von Ronja Lotz.

Die meisten Museumsgänger sind es gewohnt, in ruhiger Atmosphäre Kunstwerke kontemplativ zu betrachten. Das „Einfühlen“ in Themen, die stille Bewunderung für das handwerkliche Geschick der Künstler oder die Freude beim Wiedererkennen von Werken können mögliche Reaktionen auf die Kunstbetrachtung sein. Stille Räume sowie möglichst viel Platz bei der Hängung sind für einen gelungenen Museumsbesuch deshalb Voraussetzung, oder etwa nicht?

Was passiert, wenn ein Kunstwerk all das überhaupt nicht bietet?
Die Städtische Galerie im Lenbachhaus präsentiert im ersten Stockwerk der neu umgebauten Ausstellungsräume ein Werk von Monica Bonvicini, das die Meinungen des Publikums spaltet. Die in Venedig geborene Künstlerin füllt den Raum komplett mit einer Eisenstahlkonstruktion – ähnlich wie ein Baugerüst, an dem sechs SM-Liebesschaukeln an schweren Eisenketten hängen. Befremdlich wirkt dies in dem kühlen, fast klinischen Licht. Das Werk heißt „Never Again“ und „bitte nicht nochmal“ denken sich wohl auch einige Besucher, die kurz einen verschüchterten Blick auf das Werk werfen und dann schnell weiter in die nächsten Räume eilen. Interessanterweise reagieren hier Kinder ganz anders: Eine willkommene Abwechslung, denn die Kunst darf benutzt werden und so beginnen sie häufig auf den Schaukeln herumzuturnen.

Verkannte Kunst? Eigentlich kann man das nicht sagen, denn genau diese Reaktionen sind es, welche die Künstlerin hervorrufen will. Einige Hinweise für den Kunstkonsum à la Bonvicini sind jedoch vielleicht hilfreich.

1. Kunst zum Anfassen:
Wenn Sie müde sind (Museumsbesuche erschöpfen ja doch bisweilen etwas), legen Sie sich ruhig in die Schaukeln. Diese bestehen aus zwei SM-Slings, die miteinander durch Leder oder Nieten verbunden sind und können sehr bequem sein. Durch diese Verbindungen wird den Schaukeln die „anrüchige“ Kontextualisierung genommen, da sie für den Sexualakt nun unbrauchbar sind. Was bei der Betrachtung bleibt ist jedoch die Erinnerung an bestimmte Herrschaftsverhältnisse sowie dominantes oder devotes Verhalten, was mit der ursprünglichen Nutzung der Slings einhergeht. Bonvicini sagte in einem Interview selbst dazu: „[…] es war klar, dass das Publikum bei den Sling-Matten aus Leder an einen Sadomaso-Club denken würde, auch die, die noch nie in einem gewesen waren.“ Alleine das Zitieren von Gegenständen aus dem SM-Bereich reicht aus, um bei manchen Besuchern Unbehagen auszulösen. Unbehagen bedeutet aber nicht gleich Ablehnung, es entspringt vielmehr einem Zweifel an den Verhältnissen. An dieser Stelle sei erneut auf das unbefangene Verhalten von Kindern verwiesen, die von dieser Art der sozialen Codierung nicht vorbestimmt sind und einen Heidenspaß auf den Schaukeln haben können – nicht dass das für Erwachsene ausgeschlossen wäre…

2. Kunst zum Hören:
Der Krach und das Klirren der schweren, viel zu langen Metallketten, an denen die Schaukeln aufgehängt sind, ist durchaus gewollt und kann auch anliegende Räume erfüllen. Die Künstlerin meint dazu selbst, dass sie das Geräusch immer wieder beeindruckt, denn je nachdem wie viele der Schaukeln gehängt sind, variiert der Ton und natürlich auch die Intensität.

3. Kunst zum Verstehen:
Bonvicini spielt in dem gesamten Werk auf eingeprägte soziale Verhaltensmuster beim Betrachter an. Wie sind es Menschen gewohnt, sich in bestimmten Umgebungen – hier im musealen Kontext – zu benehmen? Übt die Architektur Macht auf uns aus? Zwingt sie uns etwa zu einem bestimmten Verhalten? Vielleicht ja sogar zu dem ruhigen andächtigen Betrachten von Kunst. „Nicht wir bestimmen Räume, sondern sie uns“, so die Künstlerin dazu. Aber dennoch bleibt dem Betrachter die Wahl offen, wie mit der präsentierten Raumsituation und deren sozialer Codierung umzugehen ist. Die 48-Jährige will diese einstudierten Rollen brechen und fordert das Publikum zur Aktion auf. Die daraus resultierenden akustischen Reize wirken sich wie eine Kettenreaktion auf andere Besucher aus, die sich eventuell außer Sichtweite um die Ecke befinden oder sich niemals getraut hätten, im Museum etwas anzufassen.

Um die Ecke muss man bei Monica Bonvicini vielleicht nicht unbedingt denken. Es reicht sich die Zeit zu nehmen neugierig zu bleiben und eventuell ein „Again, Please!“ statt einem „Never Again“ zu wagen. „Schön, wenn das Publikum mal vergisst, dass es in einem Museum ist“, so die Künstlerin über das Werk.

Ronja Lotz ist Studentin der Kunstgeschichte an der LMU München und schreibt gerade an ihrer Magisterarbeit.

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