von Sabine Scherz, Gastbloggerin.

Wie Museums-Exponate eine gute Figur machen
Neulich stöberte ich in alten Fotos herum, weil ich auf der Suche nach einem Kinderfoto von mir war. Dabei stellte ich einigermaßen entsetzt fest, wie viele Fotos sich bereits farblich verändert hatten. Am schlimmsten hat es bei mir die Farbfotos aus den 70er und 80 Jahren erwischt. Wie sieht’s damit bei Ihnen aus?

Geht man aber in ein Museum, sehen die Fotos an den Wänden perfekter aus als Daheim. Wie machen die das? Chemische Abbauprozesse, Schmutz und Vergilbung machen auch vor einem Museum nicht Halt! Die Auflösung: Hier gibt es Fachleute, die alles dafür tun, diese Prozesse aufzuhalten oder zu bremsen. Sie versuchen uns Besuchern den Eindruck des Originalwerkes – wie es zu seiner Entstehungszeit ausgesehen hat – zu erhalten und zu vermitteln.

Ich habe deshalb mit Daniel Oggenfuss, dem Grafikrestaurator des Lenbachhauses gesprochen. Er gab mir einen Einblick in seine vielschichtige Arbeit und besonders beeindruckte mich, wie stark sich Restauratoren mit den Kunstwerken auseinandersetzen. Ich würde die kühne Aussage wagen, dass sie aufgrund ihrer Arbeit das Werk von seiner technischen Seite oft besser kennen wie der Künstler selbst.

Herr Oggenfuss, welche Tätigkeiten mögen Sie als Grafikrestaurator besonders?
Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Aber ich versuche es. Ich beschäftige mich gerne intensiv mit dem Objekt, das ich bearbeite. Es ist spannend sich technisch, historisch und inhaltlich in ein Kunstwerk zu vertiefen und darüber Schadensbilder, sowie Abbauprozesse besser verstehen zu können.

Die konzentrierte Beschäftigung mit einem Objekt ist allerdings im Alltagsgeschäft nicht immer einfach, da die Aufgaben der Restauratoren häufig schnelles Reagieren und Handeln erfordern. Außerdem ist da die Arbeit am Computer, im Depot, Klimakontrolle und Rundgänge durch die Ausstellungsräume, sowie Vorbereitungsaufgaben für Ausleihen usw. Zusätzlich befasse ich mich gerne mit der historisch korrekten Rahmung von Objekten. Normalerweise werden in Grafischen Sammlungen Papierarbeiten sehr standardisiert und einfach gerahmt. Am Lenbachhaus behandeln wir Papierarbeiten bildhafter und rahmen sie möglichst der jeweiligen Zeit entsprechend, um damit die Werke aufzuwerten und sie zu kontextualisieren. Ein Beispiel dafür ist in unserer Schausammlung das Kabinett der Heilmann Stiftung mit Wolkenstudien von Johann Wolfgang von Dillis.

Ab Oktober wird der Atlas von Gerhard Richter ausgestellt. Wie sehen Ihre Tätigkeiten im Zusammenhang damit aus?
Der Atlas von Richter ist eine Art Skizzenbuch, in das Richter seit 1962, z.B. Fotos, Zeitungsausschnitte, Detailaufnahmen von Gemälden und Entwürfe auf Kartons geklebt hat. Diese Motive bilden oft die Vorlage für seine Werke. Häufig sind 9 bis 16 Fotografien auf Fotokarton jeweils von ca. 50 x 70 cm Größe aufgebracht. Das ganze Werk bildet eine sehr umfangreiche Sammlung von Ideenskizzen und Vorlagen, und lässt die Werkentwicklung Gerhard Richters anschaulich ablesen.

Das Lenbachhaus hat den Atlas 1998 angekauft, der damals rund 550 Tafeln umfasste. Über die Jahre wurde das Werk immer weiter ergänzt und ist heute auf eine Anzahl von 783 Tafeln angewachsen. Zuletzt war der Atlas 2012 zu Richters 80. Geburtstag in der Kunsthalle im Lipsiusbau in Dresden komplett zu sehen. Der Atlas birgt diverse konservatorische Probleme. Insbesondere die Originalrahmung aus den 1970er Jahren der ersten 550 Tafeln barg ein Gefahrenpotenzial.

Die Rahmung war sehr hermetisch und bildete so ein Mikroklima, das sich negativ auf die Haltbarkeit der Fotografien auswirkte. Die Fotografien lagen bei dieser Rahmung direkt auf Pressung am Glas, welche eine zusätzliche Gefährdung der Objekte bedeutete. Die Qualität der Farbabzüge ist in ihrem heutigen Zustand sehr unterschiedlich. Richter hat diese in verschiedenen Laboren entwickeln lassen und die Bilder haben sich deshalb über die Zeit verändert. Die meisten der Fotografien sind mehr oder weniger stark rotstichig, da die lichtempfindlicheren Farbstoffe, wie Gelb und Blau schneller dem Abbauprozess unterworfen sind. Wir haben deshalb im Vorfeld der Ausstellung in Dresden eine neue Rahmung entwickelt, wofür Gerhard Richter sehr offen war. Die neuen Rahmen sind äußerlich so gestaltet, wie die Originale, weil die Ästhetik nicht verändert werden sollte. Der einzig sichtbare Eingriff ist ein Abstandshalter, der ermöglicht, dass die Objekte nicht weiter mit dem Glas in Berührung kommen. Die Rahmenrückseiten sind nicht mehr hermetisch verschlossen und lassen einen Luftaustausch zu.

Wie viel Zeit haben Sie für die Neurahmung des Atlas benötigt?
Die Neurahmung wurde 2010/11 umgesetzt und durch die tatkräftige Unterstützung einer Hilfskraft in 5 Monaten umgesetzt. Dazu muss man allerdings noch die Entwicklung der neuen Rahmen miteinbeziehen und auch die Finanzierung musste geklärt werden. Der Vorlauf dürfte sich auf ein Dreivierteljahr erstreckt haben.

Können Sie im Zusammenhang mit dem Atlas eine besondere Herausforderung nennen?
Ja. Der Block der Eisbilder hatte sich im Lauf der Zeit verändert, weil er früher schon ausgestellt wurde und dadurch mehr Licht bekommen hat. Richter hat in Dresden den Wunsch geäußert, diesen Block zu ersetzen. Er besitzt noch die Negative der Bilder. Einer seiner Assistenten suchte die entsprechenden Negative heraus und das Atelier Richter hat von den 60 Tafeln, also von rund 600 Bildern neue Abzüge herstellen lassen. Wir haben festgestellt, dass sich die Negative teilweise über die Zeit verändert haben. Deshalb gibt es bei den Reproduktionen leichte farbliche Unterschiede. Von den Fotos, deren Negative nicht mehr auffindbar sind, wurden Reproduktionen hergestellt und durch digitale Bildbearbeitung angepasst. Zu unserer Ausstellung ab dem 23. Oktober 2013 im Kunstbau wird der Atlas außerdem um ca. 20 Tafeln erweitert und damit dann abgeschlossen sein.

Wie führte Sie Ihr Weg ans Lenbachhaus München?
Ich komme aus der Schweiz und habe dort zunächst eine Berufslehre als Buchbinder gemacht. Bald habe ich gemerkt, dass mich dieser Beruf nicht ausfüllt. So habe ich in Zürich in der Buchrestaurierung gearbeitet; das hat mir getaugt. Deshalb wollte ich das auf eine andere Basis stellen und habe im Fachbereich Papier ab 1992 ein 4-jähriges Fachhochschulstudium im Bereich Restaurierung und Konservierung von Buch, Grafik und Fotografie gemacht: Von da an hat sich mein Interesse für Kunst vertieft und ich habe mich nach dem Studium in diese Richtung weiter entwickelt. Ich habe für die Grafische Sammlung einer Bibliothek und verschiedene Institutionen, sowie Galerien in Bern und Umgebung gearbeitet. Für das Lenbachhaus bin ich aufgrund einer Stellenausschreibung seit 1999 tätig.

Welche Kultureinrichtung in München und Umgebung besuchen Sie gerne?
Das Fotomuseum im Stadtmuseum macht sehr schöne Ausstellungen und dort gehe ich gerne hin. Vor kurzem hat mich die Foto-Ausstellung „Aufstieg und Fall der Apartheid“ im Haus der Kunst sehr beeindruckt. Die Ausstellung visualisierte auf beeindruckende Art und Weise die wechselseitige Beeinflussung zwischen dem Medium Fotografie und der Politik, sowie die Entwicklung des Konfliktes.

Welches Bild aus der Sammlung würden Sie sich zu Hause über die Couch hängen, wenn Sie sich eines auswählen dürften?
Daniel Oggenfuss überlegt: Hmm.. es soll ja auch übers Sofa passen, nicht? Da würde ich mich für ein Datumsbild von On Kawara aus der „Today Series“ entscheiden. Konzept und Idee finde ich fantastisch. Überhaupt mag ich generell Arbeiten der Conceptual Art. Zu den Datumsbildern gehören teilweise einzelne Schachteln mit dem Titelblatt einer Zeitung von dem selben Tag, an dem das Bild gemalt wurde.

Sabine Scherz ist Gastbloggerin für den Lenbachhaus Blog.

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