von Trang Vu Thuy.

Gerhard Richter ist ein Künstler, mit dem die Städtische Galerie im Lenbachhaus seit vielen Jahren sehr eng zusammenarbeitet. Neben einer Reihe weiterer Arbeiten besitzt das Lenbachhaus mit dem „Atlas“ das wohl umfangreichste Werk im Œuvre des Künstlers. Seit 1962 dokumentiert der „Atlas“ den künstlerischen Werdegang Richters und erlaubt Einblicke in seine Gedankenwelt.

Der „Atlas“ stellt nicht nur eine Art gigantisches Werkbuch, sondern auch das künstlerisch-biografische Bildverzeichnis dar. Darin versammeln sich unzählige Fotografien, Zeitungsausschnitte, Reproduktionen, Notate und Skizzen, die zu thematischen oder motivischen Bildeinheiten gruppiert sind. Der „Atlas“ ist nicht nur die visuelle Offenlegung der künstlerischen Ideen, sondern führt uns als Betrachtern die verschiedenen Stadien des künstlerischen Weges vor Augen und erlaubt uns so, an Gerhard Richters Schaffens- und Denkprozess teilzuhaben. Signalisiert der Titel „Atlas“ den Anspruch, die gesamte Breite des bildnerischen Repertoires darzustellen, zu ordnen und verfügbar zu machen, so löst das Kompendium diese Erwartungen nur bedingt ein. In vielen Fällen bieten die Tafeln tatsächlich Aufschluss zu den Gemälden; interessanter sind möglicherweise jedoch die Bildmotive und Themen, für die Gerhard Richter zunächst keine Bildlösungen fand und die ihn immer wieder beschäftigten.

„Gerhard Richter – ATLAS MIKROMEGA“ ist die hundertste Ausstellung Gerhard Richters in München und zum fünften Mal präsentiert die Städtischen Galerie im Lenbachhaus den „Atlas“. Bereits 1989, bevor der „Atlas“ in die Sammlung gelangte, wurde das Werk – damals zählte man noch 472 Tafeln – unter Direktor Armin Zweite im Lenbachhaus als Auftakt einer großen Ausstellungstournee präsentiert. Zu dieser Zeit dominierten vor allem die Fotografien der ersten Tafelblöcke, schätzungsweise 3700 einzelne Vergrößerungen und Reproduktionen, Privatfotos aus Familienalben, Ausschnitte aus Zeitungen und Zeitschriften. Konzentrierte sich die Auswahl anfangs noch auf schwarzweiße Bilder, arbeitete Richter ab Ende der 1960er Jahre verstärkt mit Farbaufnahmen. Variierten zu Beginn noch die Formate, so setzte sich bald eine Standardisierung durch. Nun überwiegen Natur- und Landschaftsaufnahmen, wie zum Beispiel die Serie von Eisbergen in Grönland, Stillleben, sehr persönliche „intime“ Aufnahmen von Richters Tochter Betty und seiner damaligen Ehefrau Isa Genzken. Einen Höhepunkt bildet die Serie der bearbeiteten „Baader-Meinhof-Fotos“, die Richter aus dem „Stern“ und dem „Spiegel“ übernahm und bearbeitete.

Nachdem der „Atlas“ Gerhard Richters auf bedeutenden Stationen wie dem Walker Art Center in Minneapolis (1992) und dem Dia Art Center of Arts New York (1995) gezeigt wurde, sicherte der Kulturausschuss des Münchner Stadtrats dem Lenbachhaus den Ankauf des „Atlas“ zu. Drei Jahre später präsentierte Direktor Helmut Friedel das Bildkompendium erneut, das seit der Schau im Jahr 1989 um 162 neue Tafeln angewachsen war. Neben zahlreichen Werkskizzen, Entwürfen für das Haus und dem Atelier Richters sowie Reiseaufnahmen fanden vor allem Blumen und Landschaften Eingang in den „Atlas“. Gerhard Richter hatte von Anfang an seine Bildmotive im „Atlas“ nicht in einer starren Reihenfolge systematisiert, sondern stets wieder in neue inhaltliche Kontexte gesetzt und verstärkt nach formalen Kriterien organisiert, sodass die Tafeln geradezu eine bildhafte Qualität besitzen.

In einer weiteren Ausstellung unter dem Titel „Verweile doch… Die Sammlung VII“ präsentierte das Lenbachhaus im Jahr 2002 den „Atlas“ neben Werken von Roman Opalka, On Kawara, Nikolaus Lang, Bill Viola, Hanne Darboven, Michael Wesely und Tatsuo Miyajima. In diesen Kontext wurde Richters „Atlas“ mit künstlerischen Positionen in Beziehung gesetzt, die sich mit der Visualisierung von Zeit auseinandersetzen. Dabei bestimmt der „Atlas“, der damals schon mehr als die Hälfte des gesamten Ausstellungsraumes im Kunstbau einnahm, die Zeit als subjektive Lebens- und Schaffenszeit des Künstlers. Mit den chronologisch gehängten Bildtafeln wird nicht nur die Entwicklung des Künstlers, sondern auch die Zeit als Abfolge von Bildern, Wahrnehmungen aus öffentlichen und privaten Quellen erfahrbar.

In der vierten Schau „Gerhard Richter – Atlas“ im Sommer 2005 zeigte das Lenbachhaus den reich angewachsenen „Atlas“ neben über 100 Gemälden. So wurde ein Spannungsbogen durch Richters gesamtes Werk von seinen Anfängen 1963 bis zu den aktuellsten Bildern gespannt, das die unterschiedlichsten Themen und malerischen Möglichkeiten versammelte. Wie kein anderer versteht es Richter, das abbildende Element in seiner Malerei überzeugend und repräsentativ für die Kunst der letzten 50 Jahre auszuformen und gleichzeitig neue Möglichkeiten der abstrakten Darstellung aufzuzeigen. Die Gemälde sind aus der Dialektik zwischen dem Abbildenden und Ungegenständlichen entstanden, den beiden Gegenpolen, die Wassily Kandinsky zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorausschauend als die großen Themen der neuen Kunst erkannt hatte. Damit stellen sie eine ständige Herausforderung für den Betrachter dar. Der Gegenstand wird durch den Verzicht auf Farbe, durch Unschärfe oder durch Größenveränderung der Erfassbarkeit entrückt, die ungegenständlichen Bilder holen auf unterschiedliche Weise, wie durch spiegelnde Oberflächen oder mittels haptischem Farbauftrag, Körperlichkeit ins Bild.

Für die aktuelle und mittlerweile fünfte Ausstellung wählte Helmut Friedel mit dem Untertitel „MIKROMEGA“ (griechisch: klein / groß) einen Begriff, der das grundlegende Prinzip des „Atlas“ deutlich macht. Heute umfasst er 802 Tafeln. Mit den neu hinzugekommenen und (vorerst) letzten 16 Tafeln lassen sich Kontinuitäten wie auch Neuerungen in Richters Werk ablesen. Sie visualisieren seine aktuellen Projekte in Toyoshima, Planungsentwürfe für Fassaden und Installationen, sie zeigen aber auch Landschaftsaufnahmen der Inseln Juist und Teneriffa.

Der „Atlas“ ist ein Werk, welches den Künstler von Beginn seines Schaffens begleitet hat und möglicherweise erst zu seiner Vollendung gelangt, wenn Gerhard Richter sich in den künstlerischen Ruhestand begibt. So ist gerade der Prozess und die Kontinuität das besondere Charakteristikum des „Atlas“ und lässt darauf hoffen, dass weiteres Material in Gerhard Richters Schubladen gesichtet, bearbeitet, zusammengestellt und systematisiert wird und wir weiterhin an seinem Bildgedächtnis teilnehmen können.

Gerhard Richter: ATLAS MIKORMEGA
23. Oktober 2013 – 09. Februar 2014
Der Kunstbau befindet sich im Zwischengeschoss der U-Bahnstation Königsplatz
Lenbachhaus München, Luisenstr. 33, 80333 München

Trang Vu Thuy ist Volontärin in der Abteilung für Kommunikation in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

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