von Marlene Gauß und Martina Oberprantacher.

Es ist Dienstag Abend, 18 Uhr, im Kunstbau des Lenbachhauses. Besucher und Besucherinnen der Ausstellung PLAYTIME versammeln sich zum gemeinsamen Gespräch mit Beate Engl, eine Münchner Künstlerin, deren Werk in der Ausstellung zum Thema Arbeit vertreten ist. Ein beige- und rotfarbener Bürostuhl ist auf einem fünfseitigen Sockel montiert, der mit einem grauen, büro-anmutenden Teppich bezogenen ist. Der Sockel ist von Lebensgröße, so dass sich der Betrachtende ungefähr auf Augenhöhe mit dem Fußgestell befindet. Von dort aus wird dieser Stuhl – nach Aufforderung der Künstlerin – mittels einer am Sockel angebrachten Kurbel auf spielerische wie kraftaufwendige Weise durch einen Anwesenden in Gang gesetzt. Erreicht der Stuhl den höchsten Punkt und der Teilnehmende das Höchstmaß des Kraftaufwandes, nimmt der mechanische Prozess eine Eigendynamik an und das Büroutensil dreht sich plötzlich in seine Ausgangsposition zurück. Beate Engls „Burnout Machine“ (2014) ist in der verglasten Nische am Kopf des Kunstbaus platziert, wo der Ausblick auf die Rolltreppen der Münchner Verkehrsvertriebe eine formal-ästhetische Verbindung zum Bürostuhl herstellt. Das geschäftige Treiben der beförderten Menschen im urbanen Raum kann durchaus mit dem Rotieren des Büroutensils und dem Rotieren der vielen Gedanken im Kopf einer geistig arbeitenden Person – ob KünstlerIn, Büroangestellte/r oder anderes mehr – in Zusammenhang gebracht werden.

„Burnout Machine“ bildet den Ausgangspunkt des Dialogs zwischen Künstlerin, Vermittlerin und den Teilnehmenden. Im Gespräch und in der notwendigen Interaktion mit dem Werk werden die inhaltlichen Bezüge schnell erfahrbar. Als eine Künstlerin, deren inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeit zum festen Bestandteil ihres Schaffens zählt, überlegt Beate Engl mit „Burnout Machine“, wie sich Arbeit in der heutigen Zeit gestaltet – nicht zuletzt auf selbstreflexive Weise. Stellvertretend stehen die hier aufgeführten Insignien für ihre Beobachtungen der allgemeinen sowie ihrer eigenen Arbeitswelt. Denn auch als Künstlerin entwickelt sie Ihre Ideen und Entwürfe überwiegend am Schreibtisch.
Die Stress-Spirale moderner Arbeitswelt mit dazugehöriger Maschinerie – „die vielleicht sogar deren Ursache ist“ (Beate Engl) – wird hier interaktiv spürbar. So ist auch der mit grauem Büroteppich bezogene Sockel nicht nur ein formaler, sondern auch ein inhaltlicher Verweis auf die Bürowelt und ihren Alltag. Die Rotation und das kinetische Moment spielen in Beate Engls Arbeiten eine große Rolle. Ist in der kinetischen Kunst die Bewegung ein integraler ästhetischer Bestandteil des Kunstobjekts, so bildet die Interaktion des Rezipienten und die damit verknüpfte Kraftanstrengung in „Burnout Machine“ eine Notwendigkeit, ohne die das Werk unvollständig wäre.

Ausgehend von diesem bildhauerischen Objekt entwickeln Beate Engl und Martina Oberprantacher im Dialog Bezüge zu anderen Werken der Ausstellung. Die Arbeiten von Ignatio Uriarte, Mladen Stilinovi?, Richard Serra sowie auch das Musikvideo von Donna Summer werden somit zum Gesprächsanlass, um die künstlerische und geistige Arbeit sowie die Bürotätigkeit – auch die einer Künstlerin oder eines Künstlers – gemeinsam zu vertiefen und um den Dialog für alle Beteiligten zu öffnen. Die in diesem Zusammenhang entstandene Diskussion über die gegenseitige Bedingtheit und Nutzbarmachung künstlerischer Strategien wie die anderer Arbeitsfelder hat ein eng gefasstes Verständnis produktorientiertes Kunstschaffens stark infrage gestellt.

Doch was ist ein gemeinsamer Dialog zwischen „mehr oder weniger eingeweihten“ Personen für die Kunst und ihre Vermittlung? Oder – anders gefragt: Was fehlte im Rahmen dieses Gesprächs und was wäre notwendig gewesen, um über künstlerisches Arbeiten und über das Thema Arbeit mit seinen vielen Facetten zu diskutieren? Eine Möglichkeit, so scheint es nun rückblickend, um künstlerisches Arbeiten sowie das Thema Arbeit an sich konkreter zu vertiefen und erfahrbar zumachen, wäre zur Diskussion zu stellen, wie sich die Künstlerin – oder auch wir BesucherInnen – uns die Kunstwerke „erarbeiten“. Also das Transparentmachen, was zum einen dem dialogisch geführten Rundgang vorausging – nämlich die aktive Beschäftigung Beate Engls mit den von ihr gewählten Werken anderer Künstler und Künstlerinnen und die Vorbesprechung mit der Kunstvermittlerin Martina Oberprantacher – und zum anderen die unmittelbare Wahrnehmung und Beschäftigung mit den Werken vor Ort durch die gesamte Gruppe. Eine konkrete Erprobung und das Heranführen der Künstlerin an ihre persönliche Vorgehensweise in der Betrachtung und Analyse der Werke anderer Kunstschaffender und eine gemeinsame Diskussion darüber, wäre mit Sicherheit aufschlussreich gewesen, um eine Brücke zwischen geistiger und physischer Arbeit nicht nur zu reflektieren, sondern auch anzuwenden.

Marlene Gauß studiert Fachdidaktische Vermittlungswissenschaften- Mediating Culture an der Universität Augsburg und ist Praktikantin im Bereich Kunstvermittlung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München.

Martina Oberprantacher ist Kunstvermittlerin in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.