von Judith Csiki.

Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sind im Besitz einer umfangreichen Sammlung von Werken des amerikanischen Künstlers Dan Flavin, der zu den radikalsten Erneuerern der Kunst des 20. Jahrhunderts gehört. Er ist mit einigen seiner Lichtinstallationen in der Pinakothek der Moderne vertreten. Im Rahmen der Ausstellung »Königsklasse II« werden seine Werke auch bis 28. September 2014 im Schloss Herrenchiemsee präsentiert. Neben Dan Flavin sind dort auch Werke von Andy Warhol, Cy Twombly, Arnulf Rainer, Imi Knoebel, Georg Baselitz, Fabienne Verdier, Wolfgang Laib, John Chamberlain und Willem de Kooning aus der Pinakothek der Moderne zu sehen. Die Verbindung von historischer Architektur und zeitgenössischer Kunst entpuppt sich als eine spannungsreiche Symbiose. Vor allem die Lichtinstallationen von Dan Flavin entfalten vor den rohen Backsteinwänden des Nordflügels eine besondere Atmosphäre. Sein Arbeitsmaterial sind Leuchtstoffröhren, sein Medium ist Licht. Seine Werke sind auf einen bestimmten Raum bezogen und können an neue Orte nur unter Berücksichtigung genauer Vorgaben angepasst werden. Sie unterscheiden sich damit grundlegend von konventionellen Gemälden und Skulpturen, die an beliebigen Orten ihre Autonomie bewahren. Die im Obergeschoss des Schlosses gezeigte Barriere »untitled (blue and red fluorecent light)«, 1970, die aus sich seriell wiederholenden Quadraten besteht, verläuft diagonal durch den Saal und trennt ein für den Betrachter unzugängliches Raumsegment ab. Sowohl der zugängliche als auch der unzugängliche Bereich sind einsehbar. Die Quadrate der Barriere werden aus Leuchtstoffröhren gebildet, die rot und blau fluoreszierendes Licht abstrahlen, das den ganzen Raum beherrscht und durch Türen und Fenster hindurch die Architektur flutet. Selbst wenn der Betrachter der plastischen Barriere den Rücken zudreht, befindet er sich noch inmitten des Werks.
Im Untergeschoss wird das Werk „monuments for V. Tatlin“, 1974, gezeigt. Dabei handelt es sich um Leuchtstoffröhren unterschiedlicher Länge in symmetrischer Ordnung, die so zusammengeführt sind, dass ihre Gesamtform bei aller Abstraktheit an die Architektur von Hochhäusern erinnert, die sich nebeneinander zum Wettstreit um das beste und höchste Gebäude erheben. Flavin hat dieses Werk dem russischen Konstruktivisten Wladimir Tatlin gewidmet, der 1920 das berühmte „Denkmal der III. Internationale“ entworfen hatte, welches entsprechend der politischen Utopie nie realisiert wurde. Flavin setzt sich zwar voller Respekt, aber auch aus einer ironischen Distanz – wie die Kleinschreibung im Titel zeigt – mit den Ideen Tatlins auseinander, dessen Denkmal 400 Meter hoch werden sollte.

http://www.pinakothek.de/koenigsklasseII

Judith Csiki ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der International Patrons of the Pinakothek und arbeitet gerade an ihrer Dissertation.

Bildunterschriften:

1
Ausstellungsansicht der Installationen von Dan Flavin und Imi Knoebel:
Dan Flavin, »monument« for V. Tatlin I, 1964, Leuchtstoffröhren (siebenteilig);
Lichtfarbe »Cool White«, 244 x 71,5 x 12 cm
2008 Schenkung der American Patrons of the Pinakothek
© Estate of Dan Flavin / VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Dan Flavin, »monument« for V. Tatlin, 1969, Leuchtstoffröhren (siebenteilig);
Lichtfarbe »Cool White«, 305 x 71,5 x 12 cm
1999 von PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne erworben
© Estate of Dan Flavin / VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Imi Knoebel, Roter Ritter, 1981
Holz, Eisengestell, Acryl, 245,5 x 199,5 cm
1995 von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen erworben
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014
Foto: Nicole Wilhelms, Haydar Koyupinar

2
Ausstellungsansicht der Installation von Dan Flavin ‘Untitled (blue and red fluorecent light)’ 1970, seit 2013
Leihgabe des Dan Flavin Estate an die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen
© Estate of Dan Flavin / VG Bild-Kunst, Bonn 2014
Foto: Nicole Wilhelms

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