von Marlene Gauß.

Nerviges Babygeschrei, stillende Mütter, stinkende Windeln und sperrige Kinderwägen. Eine absolute Horrorvorstellung jener MuseumsbesucherInnen, die nichts anderes im Sinn haben als in kontemplativer Stille die Werke im Ausstellungsraum zu genießen. Muss das wirklich sein, dass nun auch Erwachsene und ihre Babys den Museumsraum für sich erobern?

Martina Oberprantacher, Kunstvermittlerin am Lenbachhaus, sagt nein zu einem solchen klischeebeladenen Bild. Allerdings entschieden ja zu einem Format, das sich dieser angesprochenen Zielgruppe widmet. Denn zur Vermittlungsaufgabe eines Museums zählt es, bestehende Ausschlussmechanismen aufzubrechen und durch das Vermittlungsangebot verstärkt Personen in das Museum einzubinden, denen ein Zugang zu kulturellen Angeboten erschwert wird. So auch die Frischgebackenen, die auf Grund ihres Babys besondere Bedürfnisse – wie Still- und Wickelpausen – haben.
Nach eigenen Angaben würden sie ohne ein spezifisches Angebot keine Ausstellung besuchen, aus Angst andere Besuchende oder Teilnehmende zu stören oder durch das von den Institutionen vermittelte Gefühl des Nichtwillkommenseins. In einer Führung, die sich ausschließlich einer Gruppe mit babyspezifischen Bedürfnissen widmet, haben die Beteiligten das Gefühl, mit ihrem “Problem” Kind und dem Wunsch nach kulturellen Angeboten, angenommen zu sein.

Die grundsätzliche Idee zu dieser Führungsreihe entstand jedoch nicht aus dem alleinigen Gedanken heraus neue Zielgruppen zu gewinnen, sondern wurde während der inhaltlichen Vorbereitung der Ausstellung PLAYTIME im Kunstbau des Lenbachhauses geboren – eine Ausstellung, die sich mit dem Thema Kunst und Arbeit beschäftigt. Dabei geht es unter anderem um die Frage, wie sich die Arbeit von KünstlerInnen darstellt, aber auch um die feministische Perspektive auf die Arbeitswelt. Sie bietet Anlass zum Nachdenken über das Arbeitsfeld der Hausfrau, des Hausmanns, oder der Mutter und des Vaters. KünstlerInnen und Eltern finden sich in einer ähnlichen Situation wieder. Beide gehen einer Tätigkeit nach, die häufig mit vielen Klischees behaftet ist. Parallel dazu werden sie in einer leistungsorientierten Gesellschaft weder als genuine, noch als wirtschaftskonforme Arbeitstätigkeiten wahrgenommen und erfahren somit Geringschätzung. Ein spannendes Thema, das förmlich danach schreit, mit den Betroffenen direkt in den inhaltlichen Dialog zu treten.

Diese Blogreihe soll das Pilotprojekt Frischgebacken, das bewusst Erwachsene mit ihren Babys in die Ausstellung PLAYTIME im Kunstbau des Lenbachhauses einlädt, begleiten und mit je unterschiedlichen Fragestellungen unter die Lupe nehmen. Denn die Institution Museum ist ein Komplex aus vielen unterschiedlichen AkteurInnen und daran geknüpfte Verantwortlichkeiten, die für das Gelingen eines neuen Vermittlungsprogramms verantwortlich sind. Beispielsweise müssen die RestauratorInnen die Sicherheitslage – je nach Ausstellungsgröße und Exponatauswahl der KuratorInnen – der Kunstwerke bewerten. Diese könnten durch robbende Babys sowie rollende Kinderwägen gefährdet sein. Im Umkehrschluss muss allerdings auch die Sicherheit der Babys durch die Kunstwerke gewährleistet werden. Maßgeblich ist nun auch der Betriebsdienst gefordert, der den Auftrag bekam, einen funktionalen und ansprechenden Wickeltisch zu bauen, der genug Platz lässt, um einen olfaktorisch sicheren Windeleimer zu integrieren.

Diese AkteurInnen sind somit an einer gemeinsam Reflexion darüber beteiligt, welche Bedeutung ein solches Format für die unterschiedlichen Abteilungen hat. Außerdem gilt es darüber nachzudenken, ob und inwieweit institutionale Veränderungen und Bedeutungsebenen im Prozess erzeugt werden. Bevor allerdings die ersten Praxisentwürfe in die Testphase gingen, galt es die Zielgruppe sowie die inhaltliche Ausrichtung dieses Formates zu klären. Grundsätzlich sollen sich Erwachsene, Eltern – leibliche oder nicht leibliche Mütter wie Väter – Personen mit Erziehungsverantwortung, alle angesprochen fühlen, die in irgendeiner Form frisch geborene Babys betreuen und an einem kulturellen Angebot teilnehmen möchten. Um nicht Gefahr zu laufen, dass der Titel der Veranstaltung ein frühkindliches Bildungsangebot verspricht, wurden Vorschläge wie Kunst und Kind, Baby trifft Museum oder Babys mit Begleitung abgelehnt. Auch der Vorschlag Schrei doch! hat es nicht in die Endrunde geschafft. Dieser Titel klingt, als könnte das Kind an der Garderobe abgegeben werden und sich der Besucher genüsslich und entspannt der Kunst widmen – ganz nach dem Motto: Ist mir doch egal, ob du jetzt schreist! Wenigsten wäre hier eindeutig, dass es sich um eine Veranstaltung für Erwachsene handelt. Irritierend erschien auch die Idee Wir wollen viele Babys. Natürlich wünschen wir uns viele Babys, nicht nur in der Ausstellung PLAYTIME, sondern auch mit Blick auf den demographischen Wandel wären viele Babys wünschenswert. Schwingt in einer solchen Formulierung jedoch möglicherweise der konkrete Aufruf zur Babyproduktion mit? Letztendlich wurde Frischgebacken zum Namensgeber der Veranstaltung gewählt, in der Hoffnung, dass der Begriff ein möglichst heterogenes Erwachsenenpublikum anspricht, nicht zuletzt, um das stereotype Familienbild zu hinterfragen. Wer sich schließlich hinter den Frischgebackenen verbirgt und welch spannende Themen unter dem Stichwort Fremdbestimmung durch ein Baby in den ersten Testläufen verhandelt wurden, dazu beim nächsten Mal mehr.

Marlene Gauß studiert Fachdidaktische Vermittlungswissenschaften- Mediating Culture an der Universität Augsburg und ist Praktikantin im Bereich Kunstvermittlung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München.

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