Von Walter Heun.

Als Hommage an Dan Flavins „UNTITLED (FOR KSENIJA)“ findet in diesem Sommer eine Performance-Reihe aus Werken des amerikanischen Postmodern Dance sowie neuen zeitgenössischen Arbeiten im Kunstbau statt, deren choreografisches Schaffen sich in enger Verbindung zum amerikanischen Minimalismus geformt hat. Walter Heun von JOINT ADVENTURES hat die Performance-Reihe kuratiert und gibt hier fünf Buch- und DVD-Tipps für alle, die sich näher mit dem Judson Dance Theater und der Schnittstelle Bildende Kunst – Tanz – Performance beschäftigen wollen.

1. Stephanie Rosenthal: Move. Choreographing You – Art and Dance since the 1960s. London, 2011
Move. Choreographing You war eine große Ausstellung der Hayward Gallery London, dem Haus der Kunst München und der Kunstsammlung NRW Düsseldorf über das fruchtbare Zusammenspiel von zeitgenössischer Kunst und zeitgenössischem Tanz in den vergangenen 50 Jahren. Anhand ausgewählter Künstler und Choreografen wurde ihr gemeinsames Interesse an alltäglicher Bewegung, Balance und dem Körper im Raum präsentiert und gegenübergestellt. Der Band startet mit Allan Kaprow’s 18 Happenings in 6 Parts aus dem Jahr 1959, das von der britischen Choreografin Rosemary Butcher, die Ende August mit einer neuen Arbeit im Kunstbau gastieren wird, 2010 neu erfunden wurde. Es folgen Beiträge zu den Künstlern des New Yorker Judson Dance Theater – Trisha Brown, Yvonne Rainer, Simone Forti, sowie Essays zu wichtigen aktuellen zeitgenössischen Choreografen, die an der Schnittstelle bildende Kunst – Tanz – Performance arbeiten, wie z.B. Boris Charmatz, Xavier Le Roy, Tino Seghal oder Marten Spangberg. Ergänzt werden diese Ausführungen von Aufsätzen renommierter Theoretiker auf diesem Gebiet: André Lepecki, Susan Leigh Foster, Peggy Phelan und Stephanie Rosenthal, Herausgeberin des Buches und Chefkuratorin der Hayward Gallery in London.

2. Gerald Siegmund: Abwesenheit. Eine performative Ästhetik des Tanzes – William Forsythe, Jérôme Bel, Xavier Le Roy, Meg Stuart. transcript Verlag, Bielefeld, 2006
Seit der klassischen Moderne gilt das Flüchtige als Merkmal des Tanzes. Damit verbunden ist die Frage nach der Präsenz des Tanzes als einer Kunstform, die an die leibhafte Gegenwart von Körpern auf der Bühne gebunden ist. In diesem Spannungsfeld begreift der Gießener Theaterwissenschaftler Gerald Siegmund in Abwesenheit als jene Kategorie, die das kritische und selbstreflexive Potential des Tanzes als Kunst- und Bühnenform ausmacht. Sein Buch leistet einen wesentlichen Beitrag zu einer ästhetischen Theorie von Performance und Theater. Die vier großen Kapitel zu den wichtigen zeitgenössischen Choreografen William Forsythe, Jérôme Bel, Xavier Le Roy und Meg Stuart bieten subtile Interpretationen. Zwischen Stückbetrachtung und philosophischer Reflexion entsteht ein komplexes Bild darüber, was es heißt, auf der Bühne vor Publikum zu tanzen und diesem Tanz vom Parkett aus zuzusehen.

3. Sally Banes: Terpsichore in Sneakers. Post-Modern Dance. Wesleyan University Press, Middletown, 1987
Sally Banes Buch ist ein Klassiker der neueren Tanzgeschichte über den Postmodernen Tanz. Die Amerikanerin gibt in ihrer kritischen Studie einen historischen Überblick über das Phänomen des Postmodernen Tanzes. Sie konzentriert sich darin auf die wichtigsten Vertreter –Yvonne Rainer, Steve Paxton, Trisha Brown, David Gordon, Simone Forti, Lucinda Childs, Deborah Hay, Meredith Monk, Douglas Dunn und The Grand Union. Banes analysiert die verschiedenen Stile und Motivationen in den künstlerischen Arbeiten Terpsichore in Sneakers ist eine exzellente Einführung zu den Künstlern des Judson Dance Theater.

4. Trisha Brown: Early Works (1966-1979). ARTPIX Notebooks, 2004 (Doppel-DVD)
Trisha Brown – Ikone des amerikanischen Postmodern Dance – wurde 1961 Teil der legendären Judson Dance Bewegung und revolutionierte den modernen Tanz mit ihren abstrakten Tanzminiaturen. Brown ging es um die Schaffung reiner, neutraler Bewegung. Wer im Juli das Gastspiel der Trisha Brown Dance Company im Kunstbau verpasst hat, kann auf diesen beiden DVDs Originalaufnahmen der Early Works sehen. Die erste DVD enthält Film- und Videomaterial von 18 Performances, die Brown zwischen 1966 und 1979 geschaffen hat. Die Begleit-DVD zeigt ein Gespräch mit Trisha Brown und dem Kunsthistoriker Klaus Kertess. Darin erzählt Brown über ihre Tanzausbildung, ihre ersten Jahre in New York, sowie ihre Arbeit beim Judson Dance Theater und kommentierte einige ihrer Arbeiten.

5. Siobhan Davies und David Hinton: All This Can Happen. 2012 (Film)
All This Can Happen ist ein gänzlich aus alten Fotoaufnahmen und frühen Filmaufzeichnungen choreografierter Film der britischen Choreografin Siobhan Davies, die mit ihrer Performance-Installation Table of Contents vom 19. bis 21. August im Kunstbau zu Gast ein wird, und dem britischen Filmemacher David Hinton. Ausgehend von Robert Walsers Novelle „Der Spaziergang“ (1917) folgt der Film dem Seelenzustand eines Spaziergängers. Als Serie kleiner ästhetischer Abenteuer mit eigenwilligen Beobachtungen von alltäglichen Begebenheiten zeigt der Film ein pathologisches Wechselbad aus Komik und Weltschmerz. All This Can Happen ist ein flackernder Tanz aus verblüffenden Bilderwelten, komplexen Gegenüberstellungen, ein raffiniertes Spiel mit Geschwindigkeit und Split Frames. Davies und Hintons Film wurde bereits auf verschiedenen Festivals, Galerien und Museen u.a. in Rotterdam, Buenos Aires, Hong Kong, San Francisco und Berlin präsentiert.

Nächste Möglichkeiten Tanz im Kunstbau des Lenbachhauses zu sehen: 19. – 21.August jeweils 16 – 22.00 Uhr Table of Contents von Siobhan Davies Dance und zum Abschluss 28. – 30.August ein neues Stück von Rosemary Butcher, die sie gemeinsam mit 4 Münchner Tänzerinnen für den Kunstbau erarbeitet.

Walter Heun ist künstlerischer Leiter und Geschäftsführer von JOINT ADVENTURES – ein freier Münchner Veranstalter, der im Bereich des zeitgenössischen Tanzes und in anderen zeitgenössischen Kunstdisziplinen agiert. In enger Kooperation mit regionalen, nationalen und internationalen Partnern kuratiert und veranstaltet Walter Heun mit JOINT ADVENTURES Festivals, Gastspielreihen, Residenzprogramme, Workshops, Symposien und ein choreografisches Kurzfilmprojekt im öffentlichen Raum. Zudem setzt er sich seit Jahren erfolgreich für die strukturelle Förderung sowie den Austausch zwischen deutschen und internationalen Künstlern und Veranstaltern ein, um die Präsenz deutscher Tanzschaffender im In- und Ausland zu stärken. Die wichtigsten Projekte von JOINT ADVENTURES sind die TANZWERKSTATT EUROPA, ACCESS TO DANCE, CHOREOGRAPHIC CAPTURES und das NATIONALE PERFORMANCE NETZ. JOINT AVENTURES ist außerdem Mitbegründer und seit 1994 Ko-Veranstalter der TANZPLATTFORM DEUTSCHLAND. Seit der Spielzeit 2009/2010 ist Walter Heun künstlerischer Intendant des Tanzquartier Wien.

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