von Elisabeth Giers.

„In office work too you’d be surprised at the pictorial and sculptural motions you make.“ (Ignacio Uriarte)

Seit einigen Wochen ist im Lenbachhaus eine Arbeit des spanischen Künstlers Ignacio Uriarte zu sehen, der dieses Frühjahr auch in der Ausstellung PLAYTIME im Kunstbau des Lenbachhauses vertreten war. „Crumpled and Flattened“ ist der Titel der Wandarbeit, die im Sammlungsbereich Kunst nach 1945 installiert wurde und für die herkömmliche weiße DIN-A4-Seiten als Ausgangspunkt dienten. Papier erfüllt hier nicht die klassische Funktion eines Bildträgers zum Zeichnen oder Malen, viel mehr stehen die neutralen Seiten selbst im Zentrum der Arbeit. Jedes Blatt wurde zunächst einzeln zerknüllt und geglättet, um es anschließend in einem vertikal und horizontal strukturierten Rastersystem an der Wand zu fixieren. Diese einfache und direkte Bearbeitung verleiht dem Papier eine haptische, skulpturale Qualität. In der seriellen Anordnung und durch das Spiel von Licht und Schatten auf den Papieroberflächen entsteht ein reliefartiges Wandbild. Trotz der Reduktion auf eine einfache, geometrische Grundstruktur, der seriellen Wiederholung und schematischen Klarheit ist der visuelle Effekt von „Crumpled and Flattened“ durchaus komplex. Aufgrund der manuellen Bearbeitung sind die industriell hergestellten, genormten Blätter zu unzähligen ‚Unikaten‘ geworden, in ihrer zerknitterten Textur gleicht keine Seite mehr der anderen. Den Künstler interessieren genau diese zufällig entstehenden Strukturen, die Abweichungen vom Uniformen. Was unter anderen Umständen als Abfallprodukt entsorgt werden würde, ordnet er systematisch zu einer Typologie von Fehlern an.

Die Überführung einfacher Materialien wie Druckerpapier, Kugelschreiber oder Linealen in geometrische Formen und abstrakte Kontexte ist typisch für Uriarte, dessen zentraler Bezugspunkt die tägliche Routine von Büroarbeit ist. Uriarte, der zunächst Business Administration studierte und in verschiedenen Unternehmen arbeitete, bevor er sich ganz für die Kunst entschied, leitet seine künstlerische Auseinandersetzung aus den ihm wohl bekannten Kontexten der Büro- und Wirtschaftswelt ab. In seinen zeichnerischen, skulpturalen und akustischen Arbeiten legt er das schier unbegrenzte kreative Potenzial frei, das eine gewöhnliche Schreibtischtätigkeit in sich bergen kann. Dabei orientiert er sich an den routinierten und repetitiven Abläufen von Büroangestellten, entdeckt gerade in den alltäglich und banal erscheinenden Momenten der modernen Arbeitswelt ästhetische Qualitäten.
Auf den ersten Blick mutet „Crumpled and Flattened“ fragil und ephemer an, tatsächlich aber kann diese einmal entwickelte ‚Partitur‘ immer wieder neu realisiert werden. Nach genauen Angaben des Künstlers lässt sie sich je nach Kontext und Fläche auf die jeweilige räumliche Situation anpassen. Entstehungsprozess und Prinzip der Arbeit werden im Titel bewusst offen gelegt. Sie beruhen auf der schlichten Wiederholung einer beiläufigen Geste. Damit wird das Interesse des Künstlers an zeitlichen Abläufen sowie an performativen Momenten alltäglicher, routinierter Tätigkeiten deutlich. Statt Regeln aufzubrechen, agiert er innerhalb eines klar begrenzten und reglementierten Handlungsfeldes. Durch die Dekontextualisierung des standardisierten und industriell produzierten Ausgangsmaterials legt er nicht nur dessen ästhetische Möglichkeiten frei, sondern entwickelt daraus ein ganz eigenes formales ‚Universum‘, das mit Leichtigkeit und Humor auf abstrakte Konzepte der Konzeptkunst und Minimal Art anspielt.

Elisabeth Giers ist wissenschaftliche Volontärin am Lenbachhaus und Kuratorin der Ausstellung PLAYTIME.

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