von Trang Vu Thuy.

Mit einem Smartphone ist der Schnappschuss von einem selbst in nur Sekunden gemacht, kann nach Vorlieben mit der Foto-Sharing App Instagram in diversen Retrolooks gefiltert und sofort mit Freunden auf Facebook, Twitter oder ähnlichen Netzwerken geteilt und in den großen Kosmos des Internets weltweit verbreitet werden.

Ob Popstars, Politiker oder Durchschnitts-Smartphonenutzer – sie tun es alle. Das schlüpfrige, alberne, melancholische oder sexy Selbstporträt hat seinen Siegeszug begonnen, als Handy-Kameras und soziale Netzwerke eine scheinbar untrennbaren Bund eingingen. Fast ein Jahrzehnt ist es her, dass die ersten Aufnahmen mit ausgestrecktem Arm oder vor dem Spiegel entstanden und die Welt eroberten. Heutzutage sind Selfies zu einem globalen Massenphänomen geworden. So ist es kaum verwunderlich, dass das New York Times Magazine den Neologismus Selfie auf Platz 9 der Unwörter des Jahres 2012 wählte. Im Netz kursieren mittlerweile unzählige Bilder mit dem Hashtag #selfie oder #me. Selbst das renommierte Oxford English Dictionary hat nun die Popularität und Bedeutung des Begriffs Selfie (an-) erkannt und zum Wort des Jahres 2013 gekürt.

Das Selbstportrait ist keinesfalls eine Neuerfindung, doch mit dem Beginn der Fotografie und insbesondere des digitalen Zeitalters haben sich die Möglichkeiten der Selbstdarstellung auf radikale Weise verändert. In der Kunst hat das Selbstbildnis eine lange Tradition und ist – wie auch das Selfie – häufig ein Mittel der Imagepflege und Selbstinszenierung gewesen. Entscheidend ist dabei die Pose, die Gestik und der Gesichtsausdruck, aber auch die dargestellten Attribute.

Franz von Lenbach der Münchner „Malerfürst“ des 19. Jahrhunderts und Hausherr der Städtischen Galerie im Lenbachhaus war ein gefeierter Porträtist seiner Zeit und würde wohl heute zu den Experten dieser Gattung zählen. Aus dem Lenbach’schen Nachlass sind zahlreiche gemalte sowie fotografierte Selbstbildnisse aller Altersstufen des Künstlers dokumentiert. Zwar entsprach seine Malweise der Tradition der alten Meister, aber schon früh bediente er sich dem damals noch sehr jungen Medium der Fotografie. Im „Selbstbildnis mit Frau und Töchtern“ (1903) hält der Künstler zu seiner rechten Hand den Selbstauslöser der Kamera versteckt und beugt sich zu seiner älteren Tochter in das Bild hinein. Auf der Vorlage der fotografischen Aufnahme entstand, wie viele der Gemälde Lenbachs, auch das berühmte Familienbild mit seiner zweiten Ehefrau Lolo von Hornstein und den Töchtern Marion sowie Gabriele. Dieses Portrait der Familie Lenbach wäre im heutigen Sprachgebrauch wohl unter der Kategorie „Gruppen-Selfie“ einzuordnen, welche neben dem Selfie ebenfalls äußerst beliebt ist.

Das Phänomen Selfie ist mittlerweile nicht nur in den Medien und in der Wissenschaft ein viel diskutiertes Thema, sondern erfährt bereits eine Auseinandersetzung im musealen Bereich. Das New Yorker Museum of Modern Art zeigte erst im vergangenen Jahr die Arbeit “Art in Translation: Selfie, The 20/20 Experience” von Patrick Specchio, welcher den Selfie-Trend exemplarisch hinterfragt. Franz von Lenbach wäre möglicherweise vom Selfie- sehr begeistert gewesen, denn er war ein Künstler, der die Öffentlichkeit nicht scheute und einen durchaus ausgeprägten Sinn für die Vermarktung seiner Persönlichkeit besaß. Mit dem Selfie hätte er sicher seine ohnehin enorme Bekanntheit um ein Vielfaches steigern und vermutlich nicht nur zahlreiche Follower in Europa, sondern rund um den Globus für sich gewinnen können.

Trang Vu Thuy ist Volontärin in der Abteilung für Kommunikation in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

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