Im Rahmen der „Offenen Hinterbühne“ finden Workshops zur aktuellen Ausstellung „Florine Stettheimer“ im Kunstbau des Lenbachhauses statt. Dabei gehen die drei KünstlerInnen Maximiliane Baumgartner, Mirja Reuter und Florian Gass der Frage nach, wie Stettheimer ihr schillerndes Umfeld auf die Leinwand übersetzte.

von Maximiliane Baumgartner, Mirja Reuter und Florian Gass.

Eine Dame mit einer Pfauenfeder im Hut schreitet die Rampe mit rotem Teppich herab. Vor ihr gießt sich das gesellschaftliche Parkett der Gemäldeausstellung aus, in der sich bereits ein großes Sehen und Gesehenwerden anbahnt. Ein eleganter schwarz gekleideter Herr reißt der Dame die Eintrittskarte ab und fordert sie gleich zum Tanz. Kreisend kommen sie an Erik Satie vorbei, der die Moves für das Video seines neuesten Hits probt. Eine herbeieilende Wahrsagerin sagt großen Erfolg voraus. Nebenan klebt sich Captain Amerika Strasssteine auf sein Jacket.
Eine schwarze Katze schleicht um die Ecke und springt mit einem Satz auf eine große Geburtstagstorte aus Plüsch. Genüsslich reißt sie ein paar Löcher in den Bezug und rollt sich schnurrend darauf ein. In der Modellbauwerkstatt wird fieberhaft an einem großen Turm gearbeitet. Suprematistische Klassik? Weit gefehlt, konstruktive Cinderella! Unter einer aufwendigen Drapage wächst ein riesenhaftes Bouquet mit Schnittblumen aller Art zur Decke. Dahinter sitzt an einem kleinem runden Tisch eine ältere Dame, mit einem zierlichen schwarzen Spitzenschal um die Schultern. Sie legt eine Patience. Eine Malerin mit Pinsel und Palette, im schwarzem Anzug und zinnoberroter Schärpe stöckelt in hohen Sandaletten hinter der Dame vorüber und schaut ihr in die Karten. Ein Windstoß hebt den Saum ihres Kleides.
Unter einer Pagode vollzieht eine Gestalt im saftgrünem Gewand einen leisen Handstand. Im Scheinwerferlicht der Projektion, den Finger in den Schokoladenbrunnen getaucht, holen die beiden PerformerInnen zu ihrer nächsten Episode aus. Die Galeristin sieht`s – Frau Stein beginnt zu schreiben. Ein etwas steif gekleideter Herr mit viel zu großem Hut führt eine Freundin durch die Ausstellung. Sicher ist er steinreich.“Guck mal der Christbaum brennt!“ Sie kramt in ihrer verstaubten Handtasche nach einer Brille, setzt sie auf und rümpft die Nase. Auf der gelben Récamiere mit Sonnenschutz liegt Ettie, in ihre Lektüre vertieft.
Das BetrachterInnenpaar vor dem nächsten Bild! Vor dem nächsten Bild! Matthew, in seinem beigefarbenen Sommeranzug legt dazu eine Schallplatte auf. Doch nicht ohne, dass dies den FreskomalerInnen auf der Staffelei entgangen wäre, den Pinsel in die eisblaue Farbe getränkt, schreiben sie mit bestimmtem Strich:

[OUR PARTIES]
Our Parties
Our Picnics
Our Banquets
Our Friends
Have at last a raison d’etre
Seen in color and design
It amuses me
To recreate them
To paint them

[UNSERE PARTYS]
Unsere Partys
Unsere Picknicks
Unsere Festessen
Unsere Freunde
Haben endlich ihre Berechtigung
Seh ich sie in Farbe und Form
Amüsiert es mich
Sie zu beleben
Sie als Bilder wiederzugeben

In Schwaden frischer Farbe und Kohlestaub legt die Mutter eine weitere Patience. Eine Maus aus dem U-Bahn-Schacht fliegt vorbei, hängt sich kopfüber ins Gebälk eines großen Puppenhauses und schaukelt hin und her. Sie trilliert, trilliert:

[QUEER MR. BAT]
Queer Mr. Bat
Finds day-life flat
So he hangs by hits toes
And sees with his nose

[HERR FLEDERMAUS LEBT ANDERSRUM]
Herr Fledermaus lebt andersrum
Er findet das Tagesleben dumm
Hängt kopfunter an seinen Zehen
Und kann die Welt durch die Nase sehen.
[Ausgewählte Gedichte von Florine Stettheimer aus dem Band „Crystal Flowers“, 1949 von Ettie Stettheimer aus dem Nachlass herausgegeben & übersetzt von Karin Fellner]

Im Hintergrund diskutieren Gauguin und van Gogh, ob moderne Kunst Schmierage sei oder ob man darin auch ein Muster sehen kann. Sehr abstrakt! Marcel Duchamp dreht sich davon genervt ab und zeichnet seinen Schattenriss an die Wand. Eine Gruppe sportlicher Kerle findet das alles ziemlich langweilig. Sie haben sich ein paar Schießbudenfiguren gebaut und gehen zur roten Rampe kegeln.

Die „Offene Hinterbühne“ wurde in Zusammenarbeit mit den KünstlerInnen Maximiliane Baumgartner, Mirja Reuter und Florian Gass konzipiert.

Maximiliane Baumgartner ist Künstlerin und lebt in München. In ihren miteinander verwobenen, situativen Malereien und ortsbezogenen Performances arbeitet sie an der Auflösung von Bild- und Betrachterraum.

Mirja Reuter ist Künstlerin, lebt in Berlin und arbeitet in den Bereichen Installation, Fotografie und Performance, dabei entwirft sie unter anderem Displays, um das Problem des Betrachters seit der Moderne zu thematisieren. Zusammen mit Maximiliane Baumgartner enstand zuletzt die dritte Auskopplung aus der Performancereihe „True Lives of Performers“ auf der abc in Berlin.

Florian Gass ist Künstler und lebt in Berlin. Er ist Teilhaber und Initiator künstlerischer und pädagogischer Kollaborationen, zuletzt: „Die Katzen die den Weltuntergang verschlafen haben“ mit Mirja Reuter.

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