von Karolin Nirschl, Gastbloggerin.

Wo Kunstwerke nicht nur auf ihr Äußeres reduziert werden…
In einem Kunstmuseum werden Werke aufbewahrt und ausgestellt. Das weiß jeder. Woher die Kunstwerke kommen und welche Geschichten sie erzählen, das weiß am ehesten jemand wie Lisa Kern vom Sammlungsarchiv des Lenbachhauses. Dort werden sämtliche Inventare und Karteien des Museums seit seiner Gründung im Jahr 1929 aufbewahrt. Hier lagern die historischen Akten zur Geschichte des Museums und zu den einzelnen Sammlungen, den Erwerbungen, den Korrespondenzen usw.. Dazu kommen Ausstellungsakten und Unterlagen, die für die Provenienzforschung wichtig sind.

Frau Kern, was ist die Aufgabe des Sammlungsarchivs?
Wir haben die Aufgabe, alle wichtigen Informationen aufzunehmen – z.B. beim Inventarisieren der Werke – und sie zu dokumentieren und ständig zu erweitern. Zur Kunstsammlung gehören ungefähr 25.000 Kunstwerke, die wir verwalten, dazu kommen einige Sammlungen aus Stiftungen wie z.B. die KiCo Stiftung oder die Heilmann-Stiftung. Die Werke selbst befinden sich natürlich im Museum oder im Depot.

Welchen Umfang hat das Archiv und wo ist es untergebracht?
Das Archiv „bewohnt“ zwei Räume in unserer wissenschaftlichen Abteilung. Dort haben meine Kollegin Irene Netta und ich auch unseren Arbeitsplatz. In Aktenmetern kann ich den Umfang kurz nach unserem Umzug noch nicht genau ausdrücken, aber es sind einige…

Wer nutzt dieses Archiv bzw. wer hat dazu Zugang?
Natürlich wird das Archiv und die Sammlungsdatenbank von den Mitarbeitern des Lenbachhauses für viele verschiedene Arbeitsprozesse im Museum genutzt, aber auch externe Forscher können Akten auf Anfrage einsehen. Außerdem erreichen uns sehr viele Anfragen zu den Beständen des Archivs, den Sammlungen oder auch zu einzelnen Kunstwerken oder Künstlern.

Thema Digitalisierung: Inwieweit wird sie zur Erhaltung und Nutzbarmachung der Informationen eingesetzt?
An diesem Thema sind wir ganz aktuell dran. Für die Museen wird es immer wichtiger, die digitalen Möglichkeiten für die Dokumentation und Erforschung ihrer Sammlungsbestände zu nutzen. Dabei geht es außerdem darum, Informationen für Leute zugänglich zu machen, die nicht im Museum sitzen oder vielleicht sogar am anderen Ende der Welt.
Im kleinen Rahmen passiert es auch bei uns ständig, dass Dokumente (auch historische) digitalisiert und damit auch elektronisch konserviert werden. Will man das im großen Stil machen, muss man sich aber ein gutes Konzept und eine Struktur überlegen und sich natürlich auch über die Datenspeicherung Gedanken machen. Ein Projekt, an dem ich in diesem Zusammenhang gerade mitarbeite, ist das Konzept für eine museumsübergreifende Datenbank für die Museen der Stadt München. Das ist hochspannend, weil es um die Schnittstelle zwischen der fachlichen Arbeit im Museum und der Technik geht.

Wie muss man sich Ihren Arbeitsalltag vorstellen?
Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt viel Arbeit im Archiv und natürlich am Computer. Aber wir sind auch im Museum unterwegs, um beispielsweise Kunstwerke gemeinsam mit den Restauratoren zu inventarisieren oder zu prüfen. Natürlich freue ich mich immer, wenn ich der Kunst dabei ein bisschen näher kommen kann und zum Beispiel Rückseiten mit Etiketten und Beschriftungen untersuchen darf. Manche Rückseiten erzählen ganze Geschichten: wo kommt das Bild her, auf welchen Ausstellungen wurde es gezeigt, wann wurde es restauriert, wer hat es transportiert, was hat der Künstler selbst auf dem Bild vermerkt?

In der Provenienzforschung geht es darum, die Herkunftsgeschichte von Kunstwerken aufzuklären. Welche Bedeutung hat das für die Museen?
1998 und 1999 wurden mit dem so genannten Washingtoner Abkommen und den darauf folgenden Erklärungen der Bundesregierung und der Kommunen eine Grundlage für die Recherche nach und die Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern geschaffen. Seitdem bemühen sich viele Museen und Kulturinstitutionen um die Aufarbeitung ihrer Bestände. Viele Kunstwerke wurden seitdem restituiert – also an die rechtmäßigen Besitzer bzw. ihre Erben zurückgegeben – auch vom Lenbachhaus. Für ein Museum ist die Provenienzforschung außerdem immer ganz eng mit der eigenen Sammlungs- und Institutionsgeschichte verknüpft.

Und wie geht eine solche Rückverfolgung dann praktisch vor sich?
Ausgangspunkt ist in der Regel das Kunstwerk selbst – noch mehr als die Vorderseite eines Bildes interessiert bei der Provenienzforschung deshalb immer die Rückseite. Ausgehend von Informationen, die am Objekt oder im Inventar zu finden sind, geht dann die Recherche nach Quellen und Dokumenten, – etwa in Archiven, Ämtern oder anderen Museen, weiter.

Werden dabei nur einzelne Werke aufgrund von konkreten Anfragen untersucht oder wird der gesamte Bestand des Lenbachhauses systematisch geprüft?
Beides wird gemacht. Der Bestand wird seit vielen Jahren untersucht mit dem Ziel, Konvolute oder einzelne Kunstwerke zu finden, die unrechtmäßig entzogen wurden. In anderen Fällen sind Anfragen oder auch Restitutionsforderungen Ausgangspunkt einer Recherche. Prinzipiell versuchen wir, alle Erwerbungen möglichst gut zu dokumentieren und fehlende Daten zu ergänzen.

Was ist Ihr momentaner Arbeitsschwerpunkt?
Momentan bereiten wir ein Buch zu einem Werk vor, dessen Geschichte wir schon recherchiert haben, nämlich Franz von Stucks „Salome“. In diesem Fall geht es nicht um Raubkunst, sondern um einen interessanten amerikanischen Sammler und die Geschichte des Bildes, das schon ein Jahr nach seiner Entstehung durch ganz Amerika tourte. Viele Provenienzen erzählen uns gute Geschichten über die Kunstwerke und den Kontext ihrer Entstehung.

Verändert diese intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte eines Werkes die persönliche Beziehung dazu?
Ja, auf jeden Fall! „Salome“ ist seit der Recherche für mich ein ganz besonderes Werk in der Lenbachhaus-Sammlung. Ich habe sie seit der Wiedereröffnung schon oft im zweiten Stockwerk besucht, wo sie jetzt wieder ausgestellt ist.

Sicher stößt man bei den Recherchen mitunter auch auf ganz unerwartete Dinge. Was ist das Skurrilste, was Sie einmal herausgefunden haben?
Das ist auch eine Geschichte aus dem Umfeld der „Salome“, sogar eine Liebesgeschichte. Aber dazu dann mehr in unserer Publikation!

Was lieben Sie an Ihrer Arbeit und was könnte man Ihnen auch gerne abnehmen?
Was ich sehr mag, ist die direkte Arbeit mit den Originalen und auch das ruhige, vertiefte Arbeiten beim Recherchieren oder beim Bearbeiten der Bestandsdaten. Das Suchen und Auswerten von Quellen macht mir auch viel Spaß, – die Arbeit kann manchmal geradezu detektivisch sein. Was ich ab und an gerne abgeben würde, ist die Arbeit mit endlosen Datenlisten… andererseits lernt man die Sammlung darüber auch gut kennen.

Wie führte Sie Ihr Weg ans Lenbachhaus München?

Ich habe an der LMU in München Kunstgeschichte studiert und dann drei Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen für die Pinakotheken und das Museum Brandhorst gearbeitet. Vor drei Jahren bin ich dann ans Lenbachhaus gekommen.

Stellen Sie sich vor, Sie dürften sich ein Werk aus dem Lenbachhaus aussuchen und zu Hause über die Couch hängen. Welches würden Sie mitnehmen?
Mein aktueller Favorit ist ein ganz wichtiges Bild unserer Sammlung: Kandinskys „Impression III“. Aber das wechselt häufiger… Bei der Neuen Sachlichkeit gibt es auch ein paar Werke die ich sehr gerne mag, wie zum Beispiel Schlichters Brecht-Porträt.

Abgesehen vom Lenbachhaus: Welche Kultureinrichtung in München und Umgebung besuchen Sie gerne?
Besonders mag ich die Alte Pinakothek und dort vor allem Dürer und die Italiener. Die Pinakotheken waren für mich der Einstieg in die Museumsarbeit und die „AP“ hatte es mir mit ihren hohen, stillen Räumen von Anfang an sehr angetan.

Karolin Nirschl ist Studentin der Kunstgeschichte an der LMU und Gastbloggerin für den Lenbachhaus Blog.

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