Bevor das Lenbachhaus 2009 für vier Jahre anlässlich der Generalsanierung schließen musste, wagte Helmut Friedel in dem Zusammenhang ein weiteres Experiment: Er ließ für die letzten zwei bis drei Jahre vor der Schließung vier Ausstellungsräume der Blauen Reiter-Sammlung von jungen zeitgenössischen Künstlern gestalten und somit in direkten Dialog mit Wassily Kandinsky, Franz Marc, August Macke und Alexej Jawlensky treten. Für die Neugestaltung wurde zunächst die Hängung der Ausstellungsräume im Jahr 2006 neu gruppiert, so dass die Säle des Blauen Reiter nun jeweils einer Künstlerin oder einem Künstler gewidmet waren, während die Jahre zuvor eine stärker chronologische, teilweise durchmischte Hängung gezeigt worden war. Dann waren vier Künstlerinnen und Künstler eingeladen worden, mit denen bereits Einzelausstellungen im Lenbachhaus veranstaltet worden waren und deren Werke wesentlich zum Bestand der Sammlung des Lenbachhauses gehören, um sich jeweils mit einem Künstler des Blauen Reiter und seinem Raum auseinander zu setzen: Franz Ackermann, Thomas Demand, Katharina Grosse und Olafur Eliasson. Dabei ging es um die Klarheit der eigenen künstlerischen Position und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten, aber auch um den Respekt gegenüber der Kunst dieser Protagonisten der Moderne. Es handelte sich also nicht um eine Frage des Geschmacks und des Stils, sondern allein um eine Verstärkung und Klärung beider Positionen. Franz Ackermann entschied sich für den Raum mit den Gemälden von Franz Marc, Thomas Demand wählte August Macke, Katharina Grosse hatte sich Alexej Jawlensky als Gegenspieler ausgewählt und Olafur Eliasson eröffnete mit einer Lichtsteuerung im Kandinsky-Raum erneut die Diskussion über den weißen Ausstellungsraum, den White Cube.

Im 2013 schließlich neu eröffneten Lenbachhaus setzt sich diese Diskussion weiter fort. Wieder finden sich die Arbeiten der Künstler des Blauen Reiter in den neuen Ausstellungsräumen auf farbigen Wänden präsentiert, diesmal jedoch mit weit mehr Nuancen nicht nur in der farblichen Gestaltung, sondern auch hinsichtlich der jeweils sehr facettenreichen materiellen Umsetzung. Helmut Friedel hat damit noch einmal sehr eindrucksvoll und überzeugend seine Auffassung formuliert, dass farbige und unterschiedlich strukturierte Wände die Ausdruckskraft der darauf gehängten Bilder steigern.

Nach der Umgestaltung der Räume des Blauen Reiter mit farbigen Wänden wurde im Bereich der ständigen Ausstellung Ende 1996 eine vollständige Renovierung der historischen Lenbachräume vorgenommen. Die Renovierungsmaßnahmen galten vor allem der Erhaltung brüchig gewordener Dekorationen, insbesondere der reich dekorierten Decken, der Klimatisierung der Räume, der Erneuerung der Wandbespannungen sowie der Restaurierung der Einrichtungsgegenstände. Nachdem der historischen Bedeutung der ehemaligen Repräsentationsräume Lenbachs im ersten Stock zuvor jahrelang nur wenig Rechnung getragen worden war und die Räume auch für andere Zwecke und Ausstellungen wie Mondo Cane mit Arbeiten von Gerhard Merz mit genutzt worden waren, sind sie seit den umfassenden Renovierungsarbeiten ausschließlich der Kunst Franz von Lenbachs und der von ihm ausgewählten Ausstattung gewidmet: »Bei der Wiederherstellung der Räume Lenbachs haben wir versucht, anhand historischer Aufnahmen diese Säle in seinem Dekorationsstil wieder einzurichten. Der ganz besondere Umgang Lenbachs mit seinen eigenen Bildern im Zusammenklang mit Kunstwerken aus unterschiedlichsten Epochen erlaubt heute wieder einen guten Einblick in seinen Lebensstil und seine künstlerische Vorstellungswelt. Insbesondere in einem Haus, das sich dem Aufbruch der Moderne mit seiner Sammlung der Bilder des Blauen Reiters widmet, kann dieses Ambiente aus dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts eine Vorstellung vermitteln, wogegen diese jungen Künstler opponierten.«(Zitat Helmut Friedel, Vorwort Jahresbericht Lenbachhaus 1994-1998, München 1999, S.6) An diesen Überlegungen hat Helmut Friedel auch nach der Generalsanierung des Museums festgehalten.

Zwei Jahre später erfolgte 1998/1999 unter Aufsicht von Helmut Friedel als Vorsitzender der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung außerdem die vollständige Renovierung des Münter-Hauses in Murnau, die ebenfalls dringend erforderlich war, um das gesamte Haus als Museum und Gedenkstätte für die Zukunft zu erhalten. Es gelang, das ursprüngliche Aussehen des sogenannten Russenhauses im Äußeren wie auch in der Inneneinrichtung der Räume wieder herzustellen und damit heutigen Besuchern Einblick in die Welt von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky in Murnau aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zu geben. Beide renovierten historischen Orte, die Villa Franz von Lenbachs und das Haus von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky, machen die Gegensätze zweier Epochen anschaulich erfahrbar und zeigen, was es bedeutete, innerhalb weniger Jahre das 19. Jahrhundert gänzlich zu überwinden und eine grundsätzliche Erneuerung der Kunst zu erreichen, wie es Wassily Kandinsky und seinem Kreis gelungen ist.

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