von Leslie Weissberg.

Gestern vor mehr als einhundert Jahren, am 18. Dezember 1911, eröffnete in der Modernen Galerie Thannhauser in der Münchner Theatinerstraße eine Ausstellung mit dem Titel „Der Blaue Reiter“, ein Ereignis, welches wir heutzutage mit einer der wichtigsten Künstlergruppe sowie deren 1912 publizierten Almanach in Verbindung bringen. Der Name artikuliert bereits den avantgardistischen Anspruch der Künstler und markiert zugleich den Ausgangspunkt einer der impulsgebendsten Kunstrichtung Ihrer Zeit.

Vorangegangen waren in der Galerie Thannhauser 1909 und 1910 bereits zwei Ausstellungen der Neuen Künstlervereinigung München (N.K.V.M.), welcher Wassily Kandinsky und Franz Marc als Vorstandsmitglieder angehörten. Beide Ausstellungen der N.K.V.M. wurden von heftigen Kontroversen begleitet und stießen in der Öffentlichkeit viel mehr auf Kritik als auf Akzeptanz. Nach Ihrem knapp zweijährigen Bestehen wurde die junge Vereinigung jedoch durch immer stärker hervortretenden künstlerischen Gegensätze in zwei Lager gespalten und so erfolgte am 2. Dezember 1911 schließlich der endgültige Austritt von Kandinsky und Marc aus der N.K.V.M.

Kurz darauf organisierten sich Marc, Kandinsky und dessen Lebensgefährtin Gabriele Münter neu und versuchten für ihr Vorhaben, weitere Künstler aus Deutschland sowie den angrenzenden europäischen Ländern zu gewinnen. Weiterhin im Kontakt mit der Galerie Thannhauser wurde nun eine neue Ausstellung geplant. Rund 50 Werke sollten präsentiert werden, darunter Arbeiten von Kandinsky, Marc und Münter selbst, aber auch die Werke Ihrer gleichgesinnten Künstlerfreunde, wie August Macke, Albert Bloch, David und Wladimir Burljuk, Heinrich Campendonk, Robert Delaunay, Elisabeth Epstein, Eugen von Kahler, Bloé Niestlé, Henri Rousseau und Arnold Schönberg. Nicht nur stilistisch waren die Kunstwerke äußerst verschieden. Zu ihrer Programmatik gehörte vor allem der Bruch mit dem tradierten künstlerischen Kanon – so finden sich unter den 140 Abbildungen des gleichnamigen Almanachs neben eigenen Werken und Textbeiträgen von Malern, Komponisten und Kritikern unter anderem auch Kinderzeichnungen und Objekte der Volkskunst sowie außereuropäischer Kulturen. Neben der Malerei, Bildhauerei sollten zudem die zeitgenössische Musik sowie poetische und philosophische Schriften gleichberechtigt nebeneinander präsentiert und gegenübergestellt werden. Zu den erklärten Zielen der Blauen Reiter zählte zudem die Hinwendung zur Abstraktion, die nicht nur zu einer Vergeistigung der Kunst, sondern auch auf die Bereiche der Kultur und Gesellschaft übertragen werden sollte.

In den Fotografien von Gabriele Münter lässt sich die Hängung der ausgestellten Exponate sehr gut nachempfinden und im Vorwort des Ausstellungskatalogs wird deutlich, dass die Idee der internationalen Ausrichtung sowie die Gleichbehandlung der verschiedensten Künste im Vordergrund standen. Die Ausstellung fand unter den Künstlern positiven Anklang, allerdings verlief sie – ungleich ihrer heutigen Rezeption und Bedeutsamkeit – recht unspektakulär. Lediglich acht Bilder wurden während der ersten Ausstellung verkauft, darunter erwarb der große Kunstmäzen Bernhard Koehler fünf Exponate, die übrigen kauften die Künstler sich gegenseitig ab. Nach dem Ausstellungsende am 3. Januar 1912 wanderte die Münchner Schau weiter in den Gereonsklub nach Köln und anschließend nach Berlin sowie Bremen, Hagen und Frankfurt.

Die umfassende Sammlung Blauer Reiter mit zahlreichen Werken von Wassily Kandinsky, Franz Marc, August Macke, Gabriele Münter sowie Paul Klee und Robert Delaunay können Sie seit der Wiedereröffnung des Lenbachhauses in unserer aktuellen Schausammlung besichtigen. Das Lenbachhaus präsentiert die Kunstwerke der Blauen Reiter vor farbigen und unterschiedlich gestalteten Wänden, die im Zuge der Generalsanierung und Wiedereröffnung unter anderem zusammen mit den Künstlern Franz Ackermann, Thomas Demand, Olafur Eliasson und Katharina Grosse entworfen wurden. Bereits 1992 hat das Lenbachhaus – ungleich dem damals vorherrschenden Prinzip des „White Cubes“ – als eines der ersten Museen die Arbeiten der Blauen Reiter vor dunkelroten, gelben und blauen Wänden gezeigt. Diese besondere Form der farbigen Ausstellungspräsentation – damals ein innovativer und höchst gewagter Schritt – ist mit umfangreichen Forschungsarbeiten begleitet worden und im Katalog Farbige Wände: zur Gestaltung Ausstellungsraumes von 1880 bis 1930 nachzulesen. Vor allem, aber zeigten die Künstler der Blauen Reiter in ihrer ersten Ausstellung gestern vor 100 und 2 Jahren, am 18. Dezember 1911, nicht nur ihre künstlerischen Visionen einer abstrakten Malerei, sondern präsentierten ihre Werke in den Räumen der Galerie Thannhauser auch vor einem schwarzen Hintergrund. Auf diese Weise konnte die Leuchtkraft und Intensität der Farben ihrer Kunst viel stärker hervortreten, eine Wirkung die auch mit der farblichen Akzentuierung in der Neupräsention der Sammlung Blauer Reiter im Lenbachhaus versucht wird nachzuempfinden.

Weiterführende Literatur:
Ausst. Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München: Der Blaue Reiter und das neue Bild. 1909-1912, hrsg. von Annegret Hoberg und Helmut Friedel, Prestel Verlag München 1999.

Ausst. Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München: Farbige Wände: zur Gestaltung Ausstellungsraumes von 1880 bis 1930, hrsg. von Marion Ackermann, Edition Minerva Wolfratshausen 2003.

Leslie Weissberg ist Studentin am Institut für Kunstgeschichte der LMU und Praktikantin in der Abteilung für Kommunikation im Lenbachhaus.

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