von Trang Vu Thuy.

Und wer ist hier der Boss?
Unsere Reihe der Köpfe im Lenbachhaus geht nun zu Ende und ich habe den wohl wichtigsten Kopf des Lenbachhauses dazu befragen können, wie seine verantwortungsvolle Aufgabe als Direktor seit mehr als drei Dekaden aussieht. Helmut Friedel kennt nicht nur jedes einzelne Kunstwerk in der Sammlung, sondern mittlerweile sicherlich auch jede Schraube des Lenbachhauses. Er hat das Haus mit seiner Person und seinen Visionen geprägt und das Großprojekt von vier Jahren Generalsanierung und Umbau verantwortet. Helmut Friedel ein Kopf, der mit allen „Museumswassern“ gewaschen ist.

Was es bedeutet ein Museum zu leiten, sich für Dinge stark zu machen und nicht nur seine Mitarbeiter für Ideen zu begeistern, sondern auch die Sympathie und das Vertrauen verschiedenster Künstler, Sammler, Sponsoren, Politiker, sowie der Besucher immer wieder für das Lenbachhaus zu gewinnen – darüber spricht Helmut Friedel in diesem Interview.

Herr Friedel, Sie sind seit 36 Jahren am Lenbachhaus tätig und seit 1990 Direktor des Hauses. Können Sie uns Ihre komplexe Tätigkeit kurz beschreiben?
Als Leiter eines Museums muss man versuchen, die Richtung vorzugeben, in die sich ein Haus entwickeln soll und wie sich die Sammlungen für die Besucher darstellen sollen. Diese Aufgabe muss man verantwortlich betreiben. Dazu gehört natürlich auch, dass man mit den Mitarbeitern einen Dialog pflegt und die Begeisterung, die man für eine bestimmte Sache selbst verspürt, übertragen kann. In der jüngsten Zeit habe ich den Neu- und Umbau des Hauses verantwortet. Dabei habe ich von Anfang versucht, unsere Ideen zu integrieren, weil wir als Museum natürlich ganz spezifisch ästhetische Ziele verfolgen. Eine weitere, wesentliche Aufgabe einer Leitung ist, dafür zu sorgen, dass genügend Gelder für bestimmte Projekte vorhanden sind und sie somit realisierbar zu machen. Neben dem städtischen Etat haben wir verschiedene Quellen, die wir im Laufe der Zeit entwickelt haben, wie z. B. unseren Förderverein oder Sammler, sowie Sponsoren, mit denen wir zusammenarbeiten. Aus einer Vielzahl an Quellen speist sich letztlich so die „Nahrung“, mit der wir das Haus füllen können.

War der Umbau des Lenbachhauses Ihre bisher größte Herausforderung?
Es war mit Sicherheit eine große Herausforderung insofern, dass es sehr viele Dinge gleichzeitig zu organisieren und zu berücksichtigen galt. Allerdings sind große Herausforderungen ja manchmal die Dinge, die häufig kleiner erscheinen. Große Herausforderungen sind Erwerbungen, die weit über die eigentlich vorgegebenen Möglichkeiten des Hauses hinausgehen, wie z. B. der Ankauf von Joseph Beuys „vor dem Aufbruch aus Lager I“ (1970/80). Mit Kosten von 6,9 Mio. DM war es eine sehr große Herausforderung, all die Mittel von unterschiedlichen Geldgebern zu sammeln und zu erhalten. Auch stellten sich mir während meiner Karriere Herausforderungen, wenn es sich um Projekte handelte, deren Ergebnisse nicht vorhersehbar waren. Ich erinnere mich da an die Reihe „Performance 1979“ und eine weitere 1980, die mit sehr viel Engagement betrieben wurden und äußerst vital waren. Jede einzelne Ausstellung und jedes einzelne Projekt, so empfinde ich es, stellt eine Herausforderung dar. Wenn es mich nicht berühren würde, wäre ich nicht hier. Es ist wohl dieser Kitzel etwas erreichen zu können, was zunächst unmöglich erscheint. Das ist es, was es so spannend für mich macht.

Wie funktioniert solch ein Ankauf? Sind Sie der alleinige Entscheidungsträger?
Es gibt eine Ankaufskommission, die vom Stadtrat für die Städtische Galerie im Lenbachhaus berufen wird und die uns jährlich 75.000 Euro für den Ankauf zur Verfügung stellt. Ich kann nur sagen, dass alles, was ich bisher vorgeschlagen habe, auch genehmigt wurde. Letztlich halte ich es auch für wichtig, dass man sich nicht hinter Kommissionen versteckt, sondern auch dafür einsteht. Schließlich werden öffentliche Gelder ausgegeben, wofür man sich verantworten sollte – auch Fehlentscheidungen fallen darunter.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Kunstwerke aus, die Sie der Kommission vorschlagen?
Im Wesentlichen ist unsere Sammlung durch ihre Geschichte weitgehend vorgegeben, d. h. wir haben eine Geschichte zu der – wenn man sie weitererzählt – bestimmte Künstler passen. Wir haben immer versucht, Erwerbungen, aber auch unsere Ausstellung mit Bezug zur Sammlung zu machen. Entweder ist ein großer Fundus bereits vorhanden, aus dem wir schöpfen, oder wir suchen uns Künstler aus, deren Werke sich gut in unsere Sammlung integrieren lassen. Im Unterschied zu einer Kunsthalle oder einem Kunstverein sind wir ein Museum, das seine Sammlung auf Dauer anlegt und auch stark von dieser Schausammlung eigener Kunstwerke lebt.

Wie unterscheidet sich das Lenbachhaus heute von dem vor 30 Jahren? Haben Sie Veränderungen wahrgenommen und gab es damals womöglich mehr Raum für Experimente?
Ich denke, man war zwar in den 1970er und 80er Jahren noch wesentlich freier in dem, was man tun konnte, aber auch viel eingeschränkter hinsichtlich der Mittel, die zur Verfügung standen. Diese Restriktionen, die heute herrschen, hat es damals überhaupt nicht gegeben. Vieles wäre unter den heutigen Bedingungen gar nicht möglich gewesen, wie spontane Konzerte, bei denen Musiker mit Bargeld versorgt wurden. Solche Dinge waren die Regel, aber heutzutage wäre dies kaum ohne Genehmigungen realisierbar. Das scheint nun alles einen gediegeneren Weg zu gehen. Allerdings stehen heute auch mehr Gelder zu Verfügung.

Die kommende Ausstellung zu Gerhard Richters ATLAS wird Ihre letzte Ausstellung sein. Welche war Ihre erste?
Meine erste Ausstellung fand 1978 statt und war Rupprecht Geiger zu seinem 70. Geburtstag gewidmet. Das war eine Ausstellung, die für mich persönlich, aber auch für das Lenbachhaus, von überaus großer Wirkung war. Er hat dem Lenbachhaus eine große Sammlung seiner Arbeiten geschenkt, sodass wir zu seinem 100. Geburtstag eine weitere Ausstellung veranstalten konnten. Es war sehr erfreulich, dass wir diesen Moment noch gemeinsam mit ihm erleben durften, denn Rupprecht Geiger wurde immerhin 102 Jahre alt. Insofern war es auch für mich überraschend, dass er mich praktisch meine ganze Zeit hier am Lenbachhaus begleitet hat.

Hatten sie eine persönliche Beziehung zu Rupprecht Geiger?
Ja, immer. Man kann schon sagen, dass wir gut befreundet waren. Ich habe mit ihm verschiedenste Projekte realisiert, wie u. a. auch sein gesamtes Werkverzeichnis erstellt.

Was wird Ihnen an Ihrer Arbeit am Lenbachhaus am meisten fehlen?
Mir wird wahrscheinlich dieser selbstverständliche und alltägliche Umgang mit Kunst fehlen, wie beispielsweise, dass hier direkt neben uns eine Tafel von Gerhard Richters ATLAS steht. Ich werde Museen natürlich weiterhin sehr gerne besuchen, allerdings ist man als Besucher auf einer gewissen Distanzebene. Diese Unmittelbarkeit zu den Werken, das ist etwas, das mir doch sehr fehlen wird.

Welches Kunstwerk aus der Sammlung würden Sie sich für Ihren Abschied wünschen, wenn Sie sich eines auswählen dürften?
Ein Environment von Joseph Beuys wäre da wohl nicht vorstellbar. (lacht) Bilder, mit denen ich mich aber sehr gerne und intensiv beschäftige, sind z. B. die jüngsten Streifenbilder von Gerhard Richter, wobei diese schon zu groß für meine Räume wären. Ich könnte mir sehr gut ein Bild vorstellen, wie Kandinskys „Roter Fleck II“, aber genauso auch einen winzigen Klee, wie der „Zerstörte Ort“. Das ist ein Bild, welches ich unglaublich gut finde. Es gibt ganz viele Kunstwerke, die mir sehr gefallen.

Welche Kultureinrichtung in München besuchen Sie am liebsten?
Wo ich mich am liebsten aufhalte, das verrate ich nicht. (lacht) Aber ich bin immer sehr gerne in der Alten Pinakothek – da mache ich gar keinen Hehl daraus. Für mich ist es wichtig, gerade wenn ich mich viel mit Gegenwartskunst befasse, Maßstäbe auch im Hinblick auf die Historie neu zu setzen. In der Alten Pinakothek kann man immer wieder die vielfältigsten Themen, Motive und malerischen Techniken entdecken. Ich gehe seit etwa 50 Jahren in die Alte Pinakothek und sie ist immer voller Überraschungen.

Trang Vu Thuy ist Volontärin in der Kommunikationsabteilung der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.