von Anna Metz.

Das Selbstbildnis von Josef Scharl aus dem Jahr 1929 ist 80,5 x 65,5 cm groß und zeigt den Maler im Dreiviertelporträt, leicht nach links gewandt und nach rechts blickend. Scharl stellt sich hier vor monochrom dunkelgrünem Hintergrund in schwarzem Jackett und sorsgam geknüpftem Schal dar. Er zeigt sich in einfachem Gewand, das seinen Beruf nicht erkennen lässt. Ab 1929 legt er besonderen Wert auf die Darstellung der Furchen auf seiner Stirn und die Ausmodellierung seiner markanten Nase. Es geht ihm um die Darstellung der Wirklichkeit und nicht um „Schönmalerei“. Der Mensch steht im Mittelpunkt seines Schaffens.

Josef Scharl ist 1896 in München geboren und lernte dort an der Kunstakademie. Obwohl er seiner Heimatstadt München stets treu blieb, unternahm er zahlreiche Reisen nach Rom, Amsterdam und Paris. Entscheidende Anregungen für seinen künstlerischen Werdegang zog er aus der Malerei Vincent Van Goghs. Neben Porträts widmete er sich sozialkritischen und antimilitaristischen Bildthemen. Seine Kunst wurde im Dritten Reich als „entartet“ diffamiert. Folglich musste sich Scharl mit erschwerten Arbeitsbedingungen auseinandersetzen und emigrierte 1938 über die Schweiz nach New York. Das Exil war von Sorgen und Entbehrungen geprägt, erst in den letzten Jahren vor seinem Tod wurde er in die USA eingebürgert und erfuhr vermehrt Anerkennung für sein Werk.

Das 1929 entstandene Selbstbildnis wurde im Oktober desselben Jahres von der Städtischen Galerie im Lenbachhaus vom Künstler erworben.
Dass Scharl aufgrund seiner sozialkritischen Einstellung von den Nazionalsozialisten zu den „entarteten“ Künstlern gezählt wurde, trug dazu bei, dass das Selbstbildnis im Zuge einer „Säuberungsaktion“ im Jahr 1937 aus dem Bestand des Lenbachhauses entfernt wurde. Die Geschichte dieses Bildes lässt sich anhand der historischen Inventarbücher des Lenbachhauses nachverfolgen. Unter der Inventarnummer des Werkes (G 11032) findet man im Bestandsbuch von 1952 einen Eintrag zu dem Selbstbildnis mit Angaben zu Technik, Größe und Bildinhalt. Zusätzlich findet sich hier jedoch der Vermerk „Wiederaufnahme; früher G Nr 1577“. Dieser Verweis deutet darauf hin, dass das Werk bereits unter einer anderen, jüngeren Nummer im Bestand geführt wurde. Geht man nun in der Geschichte noch einen Schritt zurück und sucht sich das sehr viel ältere Bestandsbuch aus dem Jahr 1929 heraus, trifft man unter der Inv. Nr. G 1577 abermals auf einen Eintrag zu Scharls Selbstbildnis und dessen Erwerbung 1929. Zugleich aber findet sich der Verweis „Ausgeschieden. Siehe Abg. Verzeichnis“. Das entsprechende Abgabeverzeichnis gibt über den Verbleib von Kunstwerken, die aus dem Bestand des Lenbachhauses ausgeschieden wurden, wichtige Aufschlüsse. Unter der jeweiligen Abgangsnummer des Bildnisses findet man einen Eintrag mit dem Verweis: „ausgeschieden auf Grund d. Beschlusses der Kunstbeiräte v. 12.2.37“. Aufgrund des Beschlusses der Kunstbeiräte und unter Genehmigung des damaligen Oberbürgermeisters Karl Fiehler wurden 1937 insgesamt 64 Kunstwerke aus dem Bestand des Lenbachhauses ausgeschieden. Dazu zählt Josef Scharls Selbstbildnis ebenso wie Arbeiten von Willi Geiger, Fritz von Uhde, Edgar Ende und Gabriel von Max. Ein Großteil davon konnte jedoch nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder in den Sammlungsbestand aufgenommen und mit neuen Nummern versehen ein zweites Mal inventarisiert werden. Josef Scharls Selbstbildnis wurde 1952 wieder in den Bestand zurück genommen. Die Wiederaufnahme fällt damit genau in die Zeit, in der sich Scharl langsam mit seinem Werk in den USA, seinem Exil, etablieren konnte. Somit spiegelt die Geschichte des Selbstbildnisses die Lebensgeschichte Josef Scharls in gewisser Weise wider.

Anna Metz studiert Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians Universität in München und ist Praktikantin in den Abteilungen Provenienzforschung und Sammlungsarchiv der Städtischen Galerie im Lenbachhaus.

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