von / by Nick Mauss.

F. S. Interval I & II sind verspiegelte Hinterglasmalereien, die in die Ausstellungsarchitektur eingebaut wurden. Sie gestalten einen Raum, in dem die Lyrik Florine Stettheimers in Form einer Sound-Installation hörbar wird. Die Gedichte sind von KünstlerInnen sowie Schriftstellerinnen und Schriftstellern vertont worden. Die Kompilation dieser Aufnahmen von Karl Holmqvist / Stefan Tcherepnin, Lorraine O’Grady, Dignity Sister, Ei Arakawa / Sergei Tcherepnin, DJ Complicated, Jutta Koether, Dan Fox, Megan Francis Sullivan, David Lieske, Kim Gordon, Fanki and the Frogs, Bogdan Mooczkowsky / Vilde von Krigh / Mikael D. Brkic, & Steven Warwick / Magnus Schaefer erschien 2012 bei Mathew Records, Berlin, als erste einer neuen Serie von Künstler-LPs.

Stettheimers Werk hat mich über einen langen Zeitraum begleitet (etwa seit 1998). Es bot ständig neue Perspektiven auf historische (und auch auf andere) Zusammenhänge, die sonst durch einfachere oder einfacher nachzuvollziehende Erzählungen verstellt wurden. Insbesondere Stettheimers Gedichte, so stilisiert sie auch sind, erweisen sich als sehr persönlich und gleichzeitig fragiler und zeitkritischer als es die Gemälde sind, jedenfalls auf den ersten Blick. Schon nur das reine Lesen der Gedichte ermöglicht kritische Lektüren von Stettheimers Bildern für die Gegenwart. Diese Gedichte wirken absolut zeitgenössisch. Ich habe verschiedene Personen gefragt, die ich kenne (einige mehr, einige weniger, jedoch längst nicht alles „Freunde“), und deren Arbeiten mich interessieren, ob sie bereit wären, ein Gedicht aus dem Band Crystal Flowers auszuwählen (Ettie Stettheimer hatte ihn aus dem Nachlass von Florine Stettheimers herausgegeben) und die Texte zu sprechen, zu singen, oder auf sonst eine Art zu interpretieren. Ich konnte davon ausgehen, dass die einzelnen Interpreten sehr unterschiedlich mit Stettheimers Lyrik vertraut waren. Ihre Auswahl und die Art, wie sie die Gedichte verarbeiteten, waren jedoch in keiner Weise voraussagbar. Heraus kamen Pop Songs, Collagen, gelesene Gedichte – lebende Interpretationen. Ganz ähnlich wie bei der Textur unserer gegenwärtigen Soziabilität entstand hier kein Salongespräch, bei dem miteinander gesprochen wird, sondern ein aneinander Vorbeisprechen, oder sogar singen, von Individuen, die Strömen des Begehrens folgen. Die Markierungen und Körperspuren auf der Innenseite der Spiegel ergeben einen Raum in dem es von unverbundenen Individuen und Affekten wimmelt, die jedoch irgendwie zusammenhängen.

Als man mich bat, für das Lenbachhaus einen Ort für Florine Stettheimers Gedichte zu entwickeln, entschied ich mich dafür, Impressionen von Räumen zu schaffen, welche die Ausstellung zusammenführen und erweitern, und gleichzeitig die BesucherInnen und den BetrachterInnen zwischen den Gemälden, Maquetten und Dokumenten der Ausstellung prismatisch aufgelöst widerspiegeln. Eines der Intervalle erscheint nun wie eine riesige Drehtür, das andere eher wie ein unendlich sich fortsetzender Spiegel in einem Ankleideraum. Die Intervalle sind eine Einladung, Stettheimers Werk in die Gegenwart zu projizieren und weiterzudenken.
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F. S. Interval I & II are paintings inside of mirrors, built into the architecture of the exhibition to create spaces in which the poems of Florine Stettheimer, as spoken and interpreted by various living artists and writers, are projected as sound. The compilation of sound recordings by Karl Holmqvist / Stefan Tcherepnin, Lorraine O’Grady, Dignity Sister, Ei Arakawa / Sergei Tcherepnin, DJ Complicated, Jutta Koether, Dan Fox, Megan Francis Sullivan, David Lieske, Kim Gordon, Fanki and the Frogs, Bogdan Mooczkowsky/Vilde von Krigh/ Mikael D. Brkic, & Steven Warwick / Magnus Schaefer originated in 2012 as the first in a series of artists’s LP’s published by Mathew Records, Berlin.

Stettheimer’s work had followed me over a long period (since circa 1998), continually offering new perspectives on historische zusammenhänge that had otherwise been blocked by more easily assimilable narratives. And Stettheimer’s poems, in particular (stylized as they may be) offered a highly personal voice, one that was at once both more fragile and more critical than the paintings at first glance appear to be. Reading the poems alone from the book opens up critical readings of the work in the present–these poems seemed absolutely contemporary. I asked various people I knew (some more, some less, by no means all ‚friends‘) or whose work I was interested in, if they would be willing to choose a poem among those published in Crystal Flowers (the anthology published by Ettie Stettheimer after Florine Stettheimer’s death) and to speak, sing, or interpret them in whichever way they chose. I anticipated varying degrees of familiarity with, or projection onto, Stettheimer and her work, but ultimately the choices made by the various contributors, and the way in which they chose to process these poems, was entirely unpredictable. What resulted were pop songs, cut-ups, spoken-word readings–living interpretations. Much like the texture of our current sociability, this is not a salon of conversations to each other, but of individuals channeling streams of desire, speaking, and sometimes singing, past each other. The marks and fragmentary bodies painted into the mirrors are like a chamber full of disconnected individuals and affects still somehow being together.

When asked to think of a space, in which Stettheimer’s poems could be presented within the survey at the Lenbachhaus, I decided to create impressions of spaces that would fold and extend the exhibition, while very self-consciously, prismatically reflecting the viewer among the paintings, models, and documents related to Stettheimer in the exhibition itself. One of the intervals appears to be a giant revolving door, the other is like a dressing mirror mise-en-abysme. This is an invitation to think – and open up projections onto – Florine Stettheimer’s work in the present.

Nick Mauss ist Künstler. Er lebt und arbeitet in New York. / Nick Mauss is an artist, who lives and works in New York.

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