von Karin Althaus.

Die New Yorkerin Florine Stettheimer verbrachte einen großen Teil ihrer ersten Lebenshälfte in Europa. Mit ihrer Mutter Rosetta Walter Stettheimer und ihren Schwestern Ettie und Carrie Stettheimer lebte sie in den Jahren um 1906 bis 1914 auch immer wieder für längere Zeit in München. Neben Paris wurde München für Florine Stettheimers künstlerische Entwicklung zur prägendsten Station; zeitweise mietete sie hier sogar ein Atelier und nahm Unterricht bei lokalen Künstlern. Ihre Tagebücher geben Einblick, wie intensiv Florine Stettheimer vor allem die Kunst und Theaterszene rezipierte. Doch leider sind diese Aufzeichnungen nur bruchstückhaft erhalten, da Ettie Stettheimer sie nach Florines Tod stark redigierte und insbesondere Persönliches eliminierte. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 kehrten die Stettheimers nach New York zurück. Florine sollte nie wieder nach Europa reisen.

Die Stettheimers besuchten bei all ihren Aufenthalten regelmäßig die Alte Pinakothek, die Große Kunstausstellung im Glaspalast, die Secession, Galerien wie die von Heinemann oder Thannhauser und die großen Schauen im Ausstellungspark auf der Theresienhöhe. Die Kommentare Florines sind in Lob wie in Tadel meist sehr knapp. So schreibt sie etwa am 24. Juni 1909: »Ich machte den Fehler, die Ständige Secession zu besuchen – Dinge, die sie aus der Rumpel-Kammer geholt haben – eine Ausnahme war Corinths Porträt eines Pianoplayers.« (Wohl das Porträt von Conrad Ansorge, heute in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus als Dauerleihgabe der Münchener Secession). (Made a mistake and went in the Ständige Secession – things they unearthed in their Rumpel-Kammer – with the exception of a pianoplayers portrait by Corinth.)
Derselbe Künstler wird vier Tage später, am 28. Juni 1909, kritisiert: »Glaspalast – ich sah tausende Gemälde – das schlimmste war von Corinth, Sklaven in Ketten – sie hätten eingesperrt werden sollen.« (Glaspalast – saw thousands of paintings – The worst was a Corinth called slaves in chaines – they should have been caged.)

Einen Eindruck von der Dichte des Programms gibt dieser Eintrag vom 10. September 1912: »Der Glaspalast ist öde – die Secession hat einige unterhaltsame Dinge – Stucks. Die Pinakothek hat sich verbessert – sie ist gereinigt und einige Abteilungen sind neu gehängt – Tannhausers Moderne Galerie ist reich an Hodler – seine Frauenfiguren schauen so pathetisch geduldig – sie erinnern mich an den traurigen Ausdruck eines einsamen kleinen Jungen. Wir fuhren an Finstermann [?] vorbei. Dort gab es viele [Julius] Hess-Gemälde. Sie sehen aus, als seien sie vor vierzig Jahren gemalt worden. Die Heinemann-Galerie zeigt eine Lucas und Goya Ausstellung, so dass man die beiden vergleichen kann, wie man uns sagt. Wir sahen die Ahnengalerie, die keine Gemäldeausstellung sondern eine Farce ist – und Calderons Stück ›Der standhafte Prinz‹. Schlecht gespielt – aber gut inszeniert.«
(The Glaspalast is öde – the Secession has some entertaining things – Stucks. The Pinakothek has improved – been cleaned up in parts and rehung – Tannhausers Modern Gall. is rich in Hodlers – his females are so pathetically patient looking – they remind me of the triste expression of a lonely little boy. We drove past near Finstermanns […]. And there were many Hess paintings. They look as if the had been painted forty years ago – The Heinemann Gall. have a Lucas and Goya exhibit – so as to be able to compare them as we were told. We saw Ahnengallerie which is not a picture show but a farce –
and Calderons play ‚der standhafte Prinz‘. Poorly played – but well staged.)

Die Qualität von Hotelzimmern und Wohnungsvermietern, das permanent schlechte Wetter und die Hygiene der Deutschen geben immer wieder Anlass zu Bemerkungen, so am 20. Juni 1909: »Villa des Jardins. Wir unternehmen wieder außergewöhnliche Dinge – wir sind in eine Wohnung gezogen und haben gerade ein gut serviertes Abendessen in unserem Esszimmer genossen. Die Vermieterin hat gottseidank bis jetzt in Paris gelebt. Wir haben wieder ein Badezimmer, das erste seit Venedig – es scheint so lange Zeit her – doch ist ein Bad in Deutschland noch immer ein Luxus. […] Hotels verlangen dafür fantastische Preise.« (Villa des Jardins. We are doing extraordinary things again – we have moved into an apartment – and have just had a […] supper well served in our dining room – The landlady thank goodness have lived in Paris until now. We have a bath-room again, which we have been without since Venice – it seems long ago – but a bath is still a luxury in Germany […]. Hotels charge fabulous prices for one .)
Das Sommerwetter war gab auch damals Anlass zu Klagen; am 29. Juni 1909 schreibt Stettheimer: »Es scheint, als würden wir nichts anderes tun als zu frühstücken – dann sitzen wir für eine Stunde rum, weil es so kalt ist und regnen könnte – wenn es nicht regnet – dann gehen wir raus für das Mittagessen. Danach kommen wir nach Hause und es regnet und wir müssen zu Hause bleiben. Es regnet die ganze Zeit, wie üblich – und es ist kalt.« (All we seem to do is to have breakfast – then sit about for an hour in so because it is so cold and could like rain – if it is not raining – then go out and have lunch and come home after lunch and then it rains & we have to stay home. It rains all the time, as usual – and it is chilly.) Am 30. Juni 1909 ist noch keine Besserung in Sicht: »Es ist kälter denn je und regnet wieder in Strömen.« (It’s colder than ever and pouring again.) Am 11. Juli heißt es dann: »Das Wetter ist immer noch garstig kalt und es regnet […]. Wir sahen Faust – im Künstlertheater. Die Aufführung war interessant, aber das Bühnenbild fand ich schrecklich. [Fritz] Erler hat es gestaltet. […] Für mich sah es wie billige Schmiere aus. Und das Haus roch wie üblich, so wie nur ein ungewaschenes deutsches Publikum riechen kann.« (The weather is still beastly cold & raining & […] We saw Faust – at the Künstlertheater. The performance was interesting but the staging I thought horrible. Erler painted the scenery – & designed things […]. To me it looked like a cheap Schmiere. And the house smelt as usual, the way only a German unwashed audience can smell.)

Während die Tage ausgefüllt waren mit Ausstellungen, Lunch- und Tee-Verabredungen mit Freunden und Verwandten, besuchten die vier Frauen abends fast immer Theateraufführungen. Für die Jahre 1907–09 sind zwei Alben von Ettie Stettheimer erhalten, in denen sie die Programme gesammelt hat. Hier als weiteres Beispiel ein Kommentar aus Florines Tagebuch zu Wedekinds »Erdgeist« am 18. Juli 1909: »Gerade zurück vom Schauspielhaus. Die Wedekinds in seinem Erdgeist. Er spielt besser als er schreibt. Ein erbärmliches Stück – und so vulgär. Es ist lustig obwohl es nicht so gemeint ist.« (Just returned from Schauspielhaus. The Wedekinds in his Erdgeist. He acts better than he writes. A wretched play – and so vulgar. It was funny tho‘ it was not meant to be.)

Am selben Tag hatten die Stettheimers übrigens das Lenbachhaus besichtigt, ein Besuch, der hier zum Abschluss nicht unerwähnt bleiben darf: »Wir besuchten Lenbachs Haus – es ist wunderbar – So viele schöne Dinge. Und in der Ausstattung der Räume bewies er exzellenten Geschmack: die Decken, und einige Türrahmen sind schön.« (We visited Lenbachs house – it is wonderful – So many beautiful things. And he displayed exquisite taste in having the rooms fitted out, – the ceilings, and some of the doorways are beautiful.)

Weitere Informationen zu Stettheimers Aufenthalten in München finden sich im Ausstellungskatalog »Florine Stettheimer« im Aufsatz von Emily D. Bilski »Florine Stettheimer in München: Inspirationen für eine ›Malerfürstin‹.«

Karin Althaus ist Sammlungsleiterin am Lenbachhaus und Kuratorin der Ausstellung »Florine Stettheimer«.

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