichen eines möglichst unmittelbaren Kontakts zur Natur, zur Erkundung ferner Regionen und deren Menschen konnte er sich nicht mehr wie früher auf druckgraphisch vermittelte Ansichten und einen Kanon idealer Kompositionen verlassen. Wie sehr zu dieser Zeit das Reisen zur künstlerischen Aus- und Identitätsbildung des Landschaftsmalers gehörte, bezeugt insbesondere der Blick in die zahlreich entstehenden Handbücher zum Erlernen der Landschaftsmalerei, wie jenes des führenden französischen Landschafters Pierre-Henri Valenciennes. Zu keiner anderen Epoche unterlag der Landschaftsmaler, der sich nicht mehr als Vertreter einer untergeordneten Gattung verstanden wissen wollte, einem solchen Mobilitäts-Paradigma (oder gar: -Diktat) wie im 19. Jahrhundert. Selbst die Emergenz einer neuen Gattung ist damit zu verbinden: die gut transportierbare und schnell herzustellende, gleichwohl auf differenzierte Farbwahrnehmungen setzende Ölstudie. Durch ihre flüchtige Malweise konnten sie der in Tages- und Jahreszeiten sowie wechselnden Wettersituationen sich ständig verändernden Natur gerecht werden. Zugleich transportierte ihr Duktus die reisebedingte Dynamisierung der Wahrnehmung und konnte den Ansichten eine neue Authentizität verleihen.

Das Symposion beabsichtigt, in europäischer Ausrichtung auf den Aspekt der Landschaftsmalerei als Reisekunst zu fokussieren. Die Reisetätigkeit, wie sie zunächst in Form des Grand Tour-Tourismus dem Adel vorbehalten geblieben war, wurde um 1800 von breiteren Schichten aufgegriffen – im Zuge des romantischen Kunstdiskurses gerade auch von Dichtern und Künstlern – und erfuhr mit zunehmender Beschleunigung im Laufe des 19. Jahrhunderts einen immer weiter reichenden Radius: vom Spaziergang, der Wanderschaft und Kutschfahrt bis hin zur Reise per Eisenbahn und Schiff. Die großen Ateliers der Historienmaler stellten einen statischen Schaffensort in den sich zu pulsierenden Metropolen entwickelnden Städten dar. Demgegenüber erweist sich die Landschaftskunst der Zeit als Gegenmodell. Im Vergleich zu den immer aufwendigeren Überformaten der Atelierkunst tendiert sie zur Intimität und fand im „paysage intime“ ihre zukunftsweisende und schließlich in die Landschaftskunst des Impressionismus mündende Form. Mit den neuen Transportmöglichkeiten bildeten sich gleichsam „mobile Ateliers“ (tragbare Malkästen, bestückt mit haltbaren Tubenfarben und Malkartons) heraus. Diese konnten in weite Ferne (Italien, Griechenland, Nordafrika etc.) oder im Sinne einer eher nationalen Ausrichtung vor die Tore der Städte in heimatliche Regionen (Paris / Barbizon, München / Voralpenland etc.) mitgenommen werden.

Die Künstlerreise im fürstlichen oder diplomatischen Auftrag blickt auf eine lange Tradition zurück. Demgegenüber gilt es zu fragen, inwiefern sich mit der Romantik, der Genieästhetik, den antiakademischen Strömungen und vor allem auch vor dem Hintergrund der großen politischen Umbrüche neue Motivationen für die Reiselust der Künstler ergaben. Obwohl an vielen Orten für die Landschaftsmalerei die ersten eigenständigen Professuren eingerichtet wurden, verließ die Landschaftsmalerei dennoch rasch wieder die akademischen Hallen, um sich jenseits hierarchischer Strukturen im Austausch der Künstler untereinander und im unmittelbaren Kontakt zur Natur zu entfalten. Die Dynamiken des Reisens prägten die Dynamiken der wechselseitigen Anregung der Landschaftsmaler, so dass sich das Landschaftsbild zu einer europäischen Kunstform par excellence herausbilden konnte. Diesen Vernetzungen möchte die Tagung nachspüren und zugleich einen Beitrag zur Erforschung des Technik- bzw. Kulturtransfers bieten. Welche Rolle nahmen bestimmte Kunstzentren wie Paris und Rom ein? Wann kamen neue Landschaftszentren wie München etc. hinzu und welche Künstler spielten eine Schlüsselrolle in der Vermittlung?
Darüber hinaus stellt sich die Frage, welche Eigenschaften und Funktionen den Ölstudien zu ihrer schnellen Verbreitung und damit dem „paysage intime“ zu seiner Erfolgsgeschichte verhalfen: Dienten sie als bloße Souvenirs, in einem übergreifenden Sinn als Gedächtnismedien für die Arbeit im heimatlichen Atelier oder aber zur Erprobung und Habitualisierung der malerischen Übersetzung des unmittelbar Gesehenen ins zweidimensionale Bild? Welche gegenseitigen Anregungen und Konkurrenzen ging die Ölskizze als Gedächtnismedium mit der traditionellen Zeichnung ein, aber auch mit den neuen Medien wie der frühen Landschaftsfotografie? Wie kamen die reisenden Maler zu ihren wichtigen Farbmitteln und erhielten Nachricht über lohnende Reiseziele? Welche Lebensbedingungen zeichnete ihre besondere Künstlerexistenz aus, wie konnten sie in der Ferne ihren Lebensunterhalt bestreiten, wenn sie nicht Teil einer finanzierten Reisegesellschaft auf Kavalierstour waren? Welche Rolle spielten die Ölstudien innerhalb des Künstleraustausches, d.h. wurden sie als Geschenke und/oder als Arbeitsmittel an Kollegen und Schüler weitergereicht? Welchen Geschmackswandel bewirkten sie und wann wurden sie salon- bzw. marktfähig?

Das Symposion zur Landschaftsmalerei als Reisekunst nimmt ihren Ausgangspunkt von der Sammlung europäischer Landschaften und Ölstudien der Christoph Heilmann Stiftung, die sich seit 2013 als Dauerleihgabe in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus befindet. Zugleich knüpft es an die reiche Tradition der Münchner Landschaftsmalerei an, wie sie sich schon früh unter Max I. Joseph und besonders unter dem Kunstkönig Ludwig I. entfalten konnte. Gerade die bayerische Hauptstadt wurde in dieser Zeit für die europäischen Landschaftsmaler ein wichtiger Knoten- und Zielpunkt.
Die Tagung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus möchte das Thema interdisziplinär und mit vielfältigem Perspektivwechsel aufgreifen und der Diskussion großzügigen Raum bieten. Der Aufruf wendet sich an Kunst- und Kulturhistoriker, Literaturwissenschaftler, Kunsttechnologen, Wissenschaftshistoriker etc.

Wissenschaftliches Konzept: Claudia Denk, Christoph Heilmann, Andreas Strobl (Christoph Heilmann Stiftung)
Es ist geplant, die Vorträge zu veröffentlichen. Reise- und Übernachtungskosten werden übernommen. Vorschläge (max. 3.000 Zeichen) für ein ca. 20minütiges Referat schicken Sie bitte bis spätestens zum 22. Dezember 2014 an:
info@Christoph-Heilmann-Stiftung.de
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Mobility and the Experience of Nature in the Nineteenth Century – Landscape Painting: An Art of Travel?

International Symposium, Christoph Heilmann Stiftung at the Städtische Galerie im Lenbachhaus, Munich

Among contemporary biographies of the ever-growing number of landscape painters in the nineteenth century, scarcely one failed to refer extensively to travels undertaken, whether near or far. While landscape painters generally had a town studio, they were also highly mobile. Given the new interest in the directest possible contact with nature, and in the investigation of distant regions and their inhabitants, it was no longer possible to rely on views transmitted in the form of prints, or on some canon of ideal compositions. A glance at the numerous instruction handbooks being produced for landscape painters at the time, such as that of Pierre-Henri Valenciennes, the leading French landscape artist of the period, reveals just how fundamental travel had become in the landscape painter’s artistic training and in the shaping of his identity. In no other age was the landscape painter, who no longer wished to be seen as representing an inferior genre, more strongly subject to a paradigm of mobility as in the nineteenth century. This even led to the emergence of a new type of painting: the oil study – hastily executed, easily transported, yet at the same time relying on subtly perceived nuances of colour. Its swift execution enabled artists to do justice to nature’s constantly changing appearance depending on time of day, season, and weather. The oil study’s fluent brushwork conveyed a dynamic, travel-induced heightening of perception that lent its subjects a new authenticity.
Within a European context the symposium will be focusing on landscape painting considered as an “art of travel”. Initially reserved to nobility, travelling in the form of the grand tour was taken up by broader social classes as of around 1800, likewise by poets and artists in the wake of Romantic art discourse, and extended its radius with ever-increasing speed in the course of the nineteenth century – from walk, hike and wanderschaft to coach ride, rail journey and sea voyage. The big studios of the history painters were static loci of creation in the cities as they expanded into pulsating metropolises. The landscape art of the period, in contrast, proposed a counter-model. Compared to studio art and its increasingly elaborate oversize formats, it inclined to intimacy and found in the paysage intime, which developed in close symbiosis with the oil study, a trend-setting form that eventually issued in the landscape art of Impressionism. Parallel to the new forms of transport, what one might call “mobile studios” developed, with portable painting chests, long-life tube paints, and card instead of canvas. These could be carried far abroad – to Italy, Greece, North Africa – or used nationally and locally, outside the city gates or in the surrounding countryside – Paris / Barbizon, Munich / Alpine Uplands.
Artists’ journeys undertaken at the behest of noblemen or on diplomatic service can look back on a long tradition. The present enquiry, however, addresses the new motivations for artists’ travel stemming from Romanticism, the genius aesthetic, anti-academic trends, and not least against the backdrop of the major political upheavals of the period. Though in many places the first independent professorships for landscape painting were being founded, the genre rapidly fled the lecture halls to evolve outside of hierarchical structures in mutual exchange between artists and in direct contact with nature. The dynamics of travel shaped the dynamics of the cross-fertilization among landscape painters, enabling the landscape picture to develop into a European art form par excellence. The symposium will trace these interrelationships and at the same time contribute to research on the transfer of new techniques and/or culture. What role did art centres such as Paris or Rome assume? When were they supplemented by new landscape centres, Munich included, and which artists played a key role in the process?
Further, the question arises precisely what the qualities and functions of the oil study were that facilitated its rapid spread, thereby aiding the paysage intime on its road to success. Did the oil study serve purely as a souvenir, a memento in the broadest sense for work in the town studio, or did it offer a field for experiment and familiarization in translating direct perception into the two-dimensional, painted picture? What mutual influences, or competition, existed between the oil study in its memorial function and the traditional sketch, also new media such as early landscape photography? How did painters on their travels acquire the valuable paints that they needed or learn of suitable destinations? Under what conditions did such artists live? How did they earn a livelihood when far from home if they were not part of a financially secure group doing the grand tour? What role did oil studies play among artists? Were they passed on to colleagues and pupils as gifts and/or work aids? What effect did they have on aesthetic taste, and when did they become respectable and/or marketable art objects?
The symposium on landscape painting as an art of travel will take as its starting point the collection of European landscape pictures and oil studies in the Christoph Heilmann Stiftung, housed on permanent loan in the Städtische Galerie im Lenbachhaus since 2013. It will also draw on the rich tradition of Munich landscape painting that had begun to develop as early as the reign of Max Joseph I and especially under the art-loving King Ludwig I. It was in this period that the Bavarian capital became an important centre and destination for European landscape painters.
The symposium at the Städtische Galerie im Lenbachhaus, which aims to explore the subject as interdisciplinarily as possible and from multiple perspectives, will also offer generous opportunities for discussion. This call for papers is broadly addressed to historians of art and culture, literary scholars and researchers, art technologists, and historians of science.

Concept: Claudia Denk, Christoph Heilmann, Andreas Strobl (Christoph Heilmann Stiftung)
The plan is to publish the papers following the symposium. Travel and accommodation expenses will be covered. Please send proposals (max. 3,000 characters) for papers of approximately 20 minutes to: info@Christoph-Heilmann-Stiftung.de
(Closing date for proposals: 22 December, 2014).

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eine Reisekunst?

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