von Katrin Dillkofer.

Dan Flavin versetzt den Kunstbau durch seine Installation UNTITLED (FOR KSENIJA) in farbiges Licht. Die Architektur der langen Ausstellungshalle offenbart sich umso deutlicher als Geschoss zwischen der entsprechend dem Gleisverlauf leicht gekrümmten U-Bahnstation des Königsplatzes und den oberirdischen Straßen. Beim Eintreten in den Raum über die Rampe kommt man den vier Schienen an der Decke, in denen handelsübliche Neonröhen eingesetzt sind, am nächsten. Die linke Schiene ist grün und läuft als einzige von vorne bis nach hinten ohne Unterbrechung durch. Rechts daneben folgen in gleichmäßigen Abständen blau, gelb und rot, die jeweils vom Rund des Medienraumes unterbrochen werden. Das ist alles. Und doch geschieht so vieles: Durch die Positionierung der Lichtschienen ergibt sich ein Zweiteilung des Raumes nach Lichttemperaturen. Linker Hand der Pfeiler ist es eher kühl und nüchtern, während man rechter Hand in eine wärmere Zone gelangt. Die Wände färben sich in Abhängigkeit vom Standort, den wir im Raum einnehmen. Zugleich bleiben die einzelnen Neonröhren materielle Gegenstände. Diese zylindrischen, skulpturalen Körper zeichnen farbige Linien, die sich aufgrund ihrer Helligkeit vom Hintergrund absetzen. Flavin thematisiert in seiner Lichtinstallation den realen (architektonischen) Raum und verwickelt auch die BetrachterInnen in das Spiel des farbigen Lichts. Die Raumerfahrung hier ist derjenigen in einer gotischen Kathedrale nicht unähnlich, weil dort das durch Buntglasfenster eindringende farbige Licht die „irdischen“ Wände entmaterialisiert. Bei Flavin zielt die Raumerfahrung allerdings weder auf Spiritualität noch auf Transzendenz. Die intendierte Wirkung ist profan, sie wird geschaffen von offensichtlich banalen, industriell gefertigen Neonröhren, die Kunstlicht produzieren. Eine dramatische Inszenierung spart Flavin bewusst aus.

Wenn sich Tänzerinnen und Tänzer in UNTITLED (FOR KSENIJA) bewegen, agieren sie auf keiner Bühnenfläche, sondern sind mit dem ganzen Raum des Kunstbaus konfrontiert. Die tanzenden Körper werden zu kinetischen Skulpturen, die ihrerseits in die Erscheinung des Raumes hineinwirken. Als die Tänzerinnen und Tänzer der Trisha Brown Dance Company am 16. Juli einige der „Early Works“ in weißen Shirts und Hosen zeigten, nahmen auch sie – entsprechend ihrer Position im Raum – das farbige Licht auf. Das Licht machte zwischen den Wänden und den Körpern keinen Unterschied. Architektur, Raum und TänzerInnen wurden eins. Trisha Brown choreographiert ihre Tanzstücke ebenso undramatisch wie Dan Flavin einen Raum mit Licht bespielt. Alltägliche Handlungen werden ihrer Zielgerichtetheit entledigt und in mitunter redundante Bewegungsabfolgen zerlegt. Aus diesem Fundus collagiert sie neue Tanzsequenzen. Wie bei Flavin entsteht aus der schieren Tatsächlichkeit des Materials prosaische Poesie.

Katrin Dillkofer ist ehemalige Volontärin im Bereich Gegenwartskunst am Lenbachhaus und wird Mitte November eine Ausstellung im Städtischen Atelierhaus am Domagkpark kuratieren.

 

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