von Trang Vu Thuy.

Die zunehmende Digitalisierung unseres Alltags ist keine neue Erkenntnis und ein sehr kontrovers diskutiertes Thema. Das Internet, das mobile Telefon bzw. das Smartphone, GPS oder die damit verknüpften medialen Praxen sind zu einem selbstverständlichen Bestandteil unserer Gegenwart geworden. Einige mögen darin eine Bedrohung sehen, viele aber erkennen in der Digitalisierung auch große Vorzüge. Die Technik ist da und scheint unaufhaltsam. Musik, Filme, Bücher und Magazine erwerben, gebrauchen, speichern oder teilen wir mittlerweile zunehmend digital.

Die private Bibliothek in einem handlichen Gerät versammelt zu haben, hat ohne Frage praktische Vorteile. Denkt man beispielsweise an den Urlaubskoffer, der um einige Kilos weniger wiegen kann, oder die verbesserte Ökobilanz, wenn wir vom gedruckten Buch auf das elektronische Pendant umstiegen. Gleichwohl sind alle Stimmen, die sich gegen die digitale Buchform aussprechen nachvollziehbar und berechtigt: Es ist selbstverständlich ein ganz anderes Leseerlebnis, wenn wir ein gedrucktes Buch aus Papier in der Hand halten, auf den Seiten persönliche Notizen einfügen oder dieses mit anderen Menschen tauschen können.

Die digitale Version des Kataloges zur Ausstellung PLAYTIME als E-Book war von der Idee motiviert, die ausgestellten Kunstwerke zum Thema Arbeit anhand von vielseitigen Textbeiträgen und Abbildungsmaterial einem möglichst breiten Publikum kostenfrei zugänglich zu machen. Print-Ausgaben sind teuer und nicht jeder kann sich diese leisten, während viele Menschen PCs und mobile Geräte besitzen. Das Gratis- E-Book ist insofern ein demokratisches Medium – ganz im Sinne des visionären E-Book Erfinders Michael S. Hart, Literatur frei und unbegrenzt verfügbar zu machen.

Tom Ising (42) und Caroline Villis (27) von der Agentur Herburg Weiland sprechen in diesem Interview mit mir über Ihre persönlichen Erfahrungen sowie über die Vor- und Nachteile von E-Books aus der gestalterischen, aber auch aus einer ganz persönlichen Perspektive.

Ihr arbeitet bereits seit vielen Jahren mit dem Lenbachhaus zusammen und habt auch schon einige Print-Kataloge für das Haus entworfen, aber wie sehen eure Erfahrungen im Bereich E-Book aus?
TI: Der Ausstellungskatalog zu PLAYTIME ist tatsächlich das erste E-Book, welches wir gestaltet und technisch umgesetzt haben. Für uns war das eine ganz spannende Aufgabe.

Wie habt ihr euch diesem neuen Feld angenähert?
CV: Am Anfang war die große Frage, wie man eine digitale Publikationen veröffentlichen kann und für uns bedeutete es zunächst herauszufinden, welche verschiedenen Möglichkeiten es heutzutage überhaupt gibt, um möglichst vielen Menschen, möglichst schnell einen Katalog zugänglich zu machen.

TI: Und letztlich die optimale Lösung für das Lenbachhaus zu finden. Es gibt grundsätzlich drei Optionen. Einmal die Umwandlung in ein PDF-Format. Das wäre die einfachste Variante und ist nicht unüblich. Viele Ausstellungskataloge sind heute als PDF erhältlich. Das E-Book wäre die zweite Möglichkeit und entspricht noch am meisten dem „klassischen“ Buch, weil es nicht nur auf Tablets funktioniert, sondern auf so genannten speziellen „E-Book-Readern“ nutzbar ist. Die dritte Möglichkeit wäre die Entwicklung eines E-Magazines gewesen, welche in Richtung einer APP (digitale Applikation) gedacht zwar mehr Interaktivität und spielerische Möglichkeiten geboten hätte, allerdings auch wesentlich aufwendiger und in diesem Fall auch nicht unbedingt notwendig gewesen wäre. Es wurde im Zuge der Gespräche recht schnell klar, dass das E-Book die beste Lösung gewesen ist, um einen Ausstellungskatalog online zu publizieren und zu vertreiben.

Und warum fiel die Entscheidung auf das E-Book?
TI: Das E-Book als digitale Buchform entsprach auch dem Konzept von Matthias Mühling im Kontext der Ausstellung PLAYTIME einen Katalog herzustellen, der möglichst vielen Menschen kostenfrei zur Verfügung steht. Wir sehen es auch bereits an den aktuellen Download-Zahlen. Der Katalog wurde seit März um die 1500 Mal heruntergeladen. Das ist eine enorme Summe, wenn man an den üblichen Verkauf von Print-Katalogen denkt.

Worin liegt der Unterschied bei der Gestaltung eines „klassischen“ Print-Buches im Vergleich zu einem E-Book?
CV: Bei der Gestaltung eines E-Books ist es eine komplett andere Herangehensweise. Ein klassischer Print-Katalog ist in Doppelseiten aufgebaut und hat natürlich zudem ein Buchcover, welches in der Gestaltung mitgedacht wird. Während man bei einem E-Book eine Voransicht hat und einseitige Flächen graphisch und textlich arrangieren muss. Das E-Book hat zudem relativ begrenzte Gestaltungsmöglichkeiten, da der Leser bzw. User die Oberfläche verändern kann. Die Schriftgröße und Schriftart sowie Bildgröße kann verkleinert oder vergrößert werden, welches zur Veränderung der Oberfläche führt und somit bei der Seitenaufteilung eine sehr eingeschränkte Gestaltung zulässt. Diese Dinge müssen bei der Gestaltung mitkalkuliert werden, während die Typographie, Anordnung und Proportionen von Bild und Schrift bei gedruckten Katalogen festgelegt werden kann. Das E-Book birgt zwar gestalterische Schwierigkeiten für uns (grinst), aber für den E-Book Nutzer ist es natürlich super, diese Funktionen auszuprobieren und nutzen zu können.

Wie viel Einfluss haben die KuratorInnen bei der Gestaltung des E-Books genommen?
TI: Wie bei jeder Produktion werden sinnvolle Lösungen gesucht, die mit den vorgegebenen Inhalten abgestimmt werden. Wir haben im Bezug auf den PLAYTIME Katalog zunächst einige Dummys mit einem bestimmten Layout und einer Auswahl an Seitenentwürfen vorab entwickelt und unsere Ideen in Absprache mit den KuratorInnen letztlich umgesetzt.

Was habt ihr als herausfordernd empfunden?
TI: Der digitale Katalog zu PLAYTIME erforderte insofern besondere Überlegungen, weil er ungleich zu „klassischen“ E-Books sehr viele Abbildungen enthält.

CV: Daher hatten wir anfangs auch die Befürchtung, dass das E-Book bei ca. 80 Bildern die übliche Dateigröße sprengt, denn das E-Book ist vornehmlich für Texte ausgelegt. Allerdings haben wir es technisch gut lösen können und ich denke, dass das Resultat sich durchaus sehen lassen kann.

TI: Zusätzlich haben wir versucht das Aussehen des E-Books auch an die Form und Gestaltung des Coporate Designs der gedruckten Kataloge des Lenbachhauses anzupassen. Darin lag die besondere Schwierigkeit, aber auch der Aspekt, dass das E-Book keine festgelegten Seitenzahlen hat. Je nachdem wie man das Tablett in der Hand hält, ob horizontal oder vertikal, oder je nachdem wie die Präferenz der Schrift- bzw. Textgröße des E-Book-Nutzers aussieht, wirkt sich jede Veränderung auf das komplette Layout und die Anzahl der Seiten aus. So ist diese Komplexität bei der Entwicklung und Programmierung eines E-Books nicht zu unterschätzen.

Würde es euch nach dieser Erfahrung reizen weitere E-Books zu gestalten?
TI und CV: Jetzt können wir es ja! (lachen)
TI: Natürlich würden wir das gerne wiederholen, wobei wir von Herburg Weiland aus dem Bereich des klassischen Designs kommen und vornehmlich gedruckte Bücher gestalten. Uns interessiert es dabei einen gewissen Standard zu bewahren und ästhetisch hochwertige Bücher zu entwickeln, die insbesondere durch gewisse Druckformen und Materialien gestalterisch interessant sind. Bei einem E-Book ist es in Bezug auf Konsumierung, Rezeption und Leseerlebnis etwas ganz anderes. Die klaren Vorteile liegen darin, dass eine Vielzahl an Büchern portabel und in einem Gerät versammelt sind. Wenn wir in die Zukunft blicken, bin ich der Meinung, dass beides parallel existieren und seine Daseinsberechtigung haben wird. Es wird immer Menschen geben, die gedruckte Bücher lieben, doch gleichzeitig wird auch die Bedeutung des E-Books zunehmen.

Besitzt Ihr persönlich E-Books?
CV: (lacht)
TI: Ich habe eine kleine Auswahl an E-Books, weil ich mich damit beschäftige und es mich interessiert. Allerdings muss ich gestehen, dass ich anfangs beim Kauf meines ersten Tablets sofort fünf, sechs E-Books heruntergeladen und diese auch gelesen habe, aber seither hat sich meine elektronische Bibliothek nicht vergrößert. (schmunzelt) Ich lese persönlich gerne und viel, aber lieber Bücher. Nicht so sehr aus ideologischen Gründen, sondern ich mag gedruckte Bücher, weil die Optik und das Gefühl der unterschiedlichen Größen, Materialien und Strukturen beim Lesen für mich wichtig ist.
CV: Hm. (…) Bisher habe ich keine E-Books gelesen und auch noch einen großen Stapel an „normalen“ Büchern, die ich gerne lesen möchte. Es liegt, aber eventuell auch daran, dass ich erst seit kurzer Zeit ein Tablet besitze, wobei ich bereits einige Aufsätze aus dem PLAYTIME Katalog gelesen habe. Ich taste mich daher langsam an die digitale Version heran. (lacht)

Das E-Book zur Ausstellung Playtime kann als PDF-Version auf Anfrage über presse-lenbachhaus@muenchen.de angefragt werden.

Trang Vu Thuy ist Volontärin in der Abteilung für Kommunikation in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus.

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